Bei der Einfahrt in den Bahnhof Bern stand vor einigen Jahren zur Osterzeit auf einer Betonwand gross geschrieben: «Jesus lebt!». Daneben hat jemand in ebenso grossen Lettern hingesprayt: «Und wir erst ... Yeah!»
Liebe Leserin, lieber Leser, mit diesen zwei Sgraffiti – «Jesus lebt», «Und wir erst! Yeah!» – ist die Stimmung in der heutigen Gesellschaft für Ostern gekennzeichnet. Die einen feiern den auferstandenen Jesus, die andern zucken die Achseln und sagen: Was soll’s? Hauptsache ist doch, dass wir leben, und zwar jetzt, in vollen Zügen. Ob dieser Jesus lebt, was kümmert’s uns! Es muss Spass machen.
Was ist an Ostern noch gefragt?
«Jesus lebt!», «Und wir erst! Yeah!» – das heisst doch: Ostern ist nicht mehr gefragt. Die Feiertage werden zwar als arbeitsfreie Tage geschätzt, aber Ostern feiern, gar Gottesdienste besuchen, nein, das bringt’s nicht. Das macht keinen Spass.
Und dennoch machen wir wohl alle die Erfahrung: Ohne irgendeinen Glauben geht’s nicht. Es ist nun an uns, zu entscheiden, mit welchem Glauben wir leben wollen. Mit jedem Glauben ist eine Sinngebung für das ganze Leben, eine Lebenseinstellung verbunden. Und nun können wir wählen, ja, wir müssen wählen. Es liegt an uns Menschen, unserem Leben einen Sinn zu geben und diesen Sinn auch zu leben. Wie also wollen wir unser Leben verstehen? Woher erwarten wir das Glück, die Erfüllung des Lebens?
Zwei Varianten haben wir schon etwas kennengelernt: Die eine bekennt: «Jesus lebt», die andere kichert: «Und wir erst! Yeah.»
Zukunft jenseits des Todes?
Die Kicherer meinen: Ob es einen Gott gibt, ob Jesus lebt, ob es eine Zukunft jenseits des Todes gibt, das wissen wir nicht und interessiert uns auch gar nicht. Wir glauben an das Leben vor dem Tod. Darum lasst uns jetzt in vollen Zügen leben. Das bedeutet: Wir müssen aus diesem Leben das Maximum herausholen, wir dürfen nichts verpassen. Das erfordert zwar harte Arbeit. Aber das Leben muss Spass machen. Es gelten das Leistungs- und das Lustprinzip.
Diese Lebensauffassung bringt zweifellos viel: Bildung, Karriere, Wohlstand, Bequemlichkeiten, Erfolge. Dafür wird alles investiert, was investiert werden kann. Und es gibt vieles zu geniessen, mit allen Sinnen, mit Geist und Körper. Ich möchte sagen: Gott sei Dank! Wir Christen sind keine Miesmacher. Wir mögen allen ihren Spass gönnen, solange er nicht auf Kosten der andern geht.
Doch was ist, wenn wir das Leben nicht mehr geniessen können, wenn es keinen Spass mehr macht? Wenn unser Leben nicht das Paradies auf Erden ist? Wenn sich der Erfolg nicht einstellt, wenn wir krank werden, wenn wir sterben müssen?
Dann herrscht schnell Resignation, Mutlosigkeit und Verzweiflung. Wenn heute die Rede vom nicht lebenswerten Leben wieder die Runde macht, dann hat das etwas mit der Einstellung zu tun, dass Leben nur dann volles Leben ist, wenn man es auch autonom und aktiv gestalten und geniessen kann.
Und was ist mit den Milliarden von Menschen, die arm sind oder ums Überleben kämpfen? Was ist mit den Menschen der Vergangenheit und der Gegenwart, für die das Leben vorwiegend Angst und Not, Trauer und Qual war und ist?
Wenn der Sinn des Lebens nur der ist, das Leben zu geniessen, dann ist das menschliche Leben aufs Ganze gesehen unerträglich. Zynisch und ungerecht dazu.
Nicht das absolute Ende
Was bleibt, das ist die Frage: «Kann es überhaupt ein Weiterleben nach dem Tod für uns geben, oder stimmt nicht vielmehr: was tot ist, bleib tot?» Gerade in der Landwirtschaft tätige Menschen erleben jedes Jahr am Ende des Winters etwas, was es eigentlich nicht geben dürfte: wie abgestorbene, totgeglaubte Pflanzen und Blumen wieder aus der Erde auferstehen. Was tot war, ist nun plötzlich wieder da.
Nein, liebe Leserin, lieber Leser, der Tod ist nicht mehr das absolute Ende. Es gibt für uns eine berechtigte Hoffnung, dass es nach diesem Erdenleben auch für uns eine lebendige Fortsetzung geben wird, und zwar das ewig dauernde Leben, das uns geschenkt wird, von Gott. Das ist doch ein Grund zur Freude und zum Feiern, durch die Auferstehung Jesu ist dies möglich geworden: ein Leben, das nicht vergeblich ist. Ein Leben mit Zukunft in unvergänglichem Frieden und unzerstörbarer Freude. Das feiern wir Christen an Ostern.
Arthur Salcher (62), ein Bergbauernsohn aus Tirol, hat Theologie studiert und arbeitet seit 2004 als Diakon in Stansstad. Zu seinen Aufgaben gehört, nebst der Seelsorge, die Leitung der katholischen Pfarrei Stansstad.

