Eine Milchpreiserhöhung um stattliche fünf Rappen. Das wäre in normalen Zeiten eine sehr gute Nachricht. Nur leider sind es keine normalen Zeiten. Vermutlich sehen wir uns aufgrund des Kriegs in der Ukraine mit den grössten Verwerfungen des globalen Ernährungssystems seit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert. So jedenfalls prognostizieren es Experten für landwirtschaftlichen Rohstoffhandel. Schon vor der russischen Invasion gingen die Preise durch die Decke und die Tendenz hält an, dafür braucht man bloss die Leuchtziffern an den Tankstellen zu konsultieren.
Hohe Importquoten auch bei Vorleistungen
Ob es tatsächlich zu Hungersnöten bei den grössten Getreideimporteuren unter den Schwellen- und Entwicklungsländern kommen wird, das muss sich noch zeigen. In der Schweiz ist das kein Thema, wir haben das Privileg, als eines der reichsten Länder weltweit auf den globalen Märkten quasi beliebig einkaufen zu können. Zudem ist die Inlandversorgung gerade mit Brotgetreide sehr gut.
Ungeachtet dessen ist die Landwirtschaft massiv betroffen von den Preissteigerungen für fossile Brennstoffe und landwirtschaftliche Rohstoffe. Wir sind zu 100 % abhängig von eingeführtem Diesel, Benzin und Gas. Wir importieren alljährlich 1,2 Mio t Futtermittel. Kunstdünger wird ebenfalls vollumfänglich im Ausland hergestellt, ähnliches gilt für weitere Vorleistungen wie Gemüsesetzlinge und Landtechnik.
Glück hat, wer Geflügel mästet
Glück hat, wer wie die Geflügelmäster oder die Eierproduzenten in vertikal integrierten Wertschöpfungsketten tätig ist. Hier sorgen die taktgebenden Detailhändler dafür, dass die Verteuerung der Produktion an der Ladenfront wieder zurückgeholt werden kann. Das zeigte sich jüngst am Beispiel von Coop. Diese gab bekannt, dass die gestiegenen Futterkosten für die Pouletmast direkt zu Preisaufschlägen im Regal führen.
Ganz anders ist dies in der Milchproduktion oder in der Schweinemast. Deshalb sind die kürzlich hart erkämpften fünf Rappen Aufschlag für Industrie- und eventuell auch für Käsereimilch stark zu relativieren. So berichtete etwa in unserer letzten Ausgabe ein Milchproduzent, dass die Kraftfutterkosten pro 100 kg unlängst um 10 bis15 Franken zugenommen hätten. Und leider muss man davon ausgehen, dass hier erst die Spitze des Eisbergs zu sehen ist. Selbst wenn man vom günstigsten Fall eines baldigen Kriegsendes ausgeht, dürften die internationalen Futtermittelmärkte mindestens mittelfristig weiter stark von der Krise gezeichnet bleiben. Dasselbe gilt für die weiteren Vorleistungspreise.
Besinnung auf die eigenen Stärken
Was heisst dies nun für die Schweizer Produzenten? Wichtiger denn je ist es, seine Produktionskosten erstens zu kennen und zweitens im Griff zu haben. Hierbei ist eine Besinnung auf die eigenen Stärken vermutlich nicht die dümmste Strategie. Das heisst, im Falle der Milchproduktion ein möglichst hoher betriebseigener Futtermittelanteil und möglichst wenig betriebsfremde Dünger. Dem Vernehmen nach nimmt die Nachfrage nach Gülle, namentlich aus Biogasanlagen, bereits stark zu. Diese Tendenz dürfte anhalten. Möglicherweise wird die aktuelle Krise dazu führen, dass Hofdünger aus Sicht der Gesellschaft plötzlich als wertvoller Rohstoff und nicht länger als Umweltverschmutzungs-Faktor betrachtet werden.Das wäre immerhin ein positiver Nebeneffekt der prekären Situation.
Für die Fleischproduktion gilt ähnliches wie für den Milchsektor. Die Fütterung auf Basis der betriebseigenen Möglichkeiten dürfte an Bedeutung zunehmen. In der Rindermast ist diese Entwicklung weniger problematisch als in der Schweineproduktion. Hier ist es äusserst schwierig, auf dem Inlandmarkt fündig zu werden. Die Futtergetreideproduktion versucht man nun schon länger zu steigern, mit sehr bescheidenem Erfolg. Hier ist den SVP-Vertretern Recht zu geben, wenn sie eine Rückkehr zur seit Jahrzehnten verbotenen Nutzung wertvoller Ressourcen wie Gastrosuppe und Tiermehl verlangen.
Linksgrün hat für einmal nicht ganz unrecht
Hingegen dürfte das ebenfalls verlangte Pflügen von Blühstreifen oder Biodiversitätsflächen ein eher weniger erfolgsversprechendes Rezept sein, sind doch die betroffenen Flächen in den wenigsten Fällen geeignet, um vielversprechend Ackerbau zu betreiben. Zudem unterschätzt man hier die politische Grosswetterlage. Die landwirtschaftskritischen Kreise fühlen sich nämlich durch die aktuelle Krise eher bestätigt in der Annahme, dass die Auslandabhängigkeit die Schwierigkeiten noch verstärkt. Und da haben sie für einmal nicht ganz unrecht.

