Beim Betreten einer Weide mit Mutterkühen ist immer Vorsicht geboten. Nähern sich Zaungäste aber der Herde der Familie Fuchs-Näf vom Betrieb «Hüüelmatt», sorgt das für keine Aufregung. Weder Mutterkühe noch Kälber lassen sich in ihrer Mittagsruhe stören.
Halfterzahme Tiere
«Uns ist es wichtig, einen engen Tierbezug und dadurch ruhige und halfterzahme Tiere zu haben», erklärt der Betriebsleiter Valentin Fuchs. Rund 55 Mutterkühe der Rasse Original Braunvieh und ihre Kälber leben auf dem Hof an der Sattelegg-Passstrasse. Silvia und Valentin Fuchs-Näf produzieren Natura-Veal.
«Bevor wir 2011 auf die Mutterkuhhaltung umstellten, haben wir gemolken und Kälber gemästet. Somit verfügten wir bereits über die nötige Erfahrung in der Kälberhaltung», so Valentin Fuchs weiter. Vor der Umstellung war er engagierter Züchter von Milchrassentieren, musste aber erkennen, dass anspruchsvolle Hochleistungskühe nicht mehr auf seinen Hof passten. Auf dem Heimbetrieb habe das Handling noch funktioniert, auf der Alp sei die damalige Genetik aber nicht mehr standortgerecht gewesen.
Stallneubau 2018
In den Jahren 2013 und 2017 konnte die Familie Fuchs jeweils 18 Hektaren Land zupachten, was zu räumlichen Engpässen führte. Im Herbst 2018 erfolgte der Baustart für den neuen Stall. Ein Jahr später konnte mit rund 50 Muttertieren und Kälbern in den Neubau eingezogen werden. Valentin Fuchs arbeitete vorher lange Vollzeit in einem Zimmereibetrieb und konnte dadurch viele Eigenleistungen erbringen. «Der Bauer war auf der Baustelle und die Bäuerin am Heuen», erinnert sich Betriebsleiterin Silvia Fuchs-Näf an die intensive Zeit zurück. Und auch der erste Winter im neuen Stall sei sehr anspruchsvoll gewesen: «Es gab grosse Klauenprobleme bei den Muttertieren und viele Kälber hatten mit Lungenentzündungen zu kämpfen, was die Freude am neuen Stall trübte.»
«Belastung ist auf gesundem Niveau.»
Betriebsleiter Valentin Fuchs verweist auf die gute Infrastruktur des Betriebs.
Ansetzen meist problemlos
Mittlerweile läuft es aber rund. Auch mit den aktuellen Marktverhältnissen ist die Familie Fuchs zufrieden. Über 100 Natura-Veal-Tiere vermarkten sie jährlich, bei rund 2,2 Kälbern pro Kuh und Jahr liegt der Schnitt. Das Alter der verkauften Tiere liegt bei den kuheigenen Kälbern bei 120 bis 140, bei den Adoptiv-Kälbern bei bis zu 180 Tagen. Mit 1,9 bei der Fleischigkeit und 2,6 bei der Fettklasse ist die Taxierung leicht besser als der regionale Durchschnitt. Über die Wintermonate wird an rund zehn leistungsstärkeren Muttertiere kurz nach der Abkalbung ein zweites Kalb angesetzt. Die anderen Kühe haben immer nur ein Jungtier bei Fuss. Geht dieses zur Schlachtung, wird unmittelbar ein Adoptiv-Kalb angesetzt. Diese rund einwöchige Phase findet im alten Stall statt, wo die Tiere intensiv betreut werden. «Zu 95 Prozent funktioniert das Ansetzen problemlos», so Silvia Fuchs-Näf. Ab und zu passe es halt zwischen Kuh und Kalb einfach nicht so. In diesem Fall wird das Muttertier einige Tage lang zweimal täglich leicht fixiert, damit das Kalb zu genug Milch kommt.
Betriebsspiegel Hüüelmatt
Betriebsleiter Valentin und Silvia Fuchs-Näf Standort Heimbetrieb Willerzell 900 m ü. M. Bergzone II, 50 ha LN; Alp: 1000 bis 1200 m ü. M., 40 ha/55 Stösse; 120 Alptage Viehbestand 55 Mutterkühe mit Kälber, 30 Aufzuchttiere Vermarktung Gut 100 Natura-Veal über Handel, 5 Natura-Beef- und 10 Natura-Veal-Tiere über Direktvermarktung Arbeitskräfte Betriebsleiterfamilie und die Eltern von Valentin Fuchs, Aushilfen bei Heuernte; sporadischer Nebenerwerb von Valentin Fuchs in Zimmereibetrieb.
Hauptabkalbezeit bis August
Die Herde ist in mehrere Gruppen unterteilt. Es wird darauf geachtet, dass in den Gruppen altmelke Muttertiere mit eher wenig Milch und Frischgekalbte gemischt sind, so dass alle Kälber genug Milch erhalten. Dieses Vorgehen sei für die Fettabdeckung entscheidend.
Zwei Drittel der Herde kalbt von Mai bis August ab. Einerseits kann dadurch von den sehr ansprechenden Marktpreisen im Herbst profitiert werden, anderseits müssen so auf der Alp keine Adoptiv-Kälber angesetzt werden. Zudem seien Probleme mit der Kälbergesundheit im Sommer viel seltener. «Ich bin von diesen grossen Vorteile unserer Abkalbestrategie überzeugt und hoffe, diese infolge Konflikten mit Grossraubtieren nicht ändern zu müssen», so Valentin Fuchs über seine aktuell grösste Sorge.

Mit Limousin besamt
Ob im Tal oder auf der Alp, die Tiere sind während der Weideperiode meist an drei bis vier Standorten verteilt, was die Arbeit mit einem Natursprungstier erschweren würde. Als Eigenbestandsbesamer besamt Valentin Fuchs fast alle Tiere mit Limousin-Genetik. Gesamthaft rund 80 Kälber werden jährlich grossmehrheitlich über den Handel zugekauft. Davon sind gut zehn Stück weibliche OB-Kälber aus Milchviehbetrieben, mit welchen der Kuhbestand remontiert wird. «Wir machen das aus mehreren Gründen. Erstens erhalten wir so Kühe mit einem ansprechenden Milchleistungspotenzial, zweitens ist es uns möglich, mit den Tieren eine intensive Mensch-Tier-Beziehung aufzubauen und drittens können wir mit den Aufzuchttieren die steileren Weiden bodenschonend nutzen.»
Der Futterbau und die Unkrautbekämpfung haben einen hohen Stellenwert, da die Ration der Kühe in normalen Jahren ausschliesslich aus betriebseigenem Futter besteht. Für die Kälber werden jährlich rund drei Tonnen Energiefutter zugekauft.
Effiziente Mechanisierung
Der Betrieb «Hüüelmatt» wird ohne Angestellte bewirtschaftet. Unterstützt werden Silvia und Valentin Fuchs-Näf von ihren drei Kindern und Valentin Fuchs Eltern. Bei der Heuernte können sie zudem auf gute Helfer aus dem Freundeskreis zählen. «Dank des neuen Stalls und der schlagkräftigen Mechanisierung ist unsere Arbeitsbelastung heute auf einem gesunden Niveau», so der Betriebsleiter. So arbeitet Valentin Fuchs im Futterbau mit einer Kombi-Ballenpresse, mit welcher jährlich fast 600 Ballen gemacht werden. Im Stall verteilt ein leistungsstarker Mischwagen die grossen Futtermengen effizient. Für die Familie Fuchs-Näf passt die anspruchsvolle Natura-Veal-Produktion. Valentin Fuchs ergänze aber: «Wird uns die Arbeitsbelastung zukünftig zu hoch, können wir mit der Umstellung auf Natura-Beef schnell und einfach wieder etwas Freiraum schaffen.
3000 zusätzliche Natura-Veal-Tiere gesucht
Mutterkuh-Schweiz-Vorstandsmitglied Stefan Probst freute sich, an der Regionaltagung der Kantone Schwyz, Zug und Glarus auf dem Betrieb von Familie Fuchs in Willerzell rund 60 Teilnehmende begrüssen zu dürfen. Dass die Bevölkerung während der Pandemie mehr Fleisch für den privaten Bereich gekauft habe, sei für die Vermarktung sehr förderlich gewesen und habe die Einbussen im Gastrobereich kompensiert. Das bestätigte auch Stefan Lobsiger, Leiter Labelverkauf. So lagen 2021 die Preise im Natura-Beef-Kanal mit Fr. 12.60 fast 1 Franken höher als in den vorherigen Jahren. Und beim Natura-Veal näherte sich der Jahresdurchschnittspreis der 17-Franken-Marke. Insbesondere über die Sommermonate gäbe es aber immer noch Potenzial. «Wir suchen rund 3000 zusätzliche Natura-Veal-Tiere», so Stefan Lobsiger. Erfreuliche Zahlen konnte auch Ursula Freund, Leiterin Kommunikation, präsentieren. So stieg die Mitgliederzahl von Mutterkuh Schweiz im vergangenen Jahr erstmals auf über 6000 an. Neben agrarpolitischen Themen würde aktuell in Arbeitsgruppen und Sitzungen die Grossraubtierproblematik bearbeitet. Christian Gazzarin von Agroscope präsentierte spannende Resultate vom Projekt «Grassbeef4Future», in welchem die Wirtschaftlichkeit von Mutterkuhhaltungssystemen untersucht wurde. 42 Betriebe wurden analysiert, 25 davon in der Berg- und 17 in der Talzone. Die Produktivität bei Natura-Beef ist im Tal mit 320 kg/ha zwar rund doppelt so hoch. Je Arbeitsstunde wird im Berggebiet trotz tieferer Intensität und höherem Arbeitsaufwand aber mehr verdient. Rund 20 Franken resultiert im Berggebiet gegenüber 13 Franken im Talgebiet. Hauptgrund sind laut Christian Gazzarin die höheren Direktzahlungen. Die detaillierten Zahlen des Projekts werden im Rahmen der beef.ch am Strickhof in Wülflingen präsentiert.

