Im Schnitt sind Mädchen in der Schweiz rund 12,5 Jahre alt, wenn sie ihre erste Menstruation bekommen. Haben die Eltern ihre Tochter nicht auf diesen Moment vorbereitet, wird die erste Blutung so schnell zu einem Moment der Verunsicherung – manchmal sogar der Angst. «Das Schlimmste ist, wenn ein Mädchen so überrascht wird, dass es denkt, es sei etwas Schlimmes passiert», sagt Zyklusexpertin Josianne Hosner. Genau das lasse sich verhindern, wenn Eltern früh und offen darüber reden. Wie das im Alltag gelingen kann, erklärt sie im Interview.

Viele Frauen erinnern sich an ihre eigene erste Periode als einen Moment der Verunsicherung oder sogar Scham. Wie können Eltern verhindern, dass sie solche Gefühle unbewusst weitergeben?

Josianne Hosner: Es beginnt wirklich bei der eigenen Haltung. Viele Frauen tragen ihre eigenen Erfahrungen mit sich herum – oft unangenehme. Darum lohnt es sich, als Eltern hinzuschauen: Wie sprechen wir überhaupt über Menstruation? Auch im Alltag, vielleicht auch als Paar. Fallen da abwertende Bemerkungen, werden Hormone verteufelt? Wenn Eltern die Menstruation als etwas Normales und Natürliches sehen, übernehmen Kinder das. Wichtig ist: Der Körper ist nichts Peinliches. Wenn Eltern merken, dass bei ihnen selbst noch Scham vorhanden ist, kann es helfen, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Der Zyklus ist die Grundlage des Lebens, ohne ihn gäbe es uns alle nicht.

Viele Eltern fragen sich, wann sie das Thema überhaupt ansprechen sollen. Wie kann man schon bei jüngeren Kindern anfangen?

Abo Bienchen und Blümchen haben ausgedient. Stattdessen lohnt es sich, mit Kindern über Körper, Gefühle und Grenzen zu reden. Aufklärung «Viele Kinder stellen direkte Fragen» Montag, 16. Juni 2025 Eigentlich gilt: Je früher, desto besser. Aber nicht im Sinne einer grossen Aufklärung, sondern ganz beiläufig im Alltag. Kleine Kinder kommen oft mit ins Badezimmer, da dürfen sie auch sehen, dass da Blut ist. Und dann kann man das einfach erklären: «Du hast einmal in mir gewohnt, in der Gebärmutter, das war dein erstes Zuhause. Einmal im Monat macht sich diese «Höhle» frisch bereit und putzt sich.» Wichtig ist, ihnen die Angst vor Blut zu nehmen. Menstruationsblut ist das einzige Blut, das nichts mit einer Verletzung zu tun hat. Man kann das auch beim Einkaufen von Binden oder im Alltag thematisieren, ohne grosse Details, aber ehrlich.

Wie erkennen Eltern, ob ihre Tochter bereit ist für ein Gespräch?

Am deutlichsten ist es, wenn Fragen kommen. Neugier ist ein gutes Zeichen. Es gibt aber auch Mädchen, die erst einmal abwehrend reagieren, das ist völlig okay. Wichtig ist, nichts aufzudrängen. Der Takt kommt vom Kind. Gleichzeitig haben wir als Eltern die Verantwortung, das Thema immer wieder sanft anzubieten. Gute Momente sind, wenn Kinder Veränderungen bei anderen Mädchen bemerken oder wenn sich der eigene Körper zu verändern beginnt.

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Viele Eltern suchen nach dem richtigen Einstieg.

Ich würde das ganz pragmatisch halten. Zum Beispiel: «Irgendwann wirst auch du deine Mens bekommen. Wir wissen nicht genau, wann. Möchtest du wissen, was da passiert?» Wenn ein Nein kommt, ist das okay, dann probiert man es später wieder. Oder: «Viele Mädchen sind beim ersten Mal überrascht. Ich erkläre dir das gern vorher, damit du vorbereitet bist.» Wichtig ist immer zu vermitteln: Die Menstruation ist nichts Schlimmes, sondern etwas ganz Normales.

Was sollten Mädchen unbedingt wissen für den Moment, wenn die erste Menstruation überraschend einsetzt?

Die erste Mens kommt oft nicht zuhause, sondern unterwegs. Darum ist Vorbereitung so wichtig. Ein kleines Täschli mit ein, zwei Binden kann ab etwa 10 oder 11 Jahren einfach immer im Rucksack sein. Und ganz wichtig ist das Gefühl für das Mädchen: Ich weiss, was passiert, ich kann mir helfen, ich bin handlungsfähig und nicht der Situation ausgeliefert. Es gibt fast immer Unterstützung in der Nähe – eine Lehrerin, eine Freundin, eine Trainerin. Die erste Menstruation ist ein lebensverändernder Moment, der in Erinnerung bleibt. Im besten Fall sagt man als Eltern: «Wow, ich gratuliere dir.»

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Die Vielzahl Periodenprodukte kann am Anfang überfordern. Was empfehlen Sie für den Start?

Für den Einstieg sind Binden am einfachsten. Sie sind unkompliziert und man sieht, was passiert, wie viel Blut kommt. Herkömmliche Binden können schwierige Inhaltsstoffe wie Weichmacher, Chlor oder synthetische Duftstoffe enthalten, also Dinge, die man nicht in der Unterhose haben möchte. Es gibt aber auch bei Coop oder Migros natürlichere Produktelinien. Periodenunterwäsche ist auf dem Vormarsch und kann zusätzlich Sicherheit geben, zum Beispiel an einem Sporttag. Besser erst mal ein bis zwei Periodenslips kaufen, sie sind nämlich ziemlich teuer. Tampons oder Menstruationstassen sind eher etwas für später. Wichtig ist: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Mädchen sollen die Möglichkeiten kennen und selbst entscheiden dürfen.

Auf Instagram scheinen First-Period-Kits, also eine Geschenkbox zur ersten Menstruation, ein Riesenhype zu sein. Sie bieten selbst ein Menarche- bzw. First-Period-Kit an. Wie ist diese Idee entstanden?

Ich bin seit 14 Jahren beruflich mit dem Thema Zyklus und Menstruation unterwegs und habe in meiner Arbeit viele haarsträubende Geschichten zur ersten Mens von Frauen gehört. Darum finde ich ein Geschenk zur ersten Menstruation so wertvoll. Es ist eine Botschaft: Das ist kein Problem, sondern ein Entwicklungsschritt. Etwas, zu dem man gratulieren darf und sogar ein kleines Ritual abhalten oder Fest organisieren – natürlich nur, wenn das Mädchen das möchte.

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Was gehört für Sie in ein gutes First-Period-Kit?

Es geht weniger um die Menge als um die Botschaft, dass es ein Geschenk ist. Ein schönes Täschchen, ein paar Binden, vielleicht Stoffbinden, etwas Wärmendes wie eine rote Bettflasche oder flauschige Socken, ein Öl für Bauchmassagen. Und etwas Persönliches, zum Beispiel einen Brief. Wir holen das Thema damit aus der Scham-Ecke.

Sie ziehen auch einen Vergleich zur Landwirtschaft.

Ja, der Zyklus lässt sich gut mit dem Jahreslauf auf einem Hof vergleichen. Es gibt Phasen des Aufbaus, des Reifens, der Ernte und der Ruhe. Ein Feld kann auch nicht das ganze Jahr Ernte tragen. Genau so funktioniert der weibliche Körper. Die Menstruation ist Teil dieses natürlichen Rhythmus – etwas, das zum Leben dazu gehört.

Website von Josianne Hosner