Wer etwas über die Geschichte Mostindiens erfahren will, ist bei Ernst Züllig an der richtigen Adresse. Der Obstproduzent aus Romanshorn sammelt alte Requisiten, die von der Entwicklung des Obstbaus im Kanton Thurgau zeugen. In seinem 400-jährigen Mostkeller hat er ein kleines Museum eingerichtet und bietet unter dem Titel «Kultur bim Puur» Kellerbesichtigungen mit Vortrag an. Eine solche fand letzte Woche statt.
Leidenschaftlicher Sammler
Der neun Hektaren grosse Betrieb mit Tafelobstproduktion befindet sich im Weiler Oberhäusern. «Schon vor 400 Jahren wurde hier gemostet», erklärt Ernst Züllig. Der Keller wird von der Familie Züllig nach wie vor genutzt zur Lagerung des eigenen Süssmostes und der Brände. Daneben sind dort zahlreiche Flaschen, Gebinde, Wannen und Werkzeuge ausgestellt, die früher für die Produktion und Konsumation verwendet wurden.

Zu jedem Gegenstand weiss Züllig etwas zu erzählen. So zum Beispiel bei einem 800-Liter-Holzfass, dem auffälligsten Requisit im Keller. «Das Törchen oben am Fass diente dazu, dass die Kinder hineinklettern konnten, um das Fass zu putzen», sagte Züllig.
Über die Jahrzehnte ist in seiner Sammlung so einiges zusammengekommen. Ein Teil stammt vom elterlichen Betrieb, wie etwa ein Handbohrer. Dieser wurde verwendet, um Bäume zu sprengen. Züllig schilderte: «Mein Vater praktizierte das noch so. Er bohrte ein Loch in den Baum, füllte es mit Sprengstoff – und dann musste man so schnell wie möglich das Weite suchen.» Andere Gegenstände wurden ihm gebracht, um sie vor der Entsorgung zu retten. Denn Züllig hat mit seiner Sammlung über die Jahre Bekanntheit erlangt.
Schattenseiten der Baumpflanzungen
Die Besucher(innen) erfuhren auch, dass der Oberthurgau nicht immer eine Obstbauregion war. Bis 1850 bauten die Bauern Getreide an. Mit dem Import von günstigerem Getreide aus Ungarn kam die Schweizer Produktion unter Druck. Man suchte nach Alternativen.
«Zwischen 1900 und 1930 pflanzten die Bauern wie die Wahnsinnigen Obstbäume.»
Ernst Züllig zu den Baumpflanzungsaktionen im Thurgau
Das Tafelobst konnten die Thurgauer zu guten Preisen nach Deutschland exportieren, bis der Erste Weltkrieg ausbrach. Die Äpfel und Birnen, auf denen man nun im Übermass sitzenblieb, wurden gemostet. Das führte zu Alkoholexzessen auf vielen Höfen. Most und Schnaps waren im Überfluss vorhanden und günstig dazu. Auch hierzu hatte Züllig eine Geschichte zu erzählen: «Die Mosterei Hungerbühler in Romanshorn füllte zwei Löschwasserreservoirs mit Most. Mit diesem hätte man bei einem Brand das Feuer löschen dürfen.» Der dort gelagerte Most sei aus hygienischen Gründen schlussendlich zu Schnaps gebrannt worden.
Mit der Annahme des Alkoholgesetzes durch das Schweizer Stimmvolk im Jahr 1930 wurden Baumfällaktionen gestartet. «Der Bund zahlte Geld, wenn die Bauern die Bäume fällten», sagte Züllig. Diesem «Baummord» fielen im Winter 1950/51 400'000 Bäume zum Opfer. Im Thurgau wurden laut Züllig zwischen 1950 und 1981 1,1 Millionen Bäume gefällt. Viele kleine Mostereien gingen aufgrund des Strukturwandels zu. Heute gibt es im Oberthurgau noch zwei grosse Mostereien, die Mosterei Möhl in Arbon und die Mosterei Ramseier in Oberaach, sowie einige kleine Kundenmostereien.
Qualität zu schätzen wissen
«Es ist unglaublich, wie viel Arbeit die früheren Generationen hatte, bis der Most im Keller war», schloss Ernst Züllig seine Ausführungen. Heute bringe er seine rund 2,5 Tonnen Mostäpfel mit dem Traktor nach Güttingen und sei nach zwei Stunden mit etwa 1600 Liter Apfelsaft wieder daheim. Im Mostkeller wird der Saft in Fässer abgefüllt, wo er gelagert wird und reifen kann.
Die Qualität seines Süssmostes lässt sich sehen bzw. schmecken. Davon zeugen die zahlreichen Qualitätsauszeichnungen, die eingerahmt an den Wänden hängen. Zülligs Birnenbrand gehört zu den besten der Ostschweiz. Er wurde an der Edelbrandprämierung bereits mehrfach ausgezeichnet. Eines ist Züllig besonders wichtig: «Unsere Produkte soll man nicht einfach trinken, sondern geniessen.» Nicht nur die Gegenstände in Zülligs Mostkeller, sondern auch seine Haltung lassen die bewegte Geschichte der Thurgauer Obstproduzenten nicht in Vergessenheit geraten.
Die Besichtigung kostet Fr. 60.–für Gruppen bis 10 Personen, bei grösseren Gruppen zusätzlich Fr. 6.– pro Person. Reservation an: Ernst Züllig, Tel. 071 463 20 54, E-Mail: ernstzuellig@bluewin.ch

