Wie meistens gab es auch an der Hauptversammlung bei den traktandierten Geschäften von Bio Ostschweiz nichts zu bemängeln. Einmütig bestimmten die Bioproduzenten aus den Kantonen St. Gallen und Thurgau die Stimmenzähler und segneten Jahresbericht und -rechnung sowie das Budget ab. Unter dem Traktandum «Verschiedenes» teilte Co-Präsident Sepp Sennhauser mit, dass er nächstes Jahr zurücktreten werde.
Meinungsbildung bündeln

Vorbei war es aber mit dem gemächlichen Versammlungsteil, als es um die Bio-Suisse-Delegiertenversammlung vom 18. April 2023 ging. Es ist klar, dass die Delegierten von Bio Ostschweiz dabei die Meinung der Mehrheit ihrer Mitglieder vertreten sollen. Aber wie findet diese Meinungsbildung statt? Braucht es dazu vorgängige Onlinevotings oder reicht der nächste Basisabend am 13. April im Restaurant Ochsen in Amlikon-Bissegg, um sich über die Bio-Suisse-Traktanden zu einigen? Hat der Vorstand von Bio Ostschweiz eine Bringschuld oder die Mitglieder eine Holschuld? Die beiden Co-Präsidenten, Peter Schweizer und Sepp Sennhauser, zeigten Verständnis, wenn sich Mitglieder darüber ärgern, dass an der Bio-Suisse-Versammlung Richtlinien gutgeheissen werden, die sich ungünstig auf deren Betriebe auswirken. Man versprach im Zuge dessen, weitere Info-Kanäle zu prüfen, wie beispielsweise Newsletter oder Chat-Foren – zumal die Co-Präsidenten immer ein offenes Ohr hätten, wenn sich Mitglieder bei ihnen persönlich melden würden.
Bio Suisse eckt an

Etwas hitziger wurden die Diskussionen, als Dora Fuhrer das Wort ergriff. Sie vertrat den Bio-Suisse-Vorstand und ist auch Vorstandsmitglied von «Bio Bern». Fuhrer, Tochter der früheren Bio-Suisse-Präsidentin Regina Fuhrer, bewirtschaftet zusammen mit ihrem Bruder einen Biohof in Burgistein BE. Als Dora Fuhrer darauf aufmerksam machte, dass Bio Suisse zusätzliche 15 000 ha Bio-Ackerfläche suche, ergriff Philipp Schönenberger vom Biobetrieb Karlshof in Rossrüti das Wort und fragte: «Wie sollen wir das mit den 3,5 Prozent BFF auf Ackerflächen schaffen, wenn Bio Suisse auch noch für die Biodiversitäts-Initiative eintritt?» Er erhielt breite Zustimmung der Teilnehmenden.
«Meines Erachtens wäre es gelebte Basisdemokratie, wenn Parolenfassungen standardmässig traktandiert würden.»
Sepp Sennhauser
Auch Co-Präsident Sepp Sennhauser, notabene Demeterlandwirt, teilt die Bedenken. Nicht nur die Biodiversitäts-, sondern auch die Landschafts-Initiative würden die Biobetriebe in ihrer Betriebsentwicklung massiv einschränken. Diese Initiativen sind an der nächsten Delegiertenversammlung von Bio Suisse nur als Info-Traktanden aufgeführt. Es kann also von den Delegierten keine Parole gefasst werden. «Meines Erachtens wäre es gelebte Basisdemokratie, wenn Parolenfassungen standardmässig traktandiert würden. Aber dies sehen die Verantwortlichen von Bio Suisse anders», sagte Sennhauser. Dora Fuhrer verteidigte das Vorpreschen des Bio-Suisse-Vorstands und erklärte, dass die Konsument(innen) nicht verstehen würden, dass ein Bioverband gegen Biodiversität sei. Auch fehle es auf den Schweizer Ackerflächen an Biodiversität.
Zu idyllische Werbung
Bezüglich der 3,5 Prozent BFF auf offenen Ackerflächen kündigte Dora Fuhrer an, dass Bio Suisse im Gespräch mit dem Bundesamt für Landwirtschaft sei. Zu klären ist, ob es für Biobetriebe eine Ausnahmeregelung geben soll. «Nicht auf 2024, aber zu einem späteren Zeitpunkt», versprach Fuhrer. Ja, die Meinung der Konsumenten und der Stimmbürger zähle für Bio Suisse, aber wo bleiben die Bioproduzenten? «Zeigt doch wenigstens in euren Image-Filmen, wie die Biolandwirtschaft wirklich ist», mahnte Sepp Sennhauser. Idyllische Bilder seien allenfalls für die Werbung bei den Detaillisten gerechtfertigt, aber hätten in einem Image-Film von Bio Suisse nichts verloren.
«Als Produzentenorganisation sollte Bio Suisse zu ihren Biobauern stehen», sagte Sennhauser und verglich die Bio-Suisse-Filme mit den jenen der Proviande zu QM Schweizer Fleisch. «Auch wir Biobetriebe haben 2000er-Geflügelställe. Wir stehen zu unserer Produktion.» Die Bio-Suisse-Produzentenorganisationen sollten den Konsumenten die Wirklichkeit zeigen. Dem Vorstand fehle der Mut, hinter den Produzenten zu stehen.
Sennhauser kritisierte zudem den Lobbyismus, den Bio Suisse im Bundeshaus betreibe: «Das nützt uns nichts, wenn dieser gegen unsere Interessen gerichtet ist.» Dora Fuhrer stand sichtlich im Gegenwind. «Aber», so das Fazit von Biobauer Patrick Wälchli, «in der Ostschweiz wird halt ernsthaft diskutiert ...» Und mit einem Seitenhieb gegen die Berner sagte er: «Wir Ostschweizer ticken anders.»
Rundgang durch die Verarbeitungsanlagen der St. Galler Saatzucht Genossenschaft.
Die Ostschweizer Biobäuerinnen und -bauern hatten nach der Hauptversammlung Gelegenheit, die St. Galler Saatzuchtgenossenschaft zu besichtigtigen. Diese vereint 70 Bauernfamilien und weitere bäuerliche Produzenten aus der Region St. Gallen und Thurgau. Die Genossenschaft hat sich auf Nischenkulturen spezialisiert. Zu den Geschäftsfeldern zählen einheimische, kaltgepresste Öle, Blaufleischige Kartoffeln (Blaue St. Galler), Pro-Specia-Rara-Kartoffeln und die Grassamenvermehrung. Kürzlich hat die Saatzuchtgenossenschaft eine neue Abfüllanlage angeschafft, die nächstens in Betrieb genommen wird. [IMG 4]

