Das Risiko von Menschen ohne Hypertonie, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, steigt demnach nicht mit hohem Salzkonsum, sondern eher mit zu wenig Salz pro Tag. Darauf verwies jetzt die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) mit Berufung auf die Metaanalyse im Fachblatt "Lancet", bei der die Daten von zahlreichen Studien zu diesem Thema zusammengefasst und noch einmal ausgewertet wurden.

Die internationale Empfehlung für Erwachsene lautet, täglich höchstens fünf Gramm Kochsalz zu konsumieren. Der Durchschnitt der Bevölkerung in vielen Ländern wie der Schweiz liegt deutlich darüber.

Laut Bundesamt für Gesundheit BAG konsumierten Schweizer Männer 2010/2011 durchschnittlich knapp elf Gramm Salz pro Tag, Frauen etwa acht Gramm. Nur 22 Prozent der Frauen und 6 Prozent der Männer erfüllten die internationale Empfehlung von maximal fünf Gramm Salz am Tag.

Dass viel Kochsalz den Blutdruck erhöht und damit Organe und Gefässe schädigt, haben in der Vergangenheit zahlreiche Untersuchungen nahegelegt. Helmut Schatz vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) sagte dazu: "Das im Kochsalz enthaltene Natrium bindet Wasser und erhöht damit das Blutvolumen. Der Druck in den Gefässen wird höher und damit auch der Blutdruck, so eine vereinfachte Erklärung eines komplexen Vorgangs."

Viele Ursachen für Hochdruck

Doch so simpel sei die Angelegenheit nicht. "Heute weiss man, dass Bluthochdruck viele Ursachen hat. Bluthochdruck einfach mit viel Natrium gleichzusetzen, trifft nicht zu. Lange Zeit galt in Bezug auf Salz die Devise 'je weniger, desto besser'. Das müssen wir nach den Ergebnissen der Lancet-Studie nun differenzierter betrachten", wurde der Endokrinologe in einer Mitteilung der DGE zitiert.

Die Forscher um Andrew Mente von der McMaster University in Hamilton in Kanada fassten in ihrer Metaanalyse vier grossen Studien mit insgesamt 135'000 Menschen aus 49 Ländern zusammen. Die Daten umfassten die tägliche Urinausscheidung von Natrium und Herz-Kreislauf-Ereignisse sowie Gesamttodesfälle.

An der Natriumausscheidung im Harn kann man die Aufnahme von Kochsalz beurteilen; dieses besteht nämlich aus Natrium und Chlor (NaCl), wobei fünf Gramm Kochsalz etwa 2,3 Gramm Natrium entsprechen.

Mente und seine Mitarbeiter unterschieden in ihrer Metaanalyse zwischen Menschen mit und ohne Bluthochdruck. Bei Hochdruckpatienten stieg die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Zwischenfällen erwartungsgemäss bei einer Natriumaufnahme, die über vier bis fünf Gramm pro Tag hinausging.

Zu wenig Salz ist auch schlecht

Dies war bei Menschen mit normalem Blutdruck jedoch nicht der Fall. Bei einer Zufuhr von Natrium unter drei Gramm pro Tag wurden Herz-Kreislauf-Ereignisse und Gesamttodesfälle hingegen sowohl bei Menschen mit als auch ohne Bluthochdruck erhöht.

Es ist nicht die erste Arbeit, die das Salz-Dogma infrage stellt: Bereits 2011 zeigte eine europäische Populationsstudie, dass bei niedrigem Salzkonsum eine erhöhte kardiovaskuläre Mortalität besteht, allerdings war es ein relativ kleine Studie mit nur etwa 3700 Teilnehmern.

Für Matthias Weber, DGE-Mediensprecher von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, haben diese Erkenntnisse durchaus einen gesundheitspolitischen Einfluss. "Die Lancet-Arbeit zeigt uns, zu wenig Salz - unabhängig davon ob der Mensch einen erhöhten oder einen normalen Blutdruck hat - sollte man auch nicht zu sich nehmen. Aber das Problem stellt sich angesichts der Produktionsbedingungen und Ernährungsgewohnheiten in Deutschland nicht", meinte er.

Fertiggerichte, Brot, Wurst, Käse und Milchprodukte enthalten alle reichlich Kochsalz. Weber sagte: "Bluthochdruckpatienten sollten nach wie vor Salz meiden oder nur sparsam verwenden. Dies gilt auch für Patienten mit Herzinsuffizienz. Menschen mit normalem Blutdruck müssen weniger auf Ihren Salzkonsum achten."

sda/apa