Sie ist unsichtbar und daher etwas unheimlich, dabei aber unbestreitbar unheimlich praktisch: Mobilfunk-Strahlung. Seit Jahrzehnten umgibt sie uns und unsere Umwelt, ausgehend von Antennen, die mittlerweile die ganze Schweiz zupflastern. Gerade mit der Einführung von 5G nimmt vielerorts die Besorgnis zu. Unter anderem stellt man sich die Frage, ob der Mobilfunk im Allgemeinen und 5G im Speziellen einen Anteil am Insektensterben haben, bzw. die Lage noch verschlimmern könnten.

5G strahlt nicht anders

Die Abkürzung 5G steht für die fünfte Generation, einen neuen Mobilfunkstandard. Was technisch darunter zu verstehen ist, wird international festgelegt. Es geht dabei darum, wie Informationen auf elektromagnetischen Wellen (Strahlung) transportiert wird. Die kürzere Reaktionszeit und grössere Datenkapazität kommt bei 5G durch den technischen Fortschritt der Übertragungsprotokolle und der Geräte zustande, erklärt Jürg Eberhard von der Forschungsstiftung Strom und Mobilkommunikation. «5G strahlt nicht anders als 4G. Es ist auch nicht zwingend davon auszugehen, dass die Strahlenbelastung zunimmt», stellt der Forscher fest. Wenn überhaupt, dürfte sie in den nächsten Jahren eher sinken.

[IMG 2]

Adaptive Antennen sind besser als ihr Ruf

Im Zusammenhang mit 5G wird auch viel über adaptive Antennen diskutiert, auch wenn sie laut Jürg Eberhard nicht direkt zusammengehören: «Dieser Antennentyp kann auch für 4G verwendet werden.» Im Gegensatz zu herkömmlichen Antennen passen sich adaptive – wie es der Name sagt – an die Situation an. Genauer gesagt strahlen sie nur in die Richtung, in der die transportierten Informationen gebraucht werden, beispielsweise zu einer Person am Handy. «Die Gesamtleistung der Antenne wird dabei auf die unterschiedlich ausgerichteten Module aufgeteilt. Man spricht von Bleistiftstrahlen», erläutert der Fachmann. Es ist also nicht so, dass die ganze Strahlung gebündelt auf eine Person trifft. Damit sinkt die Gesamtbelastung in der Umgebung, die nicht unnötig mitbestrahlt wird.

Bei den Grenzwerten hat sich nichts geändert

In der Schweiz gelten bezüglich Mobilfunk verschiedene Grenzwerte:

Imissionsgrenzwerte: Müssen überall eingehalten werden

Anlagengrenzwerte: Gelten dort, wo sich Menschen regelmässig länger aufhalten (Landwirtschaftsgebiet gehört nicht dazu)

Erstere Werte orientieren sich an der Erwärmung des Gewebes im menschlichen Körper. Bei den Wellenlängen, die für den Mobilfunk heute eingesetzt werden, ist das der erwartete biologische Effekt: Die Wellen dringen in den Körper ein und erwärmen das tiefergelegene Gewebe, ohne dass auf der Haut Hitze spürbar wäre. Gefährlich wird das erst, wenn die Körpertemperatur um etwa ein Grad erhöht wird.

Da aufgrund von Studien andere Effekte nicht ausgeschlossen werden können, gibt es zusätzlich Anlagengrenzwerte, die rund zehn Mal unter den Immissionsgrenzwerten liegen. Nur wenn diese Limiten nicht überschritten werden, darf eine neue Antenne gebaut werden.

Beide Grenzwerte gelten auch für adaptive Antennen, ebenso wie der Grundsatz, dass für Imissionsgrenzwerte die Sendeleistung über sechs Minuten. Weiter gibt es für adaptive Antennen einen Korrekturfaktor, mit dem der geringeren Strahlung dank Bleistiftstrahlen Rechnung getragen wird. Bei der Bewilligung neuer Antennen geht man gemäss Jürg Eberhard vom schlimmsten Fall aus, nämlich der vollen Leistung in alle Richtungen – was auf adaptive Antennen wie oben aufgeführt per se nicht zutrifft. «Der Korrekturfaktor wird oft missverstanden und ist umstritten. Natürlich kann man aber seine Berechnung diskutieren», räumt der Forscher ein.

[IMG 3]

Der Fokus liegt auf der menschlichen Gesundheit

Diese Aussagen vor Augen scheint 5G die derzeitige Situation der Strahlenbelastung durch Mobilfunk nicht zu verschärfen. Bliebt die Frage nach dem Status Quo: Welche Wirkung haben die hunderten Antennen im Land heute?

Was die Gesundheit des Menschen angeht, gibt es diverse Studien und Überwachungsprogramme. «Es ist sind nicht ganz alle Frage geklärt. Aber man geht davon aus, dass es keine Gesundheitsschäden gibt», fasst Jürg Eberhard zusammen. Im Übrigen besteht die grösste Strahlenbelastung am Endgerät, z. B. beim Telefonieren mit dem Handy. «Werden Kopfhörer verwendet, reduziert das die Belastung schon um ein Vielfaches.»

[IMG 4]

Zwar müssen Immissionsgrenzwerte überall eingehalten werden und schützen damit im Prinzip auch Insekten. Wie oben beschrieben orientieren sie sich aber am Menschen. Und da elektromagnetische Strahlung in tiefes Gewebe eindringen kann, bieten die Chitin-Panzer von Käfer, Bienen und Libellen keinen Schutz.

Zwei grosse Studien mit demselben Vorbehalt

Mit den Auswirkungen des Mobilfunks auf Insekten haben sich zwei aktuelle Übersichtsstudien befasst. Die erste wurde im Auftrag des deutschen Naturschutzbundes (Nabu) durchgeführt und kommt zu dem Schluss, dass die Strahlung verschiedene negative Effekte auf Insekten haben kann. So soll sie etwa den Orientierungssinn, die Fortpflanzung und Fruchtbarkeit beeinträchtigen oder das Immunsystem fehlleiten. Auch verschiedene Verhaltensstörungen wie erfolglose Nahrungssuche, längere Reaktionszeiten, gestörtes Fluchtverhalten und Erbgutschäden werden genannt. Schon Belastungen weit unter den internationalen Grenzwerten könnten Schäden verursachen und elektromagnetische Strahlung damit einen «ernstzunehmenden Einfluss auf die Vitalität von Insektenpopulationen haben», so das Fazit der Nabu-Studie.

Anders klingt es bei der zweiten Arbeit, die im Auftrag der Europäischen Kommission veröffentlicht worden ist. Sie kommt zusammenfassend zu dem Schluss, dass viele bisherige Studien in diesem Feld nicht ganz vertrauenswürdig seien. Sicher ist, so die Autoren, dass thermische Effekte (die Erwärmung von Gewebe) auftreten könne.

Beide Studien betonen, es brauche mehr Forschungsarbeit auf diesem Gebiet. Und beide haben denselben Makel, wie Jürg Eberhard erklärt: «Die Berichte wurden nicht in einem wissenschaftlichen Journal publiziert.» Das bedeutet nicht, dass sie unsorgfältig gemacht oder sonst mangelhaft wären. Vor einer Publikation beugen sich aber normalerweise noch eine ganze Reihe anderer Forscher über eine Studie und allfällige Probleme werden eher erkannt.

In der Praxis nichts nachgewiesen

Am dichtesten stehen die Antennen in städtischem Gebiet. Mitten in der Stadt Zürich betreuen Imker von «Wabe3» mehrere Bienenvölker auf ungenutzten Dächern. Bei den Stadtbienen merke man keinen Einfluss der Antennen, heisst es bei Wabe3 auf Anfrage.

Beim Bienengesundheitsdienst seien schon vereinzelte Anfragen aus der Imkerschaft bezüglich 5G eingegangen, sagt Anja Ebener, Geschäftsleiterin der Apiservice GmbH. «Bis auf eine oder zwei Ausnahmen ging es aber nicht um Fälle geschwächter Bienen, sondern um grundsätzliche Informationen», fasst sie zusammen. Bisher sei ihr kein Fall bekannt, in dem sich die Schwächung eines Volkes nicht durch andere hauptsächliche Ursachen erklären liess.

Nicht mit absoluter Gewissheit ausgeschlossen

In der Vergangenheit habe Agroscope gewisse Versuche zum Thema Mobilfunk durchgeführt, erinnert sich Anja Ebener. Dabei hätten die Forschenden Handys und Telefon-Basisstationen direkt auf oder in Bienenstöcke gelegt. «In den Versuchsvölkern konnten gewisse Auswirkungen auf die Tänze der Bienen beobachtet werden. In keinem Fall aber lassen sich daraus Rückschlüsse auf Winter- oder anderweitige Völkerverluste ziehen», so ihre Einschätzung. Es gebe schlicht zu wenig brauchbare Untersuchungen zur Bienenverträglichkeit von Strahlung, die auch die tatsächliche Distanz von Strahlenquellen zu Bienenbeuten berücksichtigen.  

SCNAT-BerichtDie Insektenvielfalt in der Schweiz nimmt abMittwoch, 8. September 2021 Auch das Bienenforschungszentrum von Agroscope Liebefeld-Posieux und die internationale Forschungsgemeinschaft erachten es als «wenig wahrscheinlich», dass elektromagnetische Strahlung eine relevante Ursache für das Insektensterben ist. Das schreibt der Bundesrat in seiner Antwort auf eine Interpellation zu diesem Thema. Die international anerkannten Ursachen für den Rückgang der Insektenpopulationen seien Lebensraumverlust, Schadstoffe, intensive Bewirtschaftung und Lichtverschmutzung. Das bestätigt auch der kürzlich erschienene Bericht zur Insektenvielfalt in der Schweiz der Schweizerischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft (Scnat).

«Der Bundesrat kann nicht mit absoluter Gewissheit ausschliessen, dass die Mobilfunkstrahlung einen negativen Einfluss auf die Insekten haben könnte», heisst es im Antworttext zur Interpellation weiter. Etwas Derartiges wissenschaftlich fundiert auszuschliessen, ist allerdings auch praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Denn die Forschung hat hier ein Grundproblem: Entweder, man testet unter Laborverhältnissen, um die Wirkung eines einzelnen Faktors zu untersuchen, oder man beobachtet die Entwicklung in der Realität. Beides führt nur bedingt zum Ziel, denn entweder ist die Versuchsanordnung zwangsläufig realitätsfremd (z. B. mit Handys im Bienenstock) oder man weiss nicht mit Sicherheit, welcher der zahlreichen Einflussfaktoren in der Umwelt denn nun das beobachtete Resultat verursacht hat.

[IMG 5]

Die Antwort bleibt unbefriedigend

«Beim Thema Strahlung haben die Menschen offenbar eine höhere Sicherheitserwartung als in anderen Lebensbereichen», beobachtet Strahlungsfachmann Jürg Eberhard, «Vielleicht deshalb, weil man Strahlung nicht sehen kann». Allerdings sei beispielsweise Lärm erwiesenermassen schädlich und Grenzwerte dafür je nach Standort ständig überschritten, gibt er zu bedenken.

Auch auf dem Land werden die Nächte immer heller, was nicht ohne Folgen bleibt. (Bilder Pixabay)InsektenLichtverschmutzung: Ein unterschätztes ProblemDienstag, 7. April 2020 Immerhin gibt es in der kritischen Nabu-Studie Lob für die Schweiz, weil die hier herrschenden Grenzwerte für Strahlung 10-mal tiefer liegen als in vielen anderen Ländern Europas. Aber eben, diese Limiten orientieren sich an der Wirkung auf den Menschen.  Die unbefriedigende Antwort auf die Frage, ob Mobilfunk den Insekten nun schadet oder nicht, hat der Bundesrat schon gegeben: Man weiss es nicht genau.