«Panakeia», ruft Gisela Schlüchter. Sofort kommt eine der Kühe zutraulich näher und lässt sich kraulen. Die Tiere stehen an diesem sonnigen Wintertag zufrieden im Laufhof und pflegen sich. Gisela Schlüchters Rinder sind handzahm, was die Arbeit im Stall sehr erleichtert. Sie bewirtschaftet seit 2014 den elterlichen Hof in Röthenbach BE. Ihr Werdegang verlief nicht geradlinig, dass sie dereinst den Hof übernehmen würde, war nicht von Anfang an geplant.
«Als ich das Melken aufgeben wollte, war mein Vater sehr enttäuscht»
Nach der Schule absolvierte sie zuerst eine Lehre als Automechanikerin. Das technische Verständnis kommt ihr jetzt im Alltag zugute, auch wenn Traktorfahren nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehört. Viel lieber sind ihr die Kühe. Im dazugehörigen Pachtbetrieb hat sie durch den Winter über zwanzig Aufzuchtrinder. Der Pachtbetrieb liegt etwas abseits vom Hof, so gibt die tägliche Stallarbeit im Winter viel zu tun.[IMG 4]
Ihr Vater hilft tatkräftig mit, er ist fast täglich auf dem Hof anzutreffen. «Wir hatten es nicht immer einfach zusammen», erzählt Gisela Schlüchter, «als ich das Melken aufgeben wollte, war er sehr enttäuscht.» Doch die Arbeitsbelastung und der Investitionsbedarf im Stall haben sie dazu bewogen, ihren Betrieb 2021 auf Mutterkuhhaltung umzustellen.
Statt in die Ferien mit einem Buch in die Welt hinaus
Auch wenn Gisela Schlüchter keine eigene Familie gegründet hat, ist sie ein ausgesprochener Familienmensch. Sie pflegt eine enge Beziehung zu ihren Geschwistern. Ihr Bruder und ihre beiden Schwestern führen zusammen mit ihren Partnern je einen eigenen Betrieb. Dass schlussendlich sie den elterlichen Hof übernommen hat, ist sicher auch ihrer Verbundenheit mit den Kühen zu verdanken.
Nach der Zweitausbildung zur Landwirtin und der darauffolgenden Betriebsleiterschule war sie bestens ausgebildet, um diese Herausforderung zu meistern. «Früher bin ich gern gereist», sagt Gisela Schlüchter. «Bei meiner letzten Reise habe ich Patagonien und die Osterinseln besucht.» Jetzt geht sie nicht mehr länger als ein verlängertes Wochenende mit ihrem Lebenspartner weg vom Hof. «Ich bekomme Heimweh nach meinen Damen», wobei sie mit «Damen» ihre Kühe meint. Sie fehlen ihr, wenn sie die Tiere nicht um sich hat. Dafür reist sie am Feierabend mit einem guten Buch auf der warmen Ofenbank in die Welt hinaus.
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Gut aufgegleist für die Zukunft
Aktuell wälzt sie aber noch eine ganz andere Lektüre: Sie ist in der Abschlussphase zur diplomierten Agro-Kauffrau HF. Nachdem die Emmentalerin über viele Jahre zusätzlich zur Arbeit auf ihrem Hof noch im Service gearbeitet hatte, entstand der Wunsch, sich weiterzubilden. «Es ist nichts so stetig wie der Wandel», erklärt Gisela Schlüchter, «und es ist wichtig, gut aufgegleist zu sein, um die Herausforderungen, die die Zukunft für die bäuerlichen Betriebe bringen wird, besser zu verstehen und entsprechend vorbereitet zu sein.»
Ihre Weiterbildung, die einen starken Bezug zur Landwirtschaft hat, scheint auf sie zugeschnitten. Ihre Lieblingsfächer sind Betriebswirtschaft, Rechnungswesen und Marketing. «Ich kann mir gut vorstellen, in der Zukunft in Teilzeit in der Beratung oder in einem Treuhandbüro zu arbeiten», erläutert sie, «ich schätze den Austausch mit anderen Menschen, das hält meinen Geist offen und wach.»
Gisela Schlüchter lacht viel, diskutiert gern und mag es, mit Menschen zusammenzusein. Auch wenn die Zeit neben der Hofarbeit knapp ist, ist sie gut eingebettet in ein starkes soziales Umfeld. Zudem hat sie viel in den Hof investiert, nach dem Stallumbau und der Dachsanierung möchte sie als nächstes die Wohnung in Angriff nehmen. Da ist ein Zusatzverdienst willkommen.
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Briefe kommen auch mal an «Herr Gisela Schlüchter»
Obwohl sie im Emmental aufgewachsen ist und ihren Betrieb schon lange erfolgreich führt, erlebt sie es immer wieder, dass zum Beispiel ein Vertreter nach einem männlichen Ansprechpartner sucht. Wenn dann ihr Vater oder ihr Lebenspartner konsequent an sie verweist, wird es manchmal etwas komisch.
Die Akzeptanz einer weiblichen Betriebsleiterin ist in vielen Köpfen nach wie vor klein. Da kann es auch mal vorkommen, dass ein Brief adressiert ist mit «Herr» Gisela Schlüchter. Sie lacht und schüttelt den Kopf: «Deswegen lasse ich mir keine grauen Haare wachsen.» Sie hat sich noch nie darum gekümmert, was von ihr erwartet werden könnte. «Schlussendlich sind wir alle einfach Menschen. Jeder soll das tun, was er gerne macht, dann kommt es gut.»
5 Fragen an Gisela Schlüchter
Wie lautet ihr Leitspruch fürs Leben, Ihr Lebensmotto?
«Keep it nice and simple.» (Anmerkung der Redaktion: «Halte es schön einfach.»)
Welches Landwirtschaftsthema beschäftigt Sie am meisten?
Die Agrarpolitik und Seuchen aller Art, wie etwa die Lumpy-Skin-Krankheit
Welche lebende oder tote Person würden Sie gerne einmal persönlich treffen?
Albert Einstein wäre sicher sehr inspirierend.
Wohin würden Sie gerne einmal reisen?
Mit der transsibirischen Eisenbahn oder durch die Seidenstrasse.
Welches ist Ihr Lieblingslied?
«Fix You» von Coldplay und «Knights of Cydonia» von Muse.