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«Das Ziel ist die Pflanzen zu schützen ohne dabei Umwelt, Anwender und Konsumenten zu schaden»

Dank neuer Technologien brauche es künftig weniger Chemie, ist der Luzerner Berater Heiri Hebeisen überzeugt. Im Interview spricht der abtretende Leiter des kantonalen Pflanzenschutzdienstes über die Entwicklungen im Pflanzenschutzbereich.

Heiri Hebeisen vom BBZN Hohenrain hat viel erlebt. Der Lehrer und Berater Ackerbau und Leiter des kantonalen Pflanzenschutzdienstes geht Ende April in Pension. Er hat unzählige Versuche auf dem Gutsbetrieb durchgeführt, zahlreiche Flurbegehungen organisiert und mehr als eine Generation Landwirte aus- und weitergebildet. Im Interview blickt er zurück auf 36 Jahre Entwicklungen im Pflanzenschutzbereich.

Was waren die Herausforderungen im Pflanzenschutz Mitte der 1980er-Jahre, als Sie Ihre Tätigkeit starteten?

Heiri Hebeisen: Das war die Zeit der Geburtswehen der Integrierten Produktion (IP). Es wurden erste IP-Anbauempfehlungen erarbeitet. 1992 fand die Gründung der LIP statt, der Luzerner Vereinigung integriert produzierender Bauern und Bäuerinnen. Es herrschte eine richtige Aufbruchstimmung. Nicht bei allen, aber bei einigen Bauern. Immerhin konnten wir seitens Beratung 20 IP-Gruppen mit rund 100 Bauern betreuen. Es fanden Flurbegehungen, Tagungen mit Maschinenvorführungen und Erfahrungsaustausche statt.

Dann ging es damals schon um reduzierten Spritzmitteleinsatz?

Genau. Hacken und Bandspritzen in Mais und Rüben sowie Striegeln in Getreide waren recht verbreitet. Eine schon 1988 bei den Luzerner Lohnsäern durchgeführte Umfrage zeigte, dass mit der damals vorhandenen Gerätekapazität rund 45 Prozent der Mais- und Rübenfläche mit Bandspritzung hätte gesät werden können. Effektiv wurden nur etwa 20 Prozent der Maisfläche bandgespritzt und gehackt, aber immerhin!

Die Auswirkungen und Nebenwirkungen des chemischen Pflanzenschutzes, der intensiven Bodenbearbeitung mit Rototiller, insbesondere auch auf Betrieben mit maisbetonter Fruchtfolge, wurden eben schon damals sichtbar: Bodenstrukturzerstörung, Erosion, Atrazin in Gewässern, resistente Unkräuter.

Der ganzheitliche, integrierte Ansatz wurde immer wichtiger: Fruchtfolge, Sortenwahl, Düngung, Pflanzenschutz, Pflege des Umfeldes.

Wie ging es dann weiter, schliesslich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten das gesellschaftliche, politische und das Marktumfeld stark verändert?

Die Einführung des ökologischen Leistungsnachweises (ÖLN) beendete 1999 die Pionierphase der IP. Die ÖLN-Anforderungen wurden im Vergleich zu den IP-Anbauempfehlungen gesenkt. Deshalb wurden Unkräuter wieder zunehmend mit Herbiziden reguliert. Betriebsvergrösserungen und schlagkräftige Mechanisierung führten zu effizienterer Produktion. Aber schon Mitte der 1980er-Jahre wurde beispielsweise das computerunterstützte System «Epipré» eingeführt: Fungizide im Getreide wurden nur mehr aufgrund der aktuellen Krankheitssituation eingesetzt. Und 1992 startete das Extenso-Programm für Getreide. Das wirkte ausgezeichnet und breit und bremste die Intensivierung des Getreideanbaues. Ebenso wie die Lancierung der Marke Urdinkel 1996.

Offenbar wurden also Umweltanliegen immer wichtiger.

Ja, und das Bewusstsein der Bevölkerung, der Landwirtschaft und der Verwaltung ist grösser geworden. Allerdings gab es auch zwar gut gemeinte, nach heutigem Wissen aber nicht mehr zeitgemässe Ratschläge. So hiess es noch Ende der 1980er-Jahre in einem Merkblatt der «Stiftung der Wirtschaft zur Förderung des Gewässerschutzes»: «Reste von Herbizidbrühen sind auf nicht entwässerten Feldrändern (Anhaupt) auszubringen. Spülwässer von Spritzgeräten sind auf nicht entwässerten Plätzen und Feldwegen zu verteilen.» Da sind wir heute doch etwas weiter mit Spritzenreinigung auf Waschplätzen. Und es wird nicht mehr nur auf den Schutz der Kulturen geachtet, sondern auch der Umwelt, der Anwender und der Konsumenten.

Die Agrar-Initiativen 2021 zeigten aber die Spannungsfelder und die unterschiedlichen Vorstellungen noch immer deutlich …

Die sehr engagiert geführten Kampagnen haben dazu geführt, dass das Thema Pflanzenschutz bei Konsumenten und in der Landwirtschaft gewachsen ist. Problematisch ist die Tatsache, dass die Forderung vieler Konsument(innen) nach Bio-Lebensmittel sich nicht mit ihrem Kauf- und Konsumverhalten deckt. Das klare Abstimmungsresultat zeigte aber doch, dass die Mehrheit den eingeschlagenen Weg des Absenkpfades für PSM befürwortet.

Synthetische Pflanzenschutzmittel (PSM) sind kaum mehr salonfähig. In welche Richtung geht es beim Pflanzenschutz?

Für Mensch und Umwelt problematische Wirkstoffe werden zunehmend gestrichen. Allein seit 2005 wurden 208 Wirkstoffe zurückgezogen und in den vergangenen zehn Jahren 119 Wirkstoffe (und 986 Produkte) gezielt überprüft und in der Folge mit erhöhten Anwendungsvorschriften, Rückzügen von Indikationen oder Produkten versehen. Die Menge von bewilligten Pflanzenschutzmitteln für die konventionelle Landwirtschaft nahm um 41 Prozent ab, Glyphosate gar um 65 Prozent, trotz Zunahme pflugloser Verfahren. Anderseits hat die Menge der Mittel, die für den Biolandbau bewilligt sind, um 51 Prozent zugenommen. Das zeigt, dass es in Richtung biologische, biotechnische und physikalische Verfahren geht.

Aber der Krankheits- und Schädlingsdruck nehmen klima- und mobilitätsbedingt zu, anderseits gibt es immer weniger Mittel und Wirkstoffe für einen wirksamen Pflanzenschutz. Wie verträgt sich das?

Das sind tatsächlich grosse Herausforderungen. Gerade bei Bodenschädlingen wie Drahtwürmern und Erdschnaken fehlen Mittel. Das Verbot von Beizmitteln hat dazu geführt, dass Erdflöhe in Raps und Rüben mit problematischen Insektiziden (Pyrethroiden) bekämpft werden müssen. Diese haben aber ein erhöhtes Risikopotenzial für Wasserorganismen und dürfen nur mit Sonderbewilligung eingesetzt werden. Weiter muss der Fokus von der Bekämpfung der Krankheiten auf die Stärkung der Pflanzen verlagert werden.

Neue Anbauverfahren mit Mischkulturen (Rübsen in Raps, Untersaaten), Mittel auf Basis von parasitischen Pilzen, Duftstoffe, Absaugverfahren bis hin zu homöopathischen Verfahren müssen entwickelt werden.

Produzieren wir überhaupt standort- und artengerecht oder müssten gewisse Anbaumethoden und Produkte bei uns schlicht hinterfragt werden aufgrund der gesellschaftlichen Vorstellungen?

Wenn sich der Trend zu weniger Fleisch- und vermehrt pflanzlicher Ernährung fortsetzt, wird der Anbau von Obst, Gemüse und Beeren nötig und sinnvoll. Zur Bewältigung der Herausforderungen durch klimatische Einflüsse und Schädlinge müssen die Kulturen vermehrt durch Witterungsschutz und Netze geschützt werden.

Und die moderne Technik kann mithelfen?

Ja, wir haben viel mehr Instrumente als früher. Dank besserer Geräte zur Unkrautbekämpfung, wie kameragesteuerte Hackgeräte, Roboter, Elektroherbizid, Spotspraying (Einzelpflanzenbehandlung statt Flächenbehandlung) kann der Herbizideinsatz stark reduziert werden. Und Pflanzenzüchtung von krankheits-, schädlings- und trockenheitstoleranten Sorten ist bei allen Kulturen ein wichtiger Eckpfeiler. Das ermöglicht eine starke Reduktion des Fungizideinsatzes.

Wir hatten Ende der 1980er-Jahre eine Aufbruchstimmung. Und heute auch wieder, gefordert von der Gesellschaft und unterstützt durch die Technik und Digitalisierung.

Die braucht es auch, in Anbetracht des Bevölkerungswachstums, aber auch weil aktuell die Ernährungssicherheit wieder wichtiger wird …

Die aktuelle politische Weltlage zeigt auf, wie kurzfristig die Ernährungssituation ändern kann. Die Ernährung einer wachsenden Bevölkerung, insbesondere weltweit, erfordert ein Umdenken der Konsumenten und eine Änderung der Konsumgewohnheiten in Richtung weniger Fleischkonsum.

Die Ressourcen Boden, Wasser, Energie müssen bei Anbausystemen effizient eingesetzt werden, um einen sicheren und optimalen Ertrag zu erwirtschaften. Dabei muss der Einfluss auf Klima, Biodiversität und Trinkwasser berücksichtigt werden. PSM brauchen oft weniger Energie und sichern einen höheren Ertrag pro Fläche, können aber die Biodiversität und das Trinkwasser belasten. Mechanische Verfahren erfordern mehr Energie, schonen die Biodiversität mehr, belasten aber das Klima stärker. Es gilt, ein Optimum zu finden. Pflanzenschutzmittel wird es aber immer brauchen, auch im Biolandbau.

Wie sollen sich die Bauern künftig ausrichten, auch im Bereich Pflanzenschutz?

Im chemischen Pflanzenschutz, wo Applikationsgeräte verwendet werden, wird die Verlagerung zum Spezialisten und Lohnunternehmer weitergehen. Die zunehmend höheren Anforderungen an Kenntnisse, technische Voraussetzungen und Weiterbildungspflichten werden diese Tendenz verstärken.

Chancen bietet die regenerative Landwirtschaft, bei der auf die Bodenpflege, den Ressourcenschutz von Boden und Wasser grossen Wert gelegt wird, die ist klimaresilienter. Auch Modelle wie solidarische Landwirtschaft könnten in Zukunft auf Interesse stossen. Spezialkulturen können für Luzerner Bauern gerade wegen der Klimaerwärmung durchaus Alternativen sein, wenn beispielsweise die Schweineproduktion künftig an Bedeutung verlieren sollte. Wichtig ist, offen zu bleiben für neue Wege.

Zur Person

Heiri Hebeisen (63) stammt von einem Bauernhof im Luzerner Hinterland. Nach dem Agronomiestudium an der ETH folgten Wanderjahre in Zürich und Solothurn sowie bei der Sandoz Basel. Seit 1986 wirkt er am BBZN Hohenrain und seit 1987 ist er Leiter des Pflanzenschutzdienstes. Das ganze Team BBZN dankt ihm für das grosse nachhaltige Wirken.