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Pascal Forrer zum Thema Hagel: «Schadenbegrenzung und Prävention werden entscheidend»

Der abtretende Direktor der Schweizer Hagel, Pascal Forrer, nennt den Klimawandel im Interview eine messbare Realität. In Zukunft werden die Landwirtschaft, die Versicherungsindustrie sowie die öffentliche Hand Lösungen erarbeiten müssen, um die neuen Herausforderungen zu meistern.

Pascal Forrer ist noch bis Ende Juli als Direktor der Schweizerischen Hagel-Versicherungs-Gesellschaft (Schweizer Hagel) tätig. Dann wird er seine Aufgabe an den bisherigen Vizedirektor Adrian Aebi übergeben. Noch geht Forrer nicht in Pension, sondern bleibt der Versicherung in einem Teilzeitpensum erhalten. Im Interview mit der BauernZeitung schaut Forrer zurück und nach vorne – auf die ganz grosse Herausforderung der Landwirtschaft und der Ernteversicherer: den Klimawandel.

BauernZeitung: Wie stehen Sie persönlich zum Klimawandel – wie stark beschäftigen Sie sich damit?

Pascal Forrer: Die Klimaerwärmung, die Zunahme der Wetterextreme wie auch beispielsweise das rapide Schmelzen der Gletscher sind eine messbare Realität. Das Letztere konnte ich als Berggänger in den letzten drei Jahrzehnten hautnah erfahren. Als Ernteversicherer beschäftigt mich diese Entwicklung schon seit längerer Zeit sehr. Einerseits arbeiten wir stets daran, der produzierenden Landwirtschaft eine möglichst gut ausgebaute Versicherungsdeckung anzubieten; andererseits müssen wir uns mit der Herausforderung einer Zunahme von Wetterextremen auseinandersetzen. Persönlich bin ich überzeugt, dass jeder und jede einen Beitrag zum sorgfältigen Umgang mit den Ressourcen leisten kann und soll. So hat die Schweizer Hagel beispielsweise bereits 2004 Solarpanels auf ihrer Geschäftsliegenschaft installiert.

Für die ganze Gesellschaft steht eine Stabilisierung respektive Reduktion des CO2-Ausstosses im Vordergrund.

Heftige Gewitter mit Hagel, Sturm und Starkregen nehmen zu. Was bedeutet das für die Schweizer Hagel?

Für den Fall solcher Ereignisse sind wir seit dem Jahr 1880 für unsere Versicherten da. Schadenereignisse berechenbar zu machen beziehungsweise das Weiterbestehen und die Liquidität der Betriebe zu sichern, gehört zu unserem Kerngeschäft.

Neben Hagel bringt der Klimawandel auch zunehmend Frostschäden mit sich. Wie ist die Landwirtschaft und die Schweizer Hagel hier vorbereitet, und welche Massnahmen werden hier in absehbarer Zeit noch nötig sein?

Grossflächige Frühlingsfröste als Folge der früher einsetzenden Vegetationsperiode haben in den letzten Jahren in ganz Europa deutlich zugenommen. Dies stellt die Obst- und Weinproduzenten wie auch die Versicherer vor eine grosse Herausforderung. Bei Obst kann die Frostschutzberegnung, wo sie möglich ist, einen wirksamen Schutz leisten. Bei einer weiteren Zunahme der Frühjahrsfröste müssten alle risikomindernden Massnahmen wie zum Beispiel Frostschutzberegnung, Sortenwahl, Prüfung der Standorte sowie das Versicherungsangebot vertieft geprüft werden.

Die Herausforderungen der Landwirtschaft und der Ernteversicherungen nehmen weltweit zu. Wie kann dem aktiv begegnet werden?

Allgemein steht für die ganze Gesellschaft eine Stabilisierung beziehungsweise Reduktion des CO2-Ausstosses im Vordergrund. In der Landwirtschaft werden die Wichtigkeit und die Dringlichkeit von Anpassungen, zum Beispiel bei Saatsorten, Kulturtechniken und bei der standortgerechten Produktion, zunehmen. Zudem werden die Schadenbegrenzung und die Prävention entscheidende Rollen spielen – wie gezielte Bewässerung, Frostberegnung, Witterungsschutzeinrichtungen.[IMG 2]

Agrarversicherungen gelten im Bereich des Risikomanagements als sehr wichtig – doch wie bleiben sie bei zunehmenden Risiken gesund?

Die produzierende Landwirtschaft, die Saatgutproduzenten, die Landmaschinenindustrie, die Versicherungsindustrie und die öffentliche Hand werden gemeinsam Lösungen ausarbeiten müssen – ich denke hier an eine Kombination von Risikoreduktion, Optimierung, Unterstützung und Absicherung.

Welche Rolle spielen öffentliche Institutionen im Ganzen?

Weltweit spielt die öffentliche Hand eine entscheidende Rolle. Sei es über die Landwirtschaftspolitik oder über die Unterstützung des betrieblichen Risikomanagements beziehungsweise von Versicherungslösungen.

Die Schweizer Hagel und Axa Schweiz haben eine Absichtserklärung zur vertieften Prüfung einer möglichen Übernahme des Tierseuchenportfolios von Axa unterzeichnet. Mit welchem Interesse?

Als landwirtschaftliche Versicherungsgenossenschaft im Besitz der Landwirtinnen und Landwirte kamen wir nach der Rücktrittsankündigung von Axa Schweiz in Kontakt mit dem Schweizerischen Bauernverband. Unser Interesse an einer möglichen Übernahme des Tierseuchenportfolios von AXA gründet darauf, dass es um Versicherte aus der Landwirtschaft geht, von denen viele bereits zu unseren Kunden zählen.

Rekordschadenjahre wie 2009 und 2021 waren prägend, wir verzeichneten drei- bis viermal mehr Schäden als üblich.

Bestehen noch andere «Erweiterungspläne»?

Gegenwärtig nicht. Wir arbeiten jedoch an optimierten neuen Produkten, unter anderem unter Einbezug von vielversprechenden Technologien wie Satelliten-, Radar-, Meteo- und Bodensondendaten. Zudem fliessen vermehrt öffentlich zugängliche Geoinformations- und Erntedaten in Versicherungsprodukte ein.

Am 1. August werden Sie nach über 16 Jahren als Direktor die operative Leitung an Adrian Aebi übergeben. Was bleibt Ihnen von dieser Zeit am stärksten in Erinnerung?

Es bleiben mir viele schöne und bereichernde Begegnungen wie auch die zufriedenen Versicherten in Erinnerung. Rekordschadenjahre wie 2009 und 2021 waren ebenfalls prägend, wir verzeichneten drei- bis viermal mehr Schäden als üblich. Dies brachte viel Mehrarbeit mit sich, zum Glück aber auch das Mitziehen der ganzen Belegschaft mit vielen spontanen Extraeinsätzen. Ebenfalls prägend waren Entwicklungen, die über Jahre andauerten oder noch andauern. Zu erwähnen sind hier etwa die starke Zunahme der Regulierung im Versicherungsbereich oder der erfolgreiche Ausbau unserer Aktivitäten im wettbewerbsintensiven Ausland, beispielsweise mit der Übernahme des bedeutenden Ernteversicherungsportfolios von AXA France im Jahr 2019. Weiter gehört die stetige Weiterentwicklung der IT-Anwendungen und die allgemeine Digitalisierung zu diesen Entwicklungen. Und nicht zuletzt wurden die letzten Jahre durch das rapide Fortschreiten der Klimaerwärmung geprägt.[REL 1]

Sie werden der Schweizer Hagel aber noch in einem reduzierten Pensum erhalten bleiben. Was heisst das, und welche Aufgaben nehmen Sie künftig wahr?

Nebst dem Präsidium des Weltverbandes der Agrarversicherer (Aiag) werde ich laufende Ernteversicherungsreformen in unseren Auslandmärkten sowie strategische Projekte beratend begleiten.

Was machen Sie in der Funktion als Präsident des Aiag konkret, und was beschäftigt die Länder, die dort Einsitz nehmen?

Als Präsident vertrete ich den Verband, welcher über 100 Mitglieder aus 30 Ländern auf fünf Kontinenten zählt. Wir wollen den Austausch – unter anderem mittels eines alle zwei Jahre stattfindenden Kongresses und jährlichen Expertenseminaren – zwischen Landwirtschaftsversicherern aus der ganzen Welt fördern und unsere Branche kontinuierlich weiterbringen.

Bestehen hier Unterschiede zur Schweiz?

Weltweit ist eine deutliche Zunahme der staatlichen Unterstützung über öffentlich-private Partnerschaften im Bereich Risikomanagement bzw. von Ernteversicherungen zu beobachten. Heute sind 80 Prozent der weltweiten Ernteversicherungen in solchen Partnerschaften eingebettet – z. B. in den meisten EU-Ländern, in den USA, Kanada, Brasilien, Indien und China. Die Überlegungen in den jeweiligen Ländern sind: Die Landwirtschaft ist äusserst stark von der Klimaerwärmung betroffen; das Weiterbestehen der Betriebe muss sichergestellt, und eine zunehmende Landflucht muss vermieden werden, um die Ernährungssicherheit und -souveränität zu garantieren. Im internationalen Vergleich zeigt die Schweiz, welche gegenwärtig keine solche Ernteversicherungsunterstützung kennt, zwei Besonderheiten: ein hohes Niveau an Direktzahlungen und Grenzschutzmechanismen.

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