Herr Prêtre, offiziell wären Sie seit diesem Sommer pensioniert – aber Sie arbeiten für fünf Jahre weiter als Herzchirurg in einem Teilzeitpensum am Waadtländer Universitätsspital (CHUV). Warum?

René Prêtre: Weil ich glaube, dass ich es immer noch kann (lacht). Ich hatte keine Ambitionen, Klinikdirektor zu werden, weil man dann neben dem Operationsalltag sehr viele administrative Aufgaben hat. Und auch personelle Themen, also der ganze Human-Relations-Stuff, nehmen viel Platz ein. Es gibt immer kleine Konflikte, die man lösen muss. Darauf hatte ich keine Lust mehr. Mit dem 40-Prozent-Pensum habe ich mehr Zeit für meine Stiftung und andere Dinge, die mir wichtig sind. Und dann habe ich mir auch überlegt, wie lange ich noch operieren kann. Im Moment geht es mir gut, aber ich bin wie jeder andere und werde älter. Bei den Operationen an den ganz kleinen Säuglingen, also jenen, die innert zehn Tagen nach der Geburt stattfinden müssen, ist alles ganz klein und man braucht eine grosse Konzentration über viele Stunden. Ich denke, es war wichtig für mich, diesen Teil der Operationen aufzugeben, bevor meine Ergebnisse schlechter würden.

Sie sind seit Jahrzehnten Herzchirurg und sind eine Koryphäe auf dem Gebiet der Kinder-Herzchirurgie. Was macht die Faszination an diesem Beruf bis heute für Sie aus?

Weil es immer noch spannend ist. Die Anatomie des Herzens ist komplex, aber auch schön und interessant. Auch, wie dessen Physiologie funktioniert, ist wunderbar. Es ist für mich immer noch jedes Mal ein Wunder, dass man ein Herz während der Operation in den Stillstand versetzen kann und es danach wieder schlägt. Ich habe schon viel tausende Kinderherzen gesehen, aber es fasziniert mich immer noch, auch wenn ich natürlich mittlerweile ein bisschen daran gewöhnt bin. Jeder Fall ist anders. Es ist auch die Umwelt des Kindes, die faszinierend ist. Die Begegnung mit den Eltern. Einer Familie helfen zu können. Das ist eine schöne Belohnung für die Arbeit.

Sie haben in einem Interview einmal gesagt, dass Sie Ihre Arbeit immer als Kunst ­verstanden haben?

Man bildet Chirurgen aus, indem man sagt, hier kommt dieser Stich und so funktioniert jener Stich. Die machen das dann alle gleich, wie Roboter. Aber für mich war das Handwerk der Rekonstruktionschirurgie, wie wir sie bei den Kinderherzen machen, immer Kunst. Eine Choreografie, ein Tanz der Hände. Ich wollte immer, dass meine Operationen nicht nur technisch gut sind, sondern auch schön aussehen. Ich wollte schöne Kurven, keine Winkel; wenn man schön operiert, fliesst das Blut ohne Energieverlust. Also man kann auch sagen, je schöner die OP, desto gesünder das Herz.[IMG 2]

Für Durchschnittsmenschen wie mich ist es unvorstellbar, wie man so ruhige Hände haben kann, dass man ein Neugeborenes erfolgreich am Herzen operieren kann. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie dieses seltene Talent haben?

Man beginnt eine Karriere nicht in der Herzchirurgie. Man muss viel arbeiten und braucht Talent, das ist klar. Aber man braucht auch Mentoren. Diese Leute haben bemerkt, dass ich gute Hände habe, ich wusste das auch nicht. Ich kam von diesem kleinen Bauernhof im Jura. Ich war schon beeindruckt, in der Stadt zu sein. Ich hatte keine grosse Ambitionen und ging in die Allgemeinchirurgie. Mein Chef meinte dann zu mir: «Sie müssen eine universitäre Karriere machen.» Diese Worte hatte ich nie zuvor gehört. Und er meinte auch: «Ich würde Sie gerne nach Amerika schicken.» Ich ging dann nach New York, hatte dort eine wirklich gute Zeit, konnte schwierige Eingriffe übernehmen und bin dann sogar in die Herzchirurgie gewechselt. 

Bei Ihrer Arbeit geht es manchmal um Leben und Tod und die Erwartungen der Eltern sind riesig. Sie waren oder sind immer wieder mit starken Emotionen konfrontiert – wie geht man mit diesem immensen Druck um?

Zuerst muss man wissen, dass mehr als 95 % unserer Operationen ohne signifikante Komplikationen verlaufen. Darum gehe ich nicht mit Angst in den Operationssaal. Aber natürlich gibt es auch Fälle, bei denen man im Vorfeld bereits weiss, dass es schwierig werden könnte. Aber da muss man oft auch bedenken, dass man diese ganz kleinen Kinder sofort nach der Geburt operieren muss, weil sie ohne Operation sterben würden. Dann riskiert man die Operation, muss das gut mit den Eltern besprechen. Viel schwieriger ist es, wenn man einen Fehler macht, wenn etwas passiert, was nicht geschehen dürfte. Auch mir ist das einige Male passiert. Dann hat man grosse Schuldgefühle, kann nachts  nicht mehr gut schlafen. Dann habe ich jeweils schwierige Operationen des folgenden Tages verschoben, um erst mal einfachere zu machen. Wir Herzchirurgen arbeiten mit Leben und Tod. Man braucht uns oft eher erst am Ende des Lebens, wenn die Mechanik des Herzens nicht in Ordnung ist, oder am Ende, zum Beispiel, wenn man Klappen ersetzen muss. Aber wenn ein Kind einen Herzchirurgen braucht, hat es sein Leben noch vor sich, da ist die Verantwortung noch einmal eine viel grös­sere.

«Und dann kam ich, von nirgendwoher.»

Seine Wahl zum Schweizer des Jahres 2009 überraschte René Prêtre sehr.

2009 wurden Sie Schweizer des Jahres – was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung heute?

Das hat enorm viel für mich geändert. Ich hätte nie mit dieser Auszeichnung gerechnet. Ich schaue fast nie Fernsehen, aus­ser den einen oder anderen Fussballmatch. Es waren auch Sportler nominiert, die man kennt, die begabt sind. Und dann kam ich, von nirgendwo. Aber plötzlich sah man, da gibt es diesen Herzchirurgen, der Kinder operiert. Das gab der Chirurgie ein Gesicht. Für meine Stiftung bedeutet die Auszeichnung einen gros­sen Unterschied. Vorher konnten wir nur zwei Missionen pro Jahr machen und waren immer in den roten Zahlen. Jetzt habe ich mit vier Missionen immer noch gewisse Reserven. 

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Sie engagieren sich seit langer Zeit humanitär, operieren mit Ihrer eigenen Stiftung «Le Petit Cœur» Kinder in Mosambik und Kambodscha – was bedeutet Ihnen dieses Engagement?

Das ist wieder dieses Vergnügen, anderen Leuten zu helfen und Gutes zu tun. Ich sehe das Lächeln dieser Kinder und dieser Familien. Ich meine, hier an der Klinik operiere ich mittlerweile Erwachsene, aber die Kinder dort werden vielleicht an mich denken oder sind immer noch da, wenn ich es nicht mehr bin. Das ist ein schöner Gedanke. Ich bekomme viele Dankesbriefe von Kindern, die ich zum Beispiel 2000 als Baby operiert habe, und jetzt sind sie erwachsen. Das ist schön – und gibt mir viel zurück. 

Sie sind mit sechs Geschwistern auf einem Bauernhof in Boncourt JU aufgewachsen – wie hat Sie das geprägt?

Das hat mich sehr geprägt, es war schön. Klar, wir hatten nicht viel, lange kein Auto, keine Ferien, kein Fernsehen. Wir mussten mithelfen, die Kälber füttern usw., aber wir wurden nicht ausgenutzt. Mit neun Jahren habe ich gelernt, die Kühe von Hand zu melken, weil wir noch keine Melkmaschine hatten. Unsere Maschinen und unser Traktor wurden stets repariert. Man hat gelernt, den Dingen Sorge zu tragen. Ich habe gelernt, mit den Händen zu arbeiten, hart zu schuften, und ich weiss, dass man Dinge reparieren kann. Das hat mir später in meinem Beruf geholfen. Ich habe viel auf meinem Gebiet – der Kinder-Herzchirurgie – geändert, ich bin bekannt dafür. Bei Kongressen sagen sie über mich: «Er hat immer eine elegante Lösung.»

Kurz gefragt

Welches ist Ihre Lieblingskuhrasse?
Montbéliarde. Wir hatten zwar Simmentaler- und Freiburger­kühe. Aber Montbéliarde finde ich am schönsten, und da ist etwas Würze darin, weil sie Temperament haben.

Ihre Lieblings-Traktoren­marke?
Damals war es Ford. Mein Vater hatte einen blau-weissen Ford 5000. Ich habe stundenlang auf diesem Traktor gearbeitet.

Wer ist Ihr liebster Fussballspieler?
Pelé. Er ging immer sehr respektvoll mit den anderen Spielern um.  Johan Cruyff mochte ich auch sehr, er hatte viel Charisma, er war wie ein Leopard.

Was ist Ihr grösster Ärger?
Ungerechtigkeit. Zum Beispiel dieser Krieg in der Ukraine. Es ist nicht Russland gegen die Ukraine. Es ist Putin gegen die Ukraine, und die Russen leiden auch darunter.

Wenn Sie Besuch haben, was gibt es zu essen?
In der Küche bin ich leider extrem schlecht (lacht). Ich kann nur grillieren.

Was ist Ihre liebste Sünde?
Ein Glas guter Wein am Freitagabend.

Mit wem (tot oder lebend) würden Sie gerne essen gehen?
Michelangelo, Rodin oder Giacometti. Ich würde sie fragen, wie man so gut sein kann (lacht).

Was für ein Hof war das?

Wir hatten zwölf Milchkühe. Heute gibt es den Hof nicht mehr, dafür war er zu klein. Wir hatten auch nur 8 Hektaren Eigenland und 24 Hektaren Pachtland. 

Wie ist Ihr Verhältnis zur Landwirtschaft heute?

Kein enges, weil ich nur noch in Städten arbeite. Ich fühle mich zwar immer noch als Landkind, aber Herzchirurgie muss zentral stattfinden, in den grossen Zentren. Aber bei Abstimmungen über die Landwirtschaft habe ich immer meinen Vater, er ist mittlerweile gestorben, angerufen und gefragt, wie ich abstimmen soll. Meine Frau hat in ihrem Umfeld wieder eine Art kleinen Hof, und manchmal gehe ich da mit. Und ich weiss immer noch, wie Traktoren und Maschinen funktionieren und wie man damit umgeht, sie reinigt. Das ist lustig, dieses Wissen geht auch nach Jahrzehnten nicht verloren. 

Was wünschen Sie der Schweizer Landwirtschaft?

Dass die Bauern angemessen für ihre Arbeit und ihre Produkte entschädigt werden und man sie nicht in Wettbewerb mit anderen Ländern setzt, in denen die Rahmenbedingungen nicht vergleichbar sind. Ich finde es zum Beispiel unglaublich, dass man Eier von Holland in die Schweiz karrt. 

«Ich bin nicht sicher, ob ich Ruhe mag.»

René Prêtre hat viel Arbeit, aber wenn die Zeit reicht, liest er gerne oder geht ins Kino.

Wie kommen Sie zur Ruhe?

Ich bin nicht sicher, ob ich Ruhe so gerne mag (lacht). Ich lese gerne, vor allem französische, englische und amerikanische Literatur. Und ich gehe gerne ins Kino.

Sie haben zwei erwachsene Töchter, sind mehrfacher Grossvater und haben einen zweijährigen Sohn. Inwiefern ist es diesmal anders als bei Ihren Töchtern?

Ich finde mehr Zeit für ihn. Am Anfang war es seltsam, weil ich manchmal Kinder operiert habe, die in seinem Alter waren. Dann habe ich an ihn gedacht und das war ein komisches Gefühl.

Sie sind grosser Fussballfan und haben selber jahrelang gespielt, was bedeutet Ihnen der Sport heute?

Fussball bedeutet mir sehr viel. Aber diese WM in Katar war dermassen problematisch – ich kann nicht nachvollziehen, wie die FIFA das zulassen konnte. Deshalb stört es mich nicht, dass die neue Mission meiner Stiftung in Kambodscha sich mit der WM überschnitten hat. Ich habe es nicht ganz boykottiert und mir ein paar Highlights angesehen, aber mehr nicht.

Dieses Interview wird in unserer Weihnachtsausgabe erscheinen. Was bedeutet Ihnen ­Weihnachten?

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man mit Nostalgie auf seine Jugend schaut. Weihnachten war immer ein Familienfest. In meiner Erinnerung hatte es immer Schnee, und wir gingen an die Mitternachtsmesse und haben anschliessend mit Freunden einen Glühwein getrunken.