Der Umschwung vom Neuhof ist keine geschniegelte Parkanlage. Etwas wild sieht es aus, und so soll es auch sein. Naturnah, eine Heimat, wo sich Insekten und Vögel zu Hause fühlen können. Ein Ort, wo Menschen und Tiere ankommen dürfen.
Die Pferde schubsen einander, eifersüchtig gieren sie nach den Streicheleinheiten ihrer Pflegerin Heidi Tiefenauer, schlabbern ihr über die braune Jacke. Die Tiere verbringen ihren Lebensabend auf den grünen Wiesen um den Neuhof. Heidi Tiefenauer selbst kam erst vor fünf Jahre auf den Hof und konnte hier ihren langersehnten Traumberuf Bäuerin erlernen und ausleben.
Am Stadtrand aufgewachsen
«Meine Liebe zu Urs brachte mich hierher», erzählt die 52-jährige Frau. Urs Rüeger führt einen gemischten IP-Suisse-Betrieb mit Munimast, Silomais, Zuckerrüben, Raps, Getreide und Reben – und einer Altersweide für Pferde. Viel älter als die Liebe zu Urs ist Heidi Tiefenauers Liebe zu Pferden. «Pferde waren, seit ich denken kann, meine Leidenschaft», betont sie.
Aufgewachsen ist Heidi Tiefenauer am Stadtrand von Effretikon ZH. Ihre Mutter musste sie schon früh bei den benachbarten Bauern suchen. Doch Landwirtschaft als Beruf war damals nie ein Thema. So lernte sie Floristin, führte dann ein eigenes Blumengeschäft in Neuhausen am Rheinfall SH.
«Ihr seid frei»
Heidi Tiefenauer gibt den Pferden einen sanften Klaps. «Die Weide ist offen, ihr seid frei.» Im Galopp springen sie davon, heute spüren sie das Alter nicht. Ihre Pflegerin lacht über ihre Albernheit. Zurzeit sind es sieben Pensionstiere und ihr eigenes Pferd. Im letzten Sommer mussten sie vier Pferde altershalber einschläfern lassen. Das ist immer eine traurige Angelegenheit für Mensch und Tier. «Wenn ein Pferd stirbt, lassen wir es noch etwas liegen, damit sich die anderen verabschieden können», erklärt sie. «Wir erlebten schon, wie seine Kameraden beim toten Tier eine Schweigeminute hielten.»
Angestellt ist Heidi Tiefenauer zu 100 Prozent bei ihrem Partner. Sie ist überall dort, wo Hilfe gebraucht wird – im Stall bei den Muni und den Kälbern, auf dem Traktor beim Mulchen oder Walzen und in den Reben. Sie ist verantwortlich für die Pferdepension, führt die Gespräche mit den Besitzern und ruft bei Bedarf den Tierarzt. Auch das Kürbisfeld ist ihr Bereich. 17 Speise- und Zierkürbissorten pflanzte sie im letzten Jahr an. «Ich liebe die Formen, die Gerichte, die Überraschungen, wenn man auf dem Kürbisfeld ist und sie sucht.»
Kräuter als Abschlussarbeit
Ein lang gezogenes Kräuterbeet vor der Fensterfront des Esszimmers war die Abschlussarbeit für die Bäuerinnenprüfung. Diese absolvierte Heidi Tiefenauer im letzten Jahr berufsbegleitend. Frauenmänteli, Heiligenkraut, Thymian, Lavendel, Isob und mehr, dazwischen Rosensträucher. Die Pflanzen wurden bewusst ausgewählt, um die Insektenvielfalt zu fördern.
Heidi Tiefenauer zeigt auf einen kleinen Steinhaufen. «Beim Anlegen des Beetes war dort ein Bienennest, ich hoffe, es so zu schützen.» Auf der anderen Seite des Hauses reihen sich Hochbeete kunstvoll um eine Kräuter-Steinspirale, auf der Wermut thront.
Zwei Generationen
«Ich kann mich in diesem Beruf kreativ entfalten», freut sich die Bäuerin. «Auch in der Küche mit meinen Kräutern; Teemischungen machen, Lavendelsalbe und Rosmarinöl herstellen.» Die Selbstversorgung ist Heidi Tiefenauer ein grosses Anliegen und gleichzeitig auch Vergnügen.
Mit im Bauernhaus wohnt die Tochter von Urs Rüeger mit ihrer Familie. Die zwei Frauen teilen sich während der Woche das Kochen des Mittagessens auf, die zwei Parteien essen dann gemeinsam. «Man ist verschieden, da muss man grosszügig sein miteinander», lautet die Devise von Heidi Tiefenauer. Dank der jungen Familie kann das Bauernpaar auch mal Ferien machen.
Auf Augenhöhe
Obwohl Urs der Betriebsleiter des Hofs ist, werden Themen diskutiert und Entscheide gemeinsam gefällt. Das Wahlfach Ackerbau bei der Ausbildung hat Heidi Tiefenauer viel gebracht. Miteinander hatten sie den Stoff bearbeitet. «Wir können jetzt auf Augenhöhe diskutieren», sagt sie und fährt fort: «So stelle ich mir eine Beziehung vor.» Sie erlebte es schon anders, hat schwierige und auch gescheiterte Beziehungen hinter sich.
Heute glaubt sie, alles habe auch seinen Sinn. «Ich bin ein Mensch, der vorwärts schaut», sinniert sie. «Bevor ich krank werde, ändere ich etwas. Wenn es mir nicht gut geht, geht es nämlich den Menschen um mich herum auch nicht gut.» Sie freut sich sehr, dass sie jetzt ihren Traum leben darf. «Man braucht manchmal einen ‹Schupf› von aussen … Jetzt bin ich am richtigen Ort mit dem richtigen Mann.»
Ackerdisteln hacken
Gibt es in diesem Traumleben auch eine Schattenseite? Heidi Tiefenauer überlegt kurz, lacht. Ja – das Hacken der Ackerdisteln von Hand. Das sei halt die andere Seite des herbizidlosen Ackerbaus.
Website des Betriebs: www.neuhof-wilchingen.ch

