In der Schweiz gilt ein vergleichsweise tiefer Grenzwert von 50 g Cadmium (Cd) pro Tonne Phosphat für Düngemittel. In der EU gibt es ab dem 16. Juli 2022 erstmals überhaupt ein einheitlicher Grenzwert, der bei 137,6 g/t P liegt und somit mehr als doppelt so hoch ist. Bisher war die Devise der Schweizer Behörden, im Sinne der Vorsorge an diesen strengen Vorgaben festzuhalten. Der Krieg in der Ukraine hat nun aber die Karten neu gemischt.

Russland lieferte Qualitätsdünger

Die Düngeruntersuchung war eine nationale Zusammenarbeit, an der 11 Kantone beteiligt waren. Da im Kanton Bern am meisten schweizerische Düngerhersteller ansässig sind, übernahm das Berner Kantonslabor die Leitung. (Bild BauZ)DüngerViele Mineraldünger in der Schweiz enthalten zu viel CadmiumMittwoch, 21. Juli 2021 Wie die Tamedia-Zeitungen berichten, ist Phosphordünger aus Russland weniger mit Cadmium belastet als Produkte anderer Herkunft. Das toxische Schwermetall belastet laut dem Kantonalen Laboratorium Bern insbesondere Dünger, dessen Rohphosphat aus Sedimenten gewonnen wurde. Im Zuge der Sanktionen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine wurde der Export von Düngemitteln aus Russland aber verboten. «Die in Europa noch erhältlichen Produkte erfüllen die strengen Schweizer Cadmium-Grenzwerte nicht», zitiert Tamedia Michael Brügger. Er ist Sekretär bei der Agricura-Plattform, die Schweizer Düngermittelimporteure vertritt. Brügger warnt vor einem möglichen Lieferengpass.

Nur eine temporäre Anpassung

Um die Versorgung von Schweizer Landwirt(innen) mit Phosphordünger zu sichern, habe Agricura beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) eine Erhöhung des Cadmium-Grenzwertes auf EU-Niveau beantragt. Sobald sich die Lage auf dem internationalen Düngermarkt wieder beruhigt hat, solle er wieder gesenkt werden, so der Vorschlag von Agricura. Derzeit würden die rechtlichen Möglichkeiten untersucht, sagt BLW-Sprecher Jonathan Fisch gegenüber Tamedia. Laut ihm werde aber durchaus auch ausserhalb von Russland Phosphor mit weniger Cadmium abgebaut.

Zu vorsichtig oder zu gefährlich?

Agicura sieht in der temporären Erhöhung des Cadmium-Grenzwerts keine Gefahr für die Umwelt. Jonathan Fisch bemerkt, das Schwermetall sei giftig für den Menschen, und könne via Dünger bzw. den Boden in die Ernte gelangen.

Das Kantonalen Laboratorium Bern hat die unterschiedlichen Regelungen in der EU und der Schweiz im Bericht zu den Düngemittel-Untersuchungen 2021 diskutiert. Damals fielen 26 Prozent der untersuchten Produkte wegen zu hohem Cadmium-Gehalt durch. Hätte man sich am EU-Grenzwert orientiert, wären es nur zwei Prozent gewesen. Bei diesem sei es aber einer Studie zufolge «sehr wahrscheinlich», dass es im Boden zu einer hohen Anreicherung des Schwermetalls kommt, was bei den Schweizer Vorschriften nicht zu erwarten sei. Das bestätige ebenfalls die Nationale Bodenbeobachtung (Nabo).

 «Eine Anreicherung von unter anderem auch düngerbürtigen Schadstoffen im Oberboden kann nicht ganz ausgeschlossen werden. Insofern ist es wichtig, dass im Sinne der Vorsorge Schadstoffgrenzwerte und Richtwerte eingehalten werden, um eine potentiell schädigende Anreicherung im Boden zu vermeiden», so das Fazit des Labors.

Es gäbe genug Phosphor im Inland

AboAb 2022 will der ZAB solchen granulierten Phosphordünger verkaufen. (Bild zVg)DüngerPhosphor-Kunstdünger aus recyceltem Klärschlamm – die Forschung läuftMittwoch, 27. Mai 2020 Inwiefern die aktuelle Lage an der Haltung der Behörden etwas ändert, bleibt abzuwarten. Es laufen währenddessen Projekte, um in Zukunft von importiertem mineralischem Phosphor unabhängig zu werden. Die Rückgewinnung des Nährstoffs aus Klärschlamm ist ab 2026 in der Schweiz gesetzlich vorgeschrieben. Mit den in Kläranlagen anfallenden rund 5700 Tonnen Phosphor wäre es der laut dem Bundesamt für Umwelt möglich, den inländischen Bedarf vollständig zu decken. Auch Phosphat aus Tier- und Knochenmehl soll rückgewonnen werden.

 

Bei chronischer Belastung giftig
Cadmium ist ein toxisches Schwermetall und laut dem Bundesamt für Umwelt bei chronischer Belastung in geringen Mengen giftig für Mensch und Tier, da es sich im Körper anreichert. Ausserdem sei es ebenfalls giftig für Pflanzen und Mikroorganismen und störe die Bodenfruchtbarkeit. In der Schweiz stammt Cadmium in der Umwelt vor allem aus der Abfallverbrennung oder der Industrie, sein Gehalt im Boden sei in letzten 20 Jahren stabil.