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Gastbeitrag: Mit vereinten Kräften für neue Biosorten

Die Sativa Rheinau geht in der Biozüchtung neue Wege. Interessierte Hobby-Gärtner(innen) und Produzenten werden werden aktiv in den Züchtungsprozess miteinbezogen.

Hören wir das Wort Pflanzenzüchtung, denken wir automatisch an Laboratorien oder geschlossene Systeme unter Glas, in denen Forscher(innen) mit pflanzlichen Chromosomen hantieren und diese auf der Suche nach Leistungseigenschaften oder Resistenzen gezielt rekombinieren oder gentechnisch verändern. Im Vordergrund steht dabei die Leistung einer Nutzpflanzensorte, unabhängig vom produktiven Umfeld. Denn dieses kann ja für die Pflanze – bei konventionellem Denkmuster – mit Hilfe von Düngern und Pflanzenschutz angepasst werden. Im Biolandbau ist das so nicht umsetzbar. Geeignete Biosorten müssen robuster sein und mit Ressourcenknappheit besser umgehen können.

Verschiedene Standorte und Produktionsbedingungen

Biologische Sorten werden deshalb traditionell mit Kreuzung und Selektion unter realen Feldbedingungen gezüchtet. Sie werden in der Regel für bestimmte regionale Produktionsbedingungen (Klima, Boden, etc.) entwickelt. Dennoch sollen sie gerade in Zeiten eines sich verändernden Klimas in einer möglichst vielfältigen Umwelt bestehen können. Dazu braucht es eine Vielfalt an Standorten, damit sie unter vielen verschiedenen, realen Umweltbedingungen getestet werden können.

So geht die biologische Pflanzenzüchtung ganz neue Wege. Von partizipativer Züchtung oder Züchtung als Gemeinschaftsaufgabe ist die Rede. Mit Hilfe interessierter Produzenten und Hobby-Gärtner(innen) werden Sorten an sehr vielen Standorten mit unterschiedlichsten Produktionsbedingungen angebaut, deren Beobachtungsergebnisse zentral gesammelt, ausgewertet und für die nächsten Selektionsschritte genutzt.

Salatzüchtung in 1900 Gärten

Das Netzwerk «Mit vereinten Gärten» ist ein solches Beispiel. Gegründet wurde es von der Sativa Rheinau AG und Pro Specie Rara mit dem Ziel, Mehltau-tolerante Sorten für den Biolandbau zu finden. Im konventionellen Anbau werden Fungizide dagegen eingesetzt.

Im Biolandbau braucht es hingegen gute Sorten. Nun ist Mehltau ein sehr wandlungsfähiger Erreger, der in Europa in vielen unterschiedlichen Stämmen auftritt. Entsprechend aufwendig wird eine Resistenzzüchtung, weil im Jahresturnus immer wieder neue Resistenzen nötig werden. Zudem werden Resistenzeigenschaften von neu entwickelten Salatsorten oft patentiert. Somit werden sie zu privatem Eigentum, auch wenn es sich um natürlich vorkommende genetische Ressourcen handelt. Im 2022 erfolgt nun die dritte Anbausaison auf 1900 Feldern und Gärten in deutsch- und französischsprachigen Ländern Westeuropas.

Austausch zwischen Züchtung und Landwirt(in)

Ein zweites Beispiel ist das dreijährige Projekt «Klimafenster» des Vereins Gen Au Rheinau und der Getreidezüchtung Peter Kunz. Es soll zur Entwicklung von robusten und nachbaufähigen Getreidesorten beitragen und das Interesse der Praxis für die Anliegen der Bio- bzw. Extenso-Getreidezüchtung sowie der nachhaltigen Saatgutproduktion wecken.

Auf 24 Betrieben in den Kantonen Bern, Solothurn, Zürich und Schaffhausen wurde 2019 in einem Wintergetreidefeld ein Klimafenster von 9 m2 erstellt, in welchem 18 Sorten und Zuchtlinien von Weizen, Dinkel, Emmer und Triticale ausgesät wurden. Im zweiten Projektjahr 2020/21 kommt eine partizipative Züchtungsmethode zur Anwendung. Die Bauern werden in die Selektion von Einzelpflanzen aus einer im Klimafenster angesäten Getreidepopulation miteinbezogen.

Das Feld nicht den Saatgutfirmen überlassen

Aufgrund der fortschreitenden Arbeitsteilung sind Produzent(innen) (Landwirte, Gemüsegärtner) praktisch nicht mehr in die Züchtung involviert. Diese wird Firmen mit ihren teils teuren Spezialist(innen) überlassen. Die wirtschaftlichen Folgen tragen aber die Produzent(innen). Umso wichtiger ist es, dass sie die Verantwortung für ihren Samen wieder vermehrt in die eigene Hand nehmen. Partizipative Ansätze sind eine Möglichkeit dazu. Doch ohne spezialisierte Saatgutzüchter und -vermehrer wird es auch beim Biosaatgut nicht gehen.

Zum Gastautor

Martin Graf ist Geschäftsführer der Genau Rheinau. Graf schreibt regelmässig für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.

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