Es ist nur eine Hand, die mehrere Minuten lang entspannt auf der bekleideten Schulter der Frau liegt. Doch diese Berührung reicht aus, dass deren Atem ruhiger wird, die Gesichtsmuskeln sich entspannen. «Das erlebe ich oft», sagt Anemone Eglin. Die Theologin hat sich auf Handauflegen spezialisiert.
Handauflegen? Das klingt für manche auf den ersten Blick nach Humbug oder selbst ernannten Heilern, die damit etwas bewirken wollen. Andererseits weiss man heute aus Studien, dass Berührungen viel bewirken können. Es werden unter anderem vermehrt Glückshormone und das «Kuschelhormon» Oxytocin ausgeschüttet. Das «Stresshormon» Cortisol wird gedrosselt und die Hirnwellen verlangsamen sich. Berührungen können positiv auf Schmerzen und Depressionssymptome wirken und das Immunsystem stärken.
Das einfache Handauflegen hat mehrere Facetten. Zum einen ist es eine selbstverständliche, zwischenmenschliche Geste, um jemanden zu trösten oder Anteilnahme auszudrücken. Sei es ein Kind mit aufgeschlagenem Knie, die frisch geschiedene Nachbarin oder der Bruder mit den Geldsorgen.
Altes Heilritual
Zum anderen finden sich Heilrituale, die mit Handauflegen verbunden sind, seit rund 3500 Jahren in verschiedenen Kulturen und spirituellen Traditionen, wie alte Texte belegen. Dann geriet es in unseren Breitengraden in den Hintergrund. «Seit einiger Zeit steigt das Interesse am Handauflagen aber deutlich», sagt Anemone Eglin. «Das begann schon vor Corona.»
Sie selbst lernte das Handauflegen bereits im Studium kennen. Später wandte sie es als Pfarrerin in der reformierten Kirche bei Segnungsgottesdiensten an. «Das hat viel bei den Leuten ausgelöst, mache hatten Tränen in den Augen.»
Ohne konkretes Ziel
Anemone Eglin begann schon als junge Pfarrerin, die Praxis der Kontemplation einzuüben, die christlich-mystische Variante der Meditation und sie absolvierte eine Weiterbildung in Handauflegen. «Dieses absichtslose sich Auftun und Berühren sprach mich an. Ich merkte: das ist meins»
Ihre ersten Erfahrungen machte sie mit demenzerkranken Frauen. «Die eine sagte plötzlich ganz klar ‹schön›», erinnert sie sich. «Es war eine Begegnung zwischen zwei Menschen auf Augenhöhe, wie ein nonverbales Gespräch.»
Nach ihrer Frühpensionierung eröffnete die heute 69-Jährige in Winterthur eine eigene Praxis, in der sie Handauflegen auf Basis der Kontemplation anbietet. Es kommen Menschen mit chronischen Schmerzen, mit psychischen Themen wie Angst oder Schlafstörungen und solche, die eine spirituelle Erfahrung machen möchten.
Angehörigen helfen
Regelmässig betreut sie zudem Patienten auf der Palliativstation eines Akutspitals und gibt Kurse für Fachleute und Laien. «Gerade Bäuerinnen erlebe ich als sehr offen für das Thema», sagt die Theologin, selbst Enkelin eines Bauern. «Viele möchten kranken Angehörigen helfen.»
Aber braucht es fürs Handauflegen nicht eine «Gabe»? Die Theologin verneint. «Es braucht Wohlwollen und Offenheit. Und es braucht Vertrauen, dass es heilsam wirkt – ohne Vorstellung, was das genau heisst. Ohne Absicht. Man darf nichts herbeiführen wollen.» Es sei ein Übergriff, wenn man meine, man wisse beim Handauflegen, was für die andere Person richtig sei.
Mit den Händen Gutes tun
Anemone Eglin hat ein Buch zum Thema geschrieben und hofft, dass das Handauflegen von der Kirche wieder aufgenommen wird. «Vereinzelt gibt es schon Angebote.» Und sie wünscht sich, dass es auch im Gesundheitswesen als komplementäres Heilverfahren seinen Platz bekommt. Denn Handauflegen tue nicht weh, im Gegensatz zu invasiven Schmerztherapien. Schon die Entspannung kann schmerzlindernd wirken.
Anemone Eglin blickt auf ihre Hände, hebt sie hoch. «Handauflegen ist in uns Menschen drin. Es entfaltet seine Wirkung dort, wo es nötig ist - manchmal auf überraschende Weise. Wir können einander mit unseren Händen Gutes tun.»
Mehr Informationen: www.anemone-eglin.ch
Buchtipp
Annemone Eglin Handauflegen mit Herz und Verstand Theologischer Verlag Zürich
Berührungen, die ankommen
«Jeder Mensch braucht Berührung, lebenslang», sagt Dr. Anik Debrot, Psychologin an der Universität Lausanne. Sie ist Berührungsforscherin und hat mehrere Studien rund ums Thema geleitet. Aus ihrer Arbeit weiss sie: Berührungen wirken am besten, wenn sie mit einer vertrauten Person ausgetauscht werden.
Bei Paaren kommt es zudem darauf an, wie gut die Beziehung ist. «Bei Studien sowohl vor wie während der Pandemie zeigte sich: Nur in guten Beziehungen sind Berührungen mit grösserem Wohlbefinden verbunden.»
Zudem kommt es auf die Absicht an, die hinter der Berührung steckt. Geschieht die Berührung ohne Erlaubnis? Bedrängt man jemanden damit? Geht es um Manipulation, Kontrolle, Konfliktvermeidung? Dann hat die Berührung keine positiven Auswirkungen.
Dagegen haben jene Berührungen positive Folgen, hinter denen eine wohlwollende und nicht fordernde Absicht steckt. Im Sinne von: «Schön, dass es dich in meinem Leben gibt.» Anik Debrot: «Aus den Studien mit Paaren wissen wir: Dann können Berührungen die Stimmung über mehrere Stunden heben und helfen, Konflikte zu entschärfen.»
Unsere Streichelnerven
Wir haben einen Streichelsinn, wie Wissenschaftler der schwedischen Universität Göteborg herausfanden. Sie entdeckten ein Netzwerk aus bis dahin unbekannten Sensoren, die sogenannten C-taktilen Nerven oder CT-Nerven.
CT-Nerven gibt es überall dort am Körper, wo Haare und Härchen wachsen. Vor allem am oberen Rücken und an den Armen sind sie besonders empfänglich, wie Versuche zeigten. Im Vergleich zu anderen Fasern senden CT-Nerven die Signale eher langsam ans Gehirn.
Damit ein Streicheln als angenehm empfunden wird, darf es daher nicht zu kurz sein und/oder nicht zu schnell ausgeführt werden: Die «optimale Streichelgeschwindigkeit» liegt bei ein bis zehn Zentimeter pro Sekunde.

