«Sie dürfen sich ein Jahr lang auf die elektrische Bürste freuen», sagt Stephan Plattner, als wir vor dem Laufhof auf seinem Betrieb in Bretzwil im Kanton Basel-Landschaft stehen. Vor uns hat sich die älteste Gruppe neugierig nach draussen begeben. Ein Rind lehnt sich genüsslich an die Bürste. Dieses Privileg steht nur den ältesten der Aufzuchttiere zu. Den jüngeren stehen einfachere, herkömmliche Bürsten zur Verfügung.

Normalerweise sind die Rinder etwas mehr als 20 Monate bei Plattner, bevor sie wieder zurück auf den Geburtsbetrieb kommen. «Manchmal gibts solche, die etwas weniger lang hier sind, und letztens hatten wir eines, das verworfen hat. Das war 26 Monate da – das kanns auch mal geben, aber das Ziel ist es nicht», sagt er. Während er spricht, grüsst er zwischendurch immer mal wieder ein Rind und schenkt ihm eine kurze Streicheleinheit. Von jedem der aktuell 46 Aufzuchttiere kennt er den Namen. «Hoi Flora». Dass sie zahm werden, ist ihm wichtig.
Am Anfang Kraftfutter
Die meisten Aufzuchttiere hat Stephan Plattner vom Holstein-Zuchtbetrieb von David Flury in Oekingen SO, mit dem er schon seit Anfang an zusammenarbeitet (siehe unten). Die Kälber kommen mit 2,5 Monaten abgetränkt und enthornt auf den Betrieb. Anfangs erhalten sie drei Wochen lang pro Tag 2 kg Aufzuchtfutter. Die Menge wird danach jede Woche reduziert. «Das Protein müssen sie laufend über das Raufutter ersetzen», sagt Plattner. Als Grundfutter stehe frühgeschnittenes Belüftungsheu zur Verfügung, denn dieses weise die beste Struktur für die Pansenentwicklung auf, sagt Plattner. Wenn sie etwa sieben Monate alt sind, setzt Plattner sie ab und sie kommen in die nächste, die mittlere Gruppe.

Viel Platz für die Ältesten
Während sich die Tiere im Kälberstall im Tiefstreubereich hinlegen können, stehen im mittleren Bereich, bei den 7- bis etwa 14-monatigen Rindern, im Laufstall Tiefstreuboxen von einem Meter Breite zur Verfügung. Von Kraftfutter können die Aufzuchtrinder hier nur noch träumen, ausser sie sind in der Besamungsphase. Dann erhalten sie während etwa einem Monat pro Tag zirka 1 kg mineralisiertes Kraftfutter mit Omega-3-Fettsäuren und Beta-Carotin. Als Grundfutter erhalten sie Grün- oder Dürrfutter. Die Besamung erfolgt bei mindestens 400 kg Körpergewicht und 135 cm Widerristmass, was bei den meisten Rindern bei etwa 12 bis 14 Monaten der Fall sei.

Sobald die Rinder tragen, kommen sie in die dritte Gruppe, wo sie Tiefstreuboxen in der üblichen Breite der Liegeboxen für Milchvieh (134 cm) vorfinden. «Es ist mir wichtig, dass es ihnen wohl ist», sagt Plattner. Hier wird eher extensiv gefüttert, damit die zukünftigen Milchkühe nicht zu viel Fett ansetzen. Also definitiv kein Kraftfutter mehr – dafür die Kratzbürste. Sein Ziel ist eine Abkalbung mit 23 bis 24 Monaten.
Früher ein Milchbetrieb
Die Entscheidung, von der Milchwirtschaft auf einen Aufzuchtbetrieb umzustellen, fiel vor zehn Jahren, als Plattner den Betrieb von seinen Eltern übernahm. «Ich habe eigentlich gerne gemolken, aber da ich noch auswärts arbeite, ging es zeitlich einfach nicht», sagt er. Nebst dem Betrieb arbeitet Stephan Plattner in einer landwirtschaftlichen Treuhandfirma, ausserdem hat er noch einige Nebenämter, so ist er zum Beispiel im Vorstand beim Schweizer Verband für Landtechnik, wo er die Finanzkommission präsidiert.
Nicht nur kennt Stephan Plattner jedes Tier mit Namen, auch die Abstammung will er kennen. Man könnte auch sagen, an ihm ist ein Züchter verloren gegangen. «Es gibt Zuchtlinien, die über Generationen funktionieren. Es sind keine Zufallsprodukte», sagt Plattner.

Für die Aufzucht haben Stephan Plattner und David Flury eine Aufzuchtpauschale vereinbart. Die Kosten für die erste Besamung und bei gesextem Sperma auch für die zweite Besamung übernimmt der Geburtsbetrieb. Ein Kälberpreis bezahlt Plattner nur, wenn ein Kalb nicht zurückgehen kann. Bei den Transporten wechseln sich die Betriebe ab, so dass bei beiden etwa die gleichen Kosten anfallen. Plattner kalkuliert nach, ob die Rechnung für ihn aufgeht. Es seien aber auch andere Aspekte sehr wichtig, wie zum Beispiel, ob die Tiere «zwäg» sind, wenn sie kommen, und ob er sie wieder zurückgeben kann.
All-inclusive?
Die Gesundheitskosten übernimmt normalerweise Plattner. Dazu gehört zweimaliges Klauenschneiden pro Jahr sowie eine Entwurmung im Herbst. Die Kälber sind, wenn sie ankommen, bereits mit Rispoval gegen Lungenkrankheiten geimpft. Plattner impft sie dann noch gegen Kokzidien, was er selber bezahlt. Aber hier sei es gut, miteinander zu reden: «Wenn wir ein gröberes Problem haben, zum Beispiel ein paar Kälber mit Grippe, haben wir auch schon beide etwas daran gezahlt», sagt er. Das Gleiche kam auch schon umgekehrt vor: Ein Rind hatte verworfen und eine Gebärmutterentzündung, als es zurückging. «Da ist das A und O, dass man miteinander offen redet», so Plattner.
Es kommen immer wieder Anfragen
Wenn er möchte, könnte er deutlich mehr Aufzuchttiere halten. Es gäbe immer wieder Anfragen von Betrieben, die Aufzuchtplätze suchen. Doch für ihn stimmt es so. «Ich möchte möglichst wenig Futter zukaufen und auch noch anderes machen, nicht nur bauern», sagt er.

Als der Stallrundgang fertig ist, hat mir Stephan Plattner fast jedes einzelne Tier persönlich vorgestellt: Somalia, Esra, Binja, Ricola und viele andere. Sie haben es sich mittlerweile auf den Liegeboxen gemütlich gemacht. Dass sie einmal wieder gehen müssen, das sei manchmal gar nicht so einfach, aber «ich weiss ja, sie werden nicht geschlachtet», sagt Stephan Plattner und streicht einem Kalb über den Kopf.
Nachgefragt
David Flury hat einen Milchbetrieb in Oekingen SO und züchtet Holstein-Kühe, die er bei Stephan Plattner in die Aufzucht gibt. [IMG 7] BauernZeitung: Was ist Ihnen wichtig bei einem Aufzuchtbetrieb?David Flury: Da gibt es verschiedene Aspekte. Ein wichtiger Punkt ist sicher, dass es menschlich stimmen sollte. Es gibt Sachen, die man trotz Vertrag nicht im Voraus regeln kann. Und zudem sollten die Tiere, wenn sie zurückkommen, erstens einen guten Nährzustand haben, zweitens ein stimmiges Erstkalbealter haben und drittens umgänglich sein. Sie rechnen nicht monatlich, sondern über eine Aufzuchtpauschale ab. Hat das einen bestimmten Grund? Ja, ich möchte nicht einen Anreiz schaffen, dass die Aufzuchtbetriebe die Rinder so lange wie möglich behalten und mit billigem Futter füttern. Ich stelle das Geld zur Verfügung und die Betriebe können selber entscheiden, ob sie die Tiere extensiv oder intensiv aufziehen. Es gibt einfach eine Regel: Die Rinder dürfen nicht unter 400 kg und Widerristmass 135 cm besamt werden. Aufzuchtbetriebe scheinen im Moment ziemlich begehrt zu sein. Das sehe ich auch so. Es gibt zu viele Kuhkälbchen, ich denke, auch wegen des gesexten Besamens. Aber es ist vor allem schwierig, gute Plätze zu finden. Schlechte Aufzuchtbetriebe, wo nicht gut geschaut wird, wo die Tiere zum Beispiel mager oder mit einem defekten Strich zurückkommen, verschwinden schnell. Warum der Entscheid, die Kälber in einen Aufzuchtbetrieb zu geben? Einerseits sicher mal wegen der Aufstallung. Ich müsste die Plätze einrichten. Andererseits möchte ich mich voll und ganz auf die Spezialisierung Milchproduktion konzentrieren, aber dabei die Nachzucht der eigenen Kühe beibehalten. Ich finde es spannend, mit unseren Tieren züchterisch weiterzuarbeiten.

