Am Geburtstag meines Mannes ist ein Kalb geboren. Ich habe es ihm geschenkt und ihn gebeten, einen Namen auszusuchen. Magnolia hat er gewählt. Als später der Zuchtausweis im Briefkasten lag, musste ich schmunzeln. Die Urgrossmutter von Magnolia hiess Anemone – eine Kuh, die in meiner Jugendzeit bei uns im Stall stand. Ich konnte mich noch vage an ihren Standplatz erinnern. Und nun, viele Jahre später, hüpft ihre Nachfahrin im gleichen Stall umher. Bald darf Magnolia mit ihrer Mutter auf die Weide und wird ihren eigenen Teil in unserer Hofgeschichte schreiben.
Diese wunderbare Verbindung zwischen Anemone und Magnolia hat mich berührt. Sie erinnert mich daran, wie behütet ich selbst aufgewachsen bin – obwohl es auch damals schon Kriege und Konflikte gab, befand ich mich inmitten einer heilen Welt. Heute ist vieles anders. Schon die Kleinsten wachsen mit einer ständigen Flut von Medien und Nachrichten auf. Bilder von Krisen, Konflikten und Kriegen sind allgegenwärtig. Manchmal scheint es, als gehe dabei ein Stück des Zaubers verloren, der eine unbeschwerte Kindheit begleiten sollte.
Vielleicht müssen wir diesen Zauber heute bewusster leben und behüten – den Zauber der heilen Welt.
Ab diesem Frühling biete ich auf unserem Hof im Vogelsang Führungen für Gäste aus aller Welt an. Ich freue mich auf die Begegnungen. Früher bin ich selbst viel gereist und war neugierig darauf, wie andere Menschen leben. Dieses Fernweh ist mit den Jahren ruhiger geworden. Wenn man andere Länder bereist, merkt man schnell, dass eine so nachhaltige und vielfältige Landwirtschaft, wie wir sie hier kennen, keine Selbstverständlichkeit ist. Sie ist ein Stück Kultur, über Generationen gepflegt, und damit auch ein besonderer Kulturschatz.
Die Touristen kommen genau deshalb von weit her zu uns auf den Hof, um einen Blick in diesen Kulturschatz zu werfen. Was sie hier entdecken, ist für uns oft nichts Aussergewöhnliches: ein Apfel direkt vom Baum, eine blühende Wiese voller Insekten, Magnolia und ihre Mutter, die zufrieden frisches Gras fressen, oder eine Gurke direkt aus dem Garten. Für uns gehört dies alles zum Alltag. Für unsere Touristen ist es ein Blick in eine heile Welt.
Darin liegt auch ein Teil der Antwort, weshalb wir diese Arbeit trotz grosser Herausforderungen jeden Tag wieder anpacken: Wir bewahren einen Ort, an dem dieser Zauber noch spürbar ist – für uns, für unsere Kinder und für Menschen, die ihn bei uns entdecken. Einen Ort der heilen Welt.
Die Landwirtin Helena Lisibach ist verheiratet und Mutter einer Tochter. Sie führt in Ebikon LU einen Betrieb mit Mutterkuhhaltung, Mastschweinen, Ackerbau, Direktvermarktung und Bildungsangeboten.