Die Altbäuerin ärgert sich über die Schwiegertochter, die im Gemüsegarten kaum jätet. Die Schwiegertochter ärgert sich über ihren Mann, den Jungbauern, der ihr bei einem Wortwechsel mit dem Schwiegervater nicht beistand.
Der Jungbauer ärgert sich über den Altbauern, der die Geräte nicht nach dem neuen System in den Schopf einräumt. Und der Altbauer ärgert sich über seine Frau, die «ständig» mit ihm die Enkel hüten möchte.
Auf dem Hof prallen nicht selten Welten aufeinander
So kann der Alltag auf einem Mehrgenerationenbetrieb in der Landwirtschaft aussehen, weit entfernt von Idylle. Denn auf den Höfen prallen nicht selten Welten aufeinander: Jung und Alt, traditionell und innovativ, «dauernd am Arbeiten» und «ein Recht auf Privatleben».
Petra Wurzer hat mit «Endlich Frieden am Hof» ein Buch über das Leben auf einem Hof geschrieben.
Sie weiss, worüber sie schreibt
Die Österreicherin lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern seit 18 Jahren auf einem Landwirtschaftsbetrieb mit Mutterkuhhaltung in den Kärntner Bergen.
«Rund zehn Jahre wohnten bis zu vier Generationen im selben Haus», sagt die 45-jährige Mutter von zwei Kindern. «Das gemeinsame Leben in der Grossfamilie war und ist eine ständige Lernaufgabe.»
Ohne Reflexion kämpft man gegen Windmühlen
Genau um das gehe es in ihrem Buch und nicht darum, welche Konflikte es gäbe. Das würde oft missverstanden. «Es geht um die Arbeit mit sich selber», so die diplomierte Mentaltrainerin.
«Es ist nicht einfach der andere schuld an einem Konflikt. Die Frage ist immer auch: Was ist mein eigener Anteil daran? Wo stehe ich, was kann ich in dem Moment verbessern?»
Denn jeder von uns hat seine Verhaltensmuster und Denkschleifen, die vor allem vom Unterbewusstsein gesteuert werden. «Wenn man nicht bereit ist, sich mit diesen unbewussten Abspeicherungen zu beschäftigen, kämpft man gegen Windmühlen.»[IMG 2]
Was möchte ich wirklich?
Das Wahrnehmen und Kommunizieren von Bedürfnissen ist essenziell für das Gelingen des Miteinanders. Um sich mit anderen Menschen erfolgreich auszutauschen, ist zuerst das Erkennen der eigenen Bedürfnisse erforderlich.
Folgende Fragen können helfen zu verstehen, was im Gegenüber vorgeht:
- Warum verhält er oder sie sich so?
- Was ist diesem Menschen wichtig?
- Welche Werte sind der Person wichtig?
- Was braucht das Gegenüber, um zufrieden zu sein?
- Wie sehen seine oder ihre Lebensumstände aus?
- Welche Überzeugungen und Einstellungen bestimmen sein oder ihr Denken und Verhalten?
Petra Wurzer hat im Laufe der Jahre verschiedene Aus- und Weiterbildungen rund um das Thema Persönlichkeitsentwicklung gemacht und aus ihrem landwirtschaftlichen Umfeld viel über Konflikte erfahren.
«Das Thema ist so präsent auf den Höfen. So viele Leute leiden. Denn jeder hat seine Prägungen und alle haben andere Bedürfnisse.»
Unterschiedliche Schwerpunkte im Leben
Früher spielte die Tradition eine grosse Rolle. Nun möchte die junge Generation andere Wege gehen. «Unterschiedliche Menschen haben auch unterschiedliche Vorstellungen davon, wie die Welt funktioniert. Stehen unterschiedliche Erwartungen im Raum, kommt es zu Konfrontationen.»
Dazu komme, dass die ältere Generation oft Mühe habe, loszulassen. Wird der Betrieb umgestaltet, wird das manchmal als Bedrohung empfunden oder als würde die eigene Arbeit nicht wertgeschätzt. «Doch man muss neue Wege gehen, die Anforderungen haben sich geändert.»
Der Hofnachfolger an der Schnittstelle
Das ist auch für den Hofnachfolger keine einfache Situation. Das gilt natürlich auch für Hofnachfolgerinnen, doch mehrheitlich sind es nach wie vor Männer, die den Betrieb übernehmen.
Sie müssen nicht nur einen gangbaren Weg mit den Eltern finden, sondern auch mit ihrer Partnerin, die meist frisch auf den Hof kommt. «Es ist Aufgabe des Partners, als Vermittler zwischen der Herkunftsfamilie und seiner neu gegründeten Familie aufzutreten», schreibt Petra Wurzer dazu in ihrem Buch.
«Die Rolle ist nicht einfach, es braucht viel Sozialkompetenz und kann die Hofnachfolger an ihre Grenzen bringen», ergänzt sie im Gespräch. «Man muss fähig sein, die Bedürfnisse der andern wahrzunehmen.» Doch das sei eine Übungssache und Bewusstseinsschulung.
Bei sich selbst anfangen
Helfen könne das Bewusstsein, dass der Hofnachfolger diese Verantwortung hat. Denn er kennt sowohl das bestehende System auf dem Hof als auch seine Partnerin. «Wenn möglich sitzt man einmal in der Woche zusammen, um zu reden», so Petra Wurzer. Sie sei sich bewusst, dass das gar nicht so einfach sei.
«Viele haben Scheu klar zu sagen, was bei ihnen los ist.» Wichtig bei solchen Gesprächen ist, möglichst mit Ich-Botschaften zu sprechen. Zum Beispiel: «Mich stört der unaufgeräumte Vorplatz» statt «Du hast schon wieder den Vorplatz nicht aufgeräumt.»
So fühlt sich das Gegenüber weniger leicht angegriffen. Dazu komme: «Was uns an anderen stört, sind häufig Verhaltensweisen oder Eigenschaften, die wir auch haben, was uns aber nicht bewusst ist.»
Beobachtung, Interpretation oder Bewertung?
Hilfreich ist auch, wenn man Aussagen einordnen kann, etwa ob es sich dabei um eine Beobachtung, eine Interpretation oder eine Bewertung handelt.
- Eine Beobachtung ist etwas, das wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen.
- Eine Interpretation ist unsere Auslegung davon, wie etwas ist.
- Bei einer Bewertung wird die Beobachtung als «gut» oder «schlecht» kategorisiert.
Prioritäten setzen
Dass auf den Betrieben nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt wird, beeinflusst die Konfliktdynamik. «Man kommt da nicht raus, man ist rund um die Uhr mit dem Thema beschäftigt», weiss Petra Wurzer. Daher kann es sinnvoll sein, die Wohnbereiche klar zu trennen, und zu lernen, sich abzugrenzen. Das bedeutet unter anderem:
- An erster Stelle steht die Paarbeziehung.
- An zweiter Stelle steht die Beziehung zu den Kindern.
- An dritter Stelle kommt die Beziehung zu Eltern und Geschwistern.
Für erwachsene Kinder und Eltern heisst das auch, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und «Nein» zu sagen, wenn es nötig ist.
Familien- und Betriebsthemen trennen
Bei festgefahrenen Konflikten empfiehlt Petra Wurzer, bei sich selbst anzufangen. «Erst, wenn ich weiss, was ich brauche, gehe ich in Kontakt mit der anderen Person. Denn bei Konflikten geht es immer um unerfüllte Bedürfnisse.» Zudem solle man Familien- und Betriebsthemen trennen, auch bei Besprechungen, führt sie weiter aus. «Nicht zuletzt sollten alle wissen, was ihre Verantwortungen sind.»
«Regelmässige Hofgespräche sind wichtig», so Petra Wurzer. «Dabei soll man nicht nur Probleme besprechen, sondern auch betonen, was gut läuft und womit man zufrieden ist. Wertschätzung zu zeigen und zu erleben, tut jedem Menschen gut.»
Externe Beraterinnen und Berater können helfen, damit sich alle gehört und gesehen fühlen. «Bei allen Gesprächen ist es wichtig, dass alle Beteiligten einbezogen werden, nicht nur die Männer oder die Frauen, und dass alle gleich viel Zeit zum Reden haben.»[IMG 3]
Buchtipp
Endlich Frieden am Hof – Petra Wurzer
Wie das Zusammenleben der Generationen gelingt
Leopold Stocker Verlag, 136 Seiten