Kein strenges Korrigieren, kein bewertender Blick – nur ein stiller Zuhörer, der geduldig wartet. Einer, der nicht lacht, wenn ein Wort stockt, und nicht drängt, wenn es länger dauert. Manchmal braucht es nicht viel, damit ein Kind den Mut findet, laut zu lesen. Im zürcherischen Wädenswil leben zwei Hunde, die genau das möglich machen. Lisi und Ayla hören zu. Einfach so. Und genau darin liegt ihre besondere Gabe.
Was als ungeplante Begegnung mit einer rumänischen Strassenhündin begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer Herzensaufgabe für Rahel Baumann, die mit ihrer Familie auf einem Landwirtschaftsbetrieb in Wädenswil lebt: Kinder stärken, ihnen die Angst vor dem Lesen nehmen und ihnen zeigen, dass Vorlesen auch Freude machen kann.
Vom Hofhund zum Familienhund
Rahel Baumann ist auf dem elterlichen Landwirtschaftsbetrieb mit einem ganz traditionellen Hofhund aufgewachsen, der draussen seine Hütte hatte und Tag und Nacht den Hof bewachte. Als sie später zu ihrem Mann Wädi auf den Hof zog, hatten sie zunächst keinen Hund.
Doch als die rumänische Strassenmischung Lisi ungeplant in ihr Leben trat, wurde sie von Anfang an Teil der vierköpfigen Familie Baumann.
Die Familie lebt in Wädenswil auf dem Hofacher, und führt einen Milchwirtschaftsbetrieb sowie ein Lohnunternehmen. Die beiden Kinder, Damian und Ladina, sind heute 12 und 14 Jahre alt. Dem einen oder anderen ist Rahel Baumann vielleicht aus der «SRF Landfrauenküche» bekannt, an der sie 2023 teilgenommen hat.
Liebe auf den ersten Blick
Lisi wäre als vierjährige Hündin ins Tierheim gekommen, wenn Rahel Baumann nicht durch ein Schulgspändli ihrer Kinder auf sie aufmerksam geworden wäre. Es war Liebe auf den ersten Blick. Mit ihrer genügsamen, liebevollen und ruhigen Art eroberte Lisi das Herz der Bauersfrau im Sturm.
Rahel Baumann besuchte mit ihr einige Male die Hundeschule und wurde bald von einer anderen Hundebesitzerin auf die Aktion «Prevent a Bite» aufmerksam gemacht: Ein Präventionsprogramm, bei dem Kinder lernen, sich Hunden gegenüber richtig zu verhalten und so Hundebisse zu vermeiden.
Richtiges Verhalten rund um Hunde
Dabei besuchen vier bis fünf Hundeführerinnen mit ihren Hunden Kindergärten und zeigen den Kindern den richtigen Umgang mit Hunden: Stehenbleiben statt wegrennen, sich ruhig verhalten, sich «uninteressant» machen, indem sie die Arme locker hängen lassen.
Natürlich gehört auch dazu, dass die Kinder, wenn sie möchten, den Hund am Ende streicheln dürfen. Ebenso lernen sie, dass man einen fremden Hund niemals berühren soll, ohne den Besitzer zu fragen. Die Lektionen werden mit einer Handpuppe begleitet – etwas, das Rahel Baumann zuerst lernen musste und sie anfangs etwas Überwindung kostete.
Speziell geschulte Hundeführerinnen
Die Hundeführerinnen, die jeweils in kleinen Gruppen im Einsatz sind, werden vom Veterinäramt Zürich angestellt. Sowohl die Hunde als auch ihre Führerinnen werden sorgfältig ausgebildet und regelmässig geschult. Dabei wird darauf geachtet, dass die Hunde nie überfordert werden.
Lisi war acht Jahre lang im Einsatz. Deshalb begann Rahel Baumann, sich nach einem zweiten Hund umzusehen, um sie langsam zu entlasten. «Wädi war anfangs nicht unbedingt begeistert von der Idee, zwei Hunde zu haben», erzählt sie lachend.
Sie wollte aber keinen Welpen, sondern einem heimatlosen Hund ein Zuhause geben. Nach vielen durchforsteten Inseraten zog schliesslich Ayla ihre Aufmerksamkeit auf sich, erneut ein Tierschutzhund, diesmal aus Griechenland. Das Bauchgefühl stimmte: Wirbelwind Ayla fügte sich problemlos ins Familienleben ein und versteht sich bestens mit der geduldigen Lisi.
Lisi ist nun in Pension
Auch Ayla bestand die Eignungstests mit Bravour. Alle zwei Jahre müssen die Hunde einen Wiederholungstest absolvieren. Kurz vor dem letzten Test hatte Lisi vermutlich eine Art Schlaganfall. Seither ist sie pensioniert und nur noch bei Rahels anderem Herzensprojekt, den «Lesehunden», im Einsatz.
Immer wieder begegnete Rahel Baumann in Artikeln dem Projekt «Lesehunde». Die Idee, dass Kinder ihre Hemmschwelle beim Lesen, insbesondere beim lauten Lesen, überwinden können, indem sie einem Hund vorlesen, faszinierte sie sofort. Zwar gibt es dafür eine offizielle Ausbildung, doch aus Kostengründen kam diese für die 39-Jährige bisher nicht infrage.
Ehrenamtlich bei den Zweit- und Drittklässlern
Da sie jedoch einen guten Kontakt zu den Lehrerinnen ihres Dorfes hat, schlug sie vor, das Angebot kostenlos auszuprobieren. Die Schulbehörde erklärte sich einverstanden, einen Pilotversuch zu starten. Heute besucht Rahel Baumann mit Ayla und Lisi ehrenamtlich Zweit- und Drittklässler in ihrem Dorf.
Anders als im Kindergarten dürfen sich die Hunde während der Lesestunden frei im Raum bewegen und ihren Platz selbst wählen. Ayla, die verschmuste «Kuscheltante», sucht dabei gerne die Nähe des lesenden Kindes, während es sich Lisi lieber gemütlich in einer Ecke einrichtet. «Vermutlich hört sie sowieso nicht mehr alles», meint Rahel Bauman schmunzelnd.
Vorlesen ohne Bewertung
«Es ist erstaunlich, wie schnell die Kinder sicherer und flüssiger lesen», erzählt Rahel Baumann. «Wichtig ist, dass sie merken, dass Vorlesen Spass macht.» Während dieser Zeit wird weder korrigiert noch bewertet – es wird einfach zugehört.
«Ich habe schon viele schöne Geschichten gehört. Etwa von Kindern, die zu Hause plötzlich ihren Katzen, kleineren Geschwistern oder Plüschtieren vorlesen.» Ein Hund namens Blacky wurde sogar einmal kurzerhand in die Garage gesperrt, damit er während der Lesestunde «zuhören» musste, allerdings nicht ganz freiwillig.
«Das Leben und die Arbeit mit meinen beiden Hunden erfüllt mich und ich bin mit meinem Einsatz genau am richtigen Ort. Wenn wir nur ein wenig dazu beitragen können, dass es weniger Unfälle gibt und Kinder lieber lesen lernen, dann lohnt sich der ganze Aufwand.»

