«Ich gehöre zu denjenigen, die am Morgen, wenn sie in den Stall gehen, Eintritt bezahlen müssen», betont Thomas Michel beim Betreten seines Stalls. Neugierig kommen die Rinder heran, lassen sich kraulen. Der Stall besteht aus dem ehemaligen Anbindestall, mehreren Aussenställen mit Liegeboxen, einem grossen Laufhof. «Ursprünglich wurde hier für behornte Milchkühe und ihre saugenden Kälber gebaut», erklärt Michel den Ursprung der sackgassenfreien und weiträumigen Bauweise. Ein Idealismus, der sich auch heute eigentlich monetär nicht lohnt.

Fleisch als Nebenprodukt

Geprägt habe ihn, den jungen Mann aus dem Berner Oberland, in jungen Jahren eine Reise nach Nordamerika. Dort sah er die meist mausarme Bevölkerung in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana. Auf der anderen Seite der Grenze die im Überfluss lebenden US-Amerikaner. «Nur wenige Meter getrennt durch eine willkürliche Grenze, die schon damals über Haben oder Nichthaben entschied», betont er. Er habe verstanden, Essen fliesse dorthin, wo das Geld sei, und nicht zum Hunger. So entschied er, dass seine Tiere nie etwas fressen, das einen Menschen ernähren könnte.

Bereits sein Vater habe extensiv produziert. Milch von Simmentaler Kühen, die frassen, was auf dem Betrieb wuchs. Thomas Michel übernahm den Betrieb 1989 sehr jung und stellte 2002 auf Weidemast und Vertragsrinder um. Er ist ein Zahlenmensch, kennt seine Buchhaltungsdaten und weiss, die Bruttomarge von rund Fr. 3.– pro Tag und Tier reicht nur im Sommer, um die direkten Produktionskosten zu decken. Im Winter hätte er am liebsten so wenig Tiere wie möglich. «Jedes Tier, das ich mehr halte als das erforderliche Minimum, kostet mich schlicht und einfach Geld. Das Rindfleisch, das ich produziere, verwertet das Nebenprodukt der Landschaftspflege – Gras», resümiert er. Ohne Direktzahlungen ginge es nicht und davon ist der kleinste Teil abhängig, wie viel Vieh gehalten wird oder ob er etwas produziert.

Nachwuchs von Milchkühen

Der Zahlenmensch Thomas Michel sitzt gerne am Computer und hat alle Daten über seine Rinder erfasst. Sie werden regelmässig gewogen und die Tageszunahmen minutiös berechnet. Michel weiss, was sein Haltungssystem kann und was nicht. «Eigentlich wäre der Sinn der Weidemast, dass wir die Fresser aus der Milchproduktion mästen», erklärt er. Doch mit jeder zusätzlichen Anforderung, welche die Vermarkter ihm auferlegen, wird dies schwieriger. In diesem Herbst dann der Schock: «Als ich ein Tier zur Schlachtung anmelden wollte, erklärte man mir, dass ich zuerst nachweisen müsse, dass es nie Antibiotika bekommen habe», erzählt Michel noch sichtlich fassungslos. «Man hat uns nicht mal informiert über diese Neuerung, geschweige denn, genügend Vorlauf gegeben, um uns der neuen Situation anzupassen. Vermutlich hat einfach irgendeine Werbeagentur entschieden, dass sich das gegenüber den Kunden gut ausloben liesse», so Michel. So begannen seine Nachforschungen in den Behandlungsjournalen seiner Lieferanten. Seine Tiere kauft er zu, grösstenteils aus Milchbetrieben, aber auch von Mutterkuhhaltern. Sie standen bereits bei ihm im Stall, als Aldi entschied, man wolle nur noch antibiotikafreie Rinder. Teuer zugekaufte Biofresser, die vorschriftsgemäss mindestens 150 Tage auf dem Geburtsbetrieb waren, bevor sie nach Brienz in die Mast kamen.

Tierwohl in Gefahr

Abo«Retour aux Sources»Eine Milchproduktion ganz ohne Antibiotika - Der Verzicht funktioniertMontag, 27. November 2023 Wie es nun weitergeht, weiss Thomas Michel nicht. Eigentlich stünden auf Milchviehbetrieben für ihn Fresser bereit, aber die zu kaufen, ist ein grosses Risiko. Brauchen sie Antibiotika, können sie nicht mehr an Aldi geliefert werden. «Und dazu braucht es nur ein Grippeli oder die Gämsblindheit auf der Alp», betont Michel, der die Rinder auf seiner Alp sömmert. «So kann ich die Alp optimal bestossen, wenn ich den Bestand an Vertragsrindern mit den Masttieren ergänze», erklärt er. Aber wenn ein Tier leidet, dann will er es behandeln können, ohne gleich Hunderte von Franken zu verlieren. «Zwar erzählen einige, dass sie auch ein Grippeli oder die Gämsblindheit erfolgreich mit Homöopathie behandeln, aber wie toll das Tier dies findet, weiss ich nicht», sagt Michel, der bis vor Kurzem nebenbei als Bio-Kontrolleur arbeitete und dabei immer ein Augenmerk auf verletzte oder kranke Tier ohne adäquate Behandlung haben musste.

Übertrumpfen mit Vorschriften

Bevor Aldi in die Weidemast eintrat, war dort Migros der alleinige Player. Seit 2000 produzierte Thomas Michel für Migros Bio-Weidebeef. Auch dort änderten die Spielregeln oft über Nacht. «Diese Label sind für die Grossverteiler Prestigeprojekte im obersten Preissegment. Darum versuchen sie sich mit noch strengeren Regeln zu übertrumpfen», erklärt Michel die Regulierungswut.

Aldi mit höheren Gewichten

Doch bei Migros haben die Produzenten wenigstens eine Interessenvertretung und konnten beispielsweise ein totales Stacheldrahtverbot verhindern. Doch als die Gewichtslimite von 320 auf 300 kg SG gesenkt wurde, half Widerspruch nicht. Für Michel, der Zweinutzungsrassen extensiv mästet, wurde dies zum Problem. «Die Tiere erreichen die nötige Abdeckung unter 300 kg SG oft nicht. Während weibliche Fleischrassenkreuzungen vielfach als C3 oder H3 taxiert werden, haben Ochsen aus Zweinutzungsrassen oft bei 300 kg SG die Mindestanforderung der Fettklasse 2 nicht erreicht.»

Für Thomas Michel ist es deshalb ein Segen, als Aldi 2019 in die Weidemast einsteigt und nun ihrerseits die Gewichtslimite bei 320 kg ansetzt. Seither hat er die Wahl zwischen den Kanälen, je nachdem, welche genetischen Voraussetzungen ein Fresser mitbringt. Doch ab 300 kg hat er keine Wahl mehr, ab dann bleibt nur noch Aldi als Abnehmer. «Siehst du, das Tier hat an der Seite einen reifenden Abszess», zeigt er auf eine Eringer-Brown-Swiss-Kreuzung. Aber der werde mit 300 kg niemals die nötige Abdeckung für den Migros-Kanal haben. Also dürfte das Tier eigentlich kein Antibiotika bekommen, sonst verliert Michel viel Geld. Diese Entscheidung treffen zu müssen, ist gegen seine Überzeugung, gegen sein Verständnis von einem Tierwohllabel.

Kein Mehrpreis, mehr Risiko

Einzige Alternative bei der Vermarktung dieser Tiere wäre nach einer Antibiotikagabe noch der Biokanal. Thomas Michel winkt ab: «Das lohnt sich schon gar nicht», betont er. Als T3-MT-Bio wäre das Tier in dieser Woche Fr. 10.50 je kg SG wert. Das sind gerade einmal 20 Rappen mehr als ein konventionell gemästeter Muni. Kann er es hingegen in einem der Weidemastkanäle vermarkten, gilt es Fr. 12.70 je kg SG: also rund 700 Franken mehr. Ohne Labelzuschlag rechnet sich die Weidemast erst recht nicht mehr. So verkauft er bereits jetzt einen Teil seines Futters und verdient so unter dem Strich mehr, als wenn er mehr Tiere halten würde. Das wird er nun wohl noch vermehrt machen. Dass er alleine das Risiko tragen soll, seine Tiere antibiotikafrei zu mästen, sieht er nicht ein. Das Risiko wird ihm nämlich nicht abgegolten. Zwar hat Aldi die Anforderungen erhöht, nicht aber den Preis. So bekommen die Produzenten gleich viel für ihre Schlachttiere, ob sie es an Migros oder antibiotikafrei an Aldi liefern. «Für mich verstösst das Vorgehen von Aldi gegen Treu und Glauben. Man hat einfach über unsere Köpfe hinweg entschieden und mitten im Spiel die Regeln geändert», so Thomas Michel, «Wir sind scheinbar einfach niemand mehr.»

Das sagt Aldi zur Antibiotikafreiheit
«Seit diesem Sommer werden ausschliesslich Tiere für ‹Retour aux sources› grossgezogen und geschlachtet, die garantiert keine Antibiotika erhalten haben. Die Einhaltung der Prüf-Nach-Richtlinien, auf denen unsere Bio-Eigenmarke basiert, werden jährlich von unabhängigen akkreditierten Bio-Kontrollstellen überprüft», schreibt die Medienstelle Aldi Suisse. Vermarktet werden die Weiderinder über die Silvestri AG. Diese verweist bezüglich Fragen zu «Retour aux sources» an Aldi. Laut Aldi produzierten vor der Umstellung auf Antibiotikafreiheit rund dreihundert Betriebe Bio-Weiderinder. Tierzahlen möchte man keine kommunizieren, betont jedoch, dass neue Produzenten jederzeit herzlich willkommen sind.

Bio Inspecta AG zertifiziert
«Die partnerschaftliche Zusammenarbeit ist fester Bestandteil der Grundwerte von ‹Retour aux sources›. Deshalb ist es für uns selbstverständlich, die Richtlinien im Vorhinein mit unseren Partnern abzustimmen», schreibt Aldi auf die Frage, ob und zu welchem Zeitpunkt man die Mäster über die Änderung des Reglements informiert habe. Ein entsprechendes Schreiben, das den Mästern zugestellt worden wäre, möchte Aldi auf Nachfrage nicht offenlegen. Die antibiotikafreie Produktion werde auf den Betrieben ausserdem mit einer Prämie honoriert. Deren Höhe möchte Aldi ebenfalls nicht kommunizieren. Auf die Frage, wie denn nun rückwirkend kontrolliert werde, ob die Tiere antibiotikafrei gemästet wurden, schreibt die Medienstelle Aldi Suisse: «Bevor Tiere in den ‹Retour aux sources›-Kanal gehen, werden die Behandlungsjournale überprüft – sowohl jene der Mäster als auch jene der Geburtsbetriebe. Sollten die Tiere im Sommer auf einer Alp gewesen sein, wird auch der Alpbetrieb geprüft.» Der gesamte Prozess werde ausserdem von der Bio Inspecta AG zertifiziert. Zudem kontrolliere die Bio Inspecta AG jeden Mäster im Rahmen des Bioaudits.

Vorbeugen statt heilen
Thomas Michel war während vielen Jahren Bio-Kontrolleur und hat diese Tätigkeit erst vor wenigen Tagen aufgegeben. Er weiss, dass bei Weiderindern der Antibiotikaeinsatz bisher kein Kontrollpunkt war. Eine Einbindung in die Bio-Kontrolle dürfte frühestens bei Tieren zu tragen kommen, die künftig eingestallt werden. Auf die Frage, was mit Tieren passiere, die nun bereits Antibiotika bekommen hätten, betont Aldi, die Betriebe setzten stark auf vorbeugende Massnahmen. «Sollte ein Antibiotikaeinsatz dennoch unumgänglich sein, um das Tierwohl zu gewährleisten, kann das Tier nicht mehr unter ‹Retour aux sources› vermarktet werden. Mit den betroffenen Partnerbetrieben suchen wir gemeinsam eine zufriedenstellende Lösung.»

[IMG 2]