Kaputtes war halt noch nicht völlig hin, war noch wiederverwendbar – damals, in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und bis in die 60er-Jahre. So erinnern sich Zeitzeugen aus dem Luzerner Hinterland. Scherben brachten zwar auch damals nicht immer Glück. Aber es wurde Sorge getragen zu den Dingen und Beschädigtes wurde nicht gleich weggeworfen. Jede zerdepperte Schüssel und jedes zu Bruch gegangene Tongeschirr wurde aufgehoben. Im Hinblick auf ein zweites Leben.
«Beckihefti» im Anmarsch
Denn zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst, war – von Huttwil BE ennet der Kantonsgrenze herkommend – der «Beckihefti-Fritzeli» im Anmarsch. «Heit der nüt zhefte?», fragte der Scherben-Doktor unter der Haustüre und liess sich dann nicht ohne Weiteres abwimmeln. Eine hölzerne Werkzeugkiste, die einem Nachttischchen glich, trug er an zwei Lederriemen auf dem Rücken. Manchmal auch einen alten Militärrucksack. Mit den von den Bauersleuten hervorgeholten Bruchstücken setzte er sich auf die Bank vor dem Haus, auf die Treppe, oder – auf Einladung – drinnen an den Stubentisch.
Der Ethnologe und Volkskundler Paul Hutter hat in seiner 1972er-Publikation «Handbuch der schweizerischen Volkskultur» über die verschwindenden Handwerke im landwirtschaftlichen Umfeld genau beschrieben, wie das Beckiflicken vonstattenging. Zuerst wurden die Bruchstellen leicht angeritzt, damit der Kitt besser hielt. Dann wurden rund anderthalb Zentimeter beiderseits der Bruchstelle Haftlöcher angebracht, wobei der Becki-Doktor darauf achtete, dass er diese nicht zu nah am Riss platzierte, weil sonst beim Bohren leicht ein Stück hätte abspringen können. Die vorgesehene Bohrstelle wurde mit der Ahle erst leicht gekörnert, «vorgstumpt», damit der Bohrer danach besser aufsass. Dann kam der altertümliche Drillbohrer mit Schwungrad zum Einsatz, der surrend ein feines Loch nagte. Haften mussten jetzt her: Dazu wurden Drahtstücke abgelängt und abgewinkelt.

Dann gings ans sorgsame Einpassen der Haften. Dazu war gutes Augenmass vonnöten, denn die Kunst bestand darin, dass die Haften eine gewisse Zugspannung ausüben mussten. Anschliessend wurden die Bohrlöcher, soweit sie nicht von den Haften gefüllt waren, und die Spalten – besonders dort, wo die Kanten beschädigt waren – sorgfältig mit Kitt verspachtelt.
Beliebte Schmalzhafen mit blauem Dekor

Ein so geheftetes Geschirr konnte dann gut und gern wieder ein Jahr oder zwei halten. Die Arbeit des Beckibüetzers war aber alleweil die paar Rappen wert, welche Fritz Vetter pro Hafte haben wollte. Der Geschirrflicker aus Huttwil gab sich nur mit irdenem Geschirr ab: Tassen, Schüsseln, Milch- und Kaffeekrügen aus Steingut. Porzellan wäre zu hart, als dass man es hätte anbohren und heften können. Damit ein Riss, Sprung oder Bruch geheftet werden konnte, durfte er auch nur in eine Richtung verlaufen.
Die schweren grauen Schmalzhafen mit dem blauen Dekor, jene für das Schweineschmalz, die noch bis vor 50 Jahren fester Bestandteil jeder Bauernküche waren: Sie waren eine oft und erfolgreich geheftete Töpferware.
Im Landwirtschaftsmuseum Ronmühle Schötz, wo um die 7000 einstige Alltagsgegenstände aus alten Bauernhäusern gehütet und ausgestellt werden, wird im Bereich «Kleinhandwerk» im 1. Stock anschaulich die alte Handwerkskunst des Geschirrflickens gezeigt.
Weitere kamen auf Stör
Traditionell dominierten auf dem Land noch bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts der Kundendienst, die Störarbeit, welche Handwerker in Haus und Hof der Kunden zum «kleinen Taglohn» ausführten. Es kamen auch der Schuhmacher, der Schneider oder die Näherin. Im Weiteren waren Handwerker wie Schreiner oder Ofensetzer auf der Stör. Geschätzt wurde von ihnen allen eine währschafte Mahlzeit am Mittagstisch, ein Most und ein Kafi-Luz danach. Auch Hausierer, Burdeli-Macher, Kratten- und Zainen-Korber, der Klauenputzer oder ein Feldmauser waren temporär zu Gast.
Das Aufkommen von Plastikgefässen – und auch die Erfindung des Superbond-Sekundenklebers – muss für die letzten Beckibüetzer der Albtraum gewesen sein. Diese bedeuteten das Ende des speziellen, altväterischen Wiederherstellungshandwerks.
Bei einem Schnäpsli
Immer wieder wusste der Beckihefti-Fritzeli, scheints, bei einem Schnäpsli zu berichten, dass schon manch eine stattliche Bauerntochter beim Beschauen seiner Reparatur wehmütig geseufzt habe: Ach, wenn sich doch nur ihr von Liebesleid gebrochene Herz auch so leicht kitten und wieder ganz machen liesse – vom Beckibüetzer.
Es ist noch zu erwähnen, dass der in diesem Bildbericht vom Fotografen Walter Wachter im Bild festgehaltene Beckibüetzer – im Fotoarchiv der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde aufbewahrt – nicht der originale Fritz Vetter ist, sondern ein Nachfolger von ihm, Edi Marti nämlich. Der hatte die Kunstfertigkeit des Geschirr-Heilens zwar ebenfalls noch gründlich erlernt, ging diesem Gewerbe aber nicht mehr im Haupterwerb nach. Um welches Bauernhaus es sich auf den Fotos handelt, ist nicht überliefert: Es ist dazu nur «im Napfgebiet» notiert.
Alte Traditionen im Napfgebiet
Viele urtümliche Tätigkeiten können Volkskundler im Napfgebiet noch entdecken: Köhlereien, Holz-Flösserei und Holzstämme-Schleppen mit dem Arbeitspferd zum Beispiel. Die Landwirtschaft in dem 800 bis 1400 m ü. M. gelegenen Hügel- und Berggebiet ist so vielfältig wie seine Topografie. In den alten Zeiten führte offenbar nur ein Saumpfad dahin, der von Fussgängern und Vieh benutzt wurde. So schilderte der Glasfabrikant Leo Siegwart in Doppleschwand vor 80 Jahren seine sagenumwobene Gegend. «Hie und da, besonders beim Transport des Käses, bediente man sich des Handkarrens; die Butter wurde von Händlern aufgekauft und auf Räfen nach Luzern und Bern getragen. Einige Frauen sammelten die Eier und trugen sie auf dem Kopf in Körben, ungeachtet des oft holperigen Weges, nach den Städten, wo sie Spezereien aus dem Erlös einkauften. Von den landwirtschaftlichen Produkten bildete einst einzig das Holz aus den ausgedehnten Wäldern eine wesentliche Einnahmequelle.» Und wie waren sie, die einstigen Napf-Anwohner? Gemäss Siegwart: «Zäh hingen sie am Altgewohnten und hatten keine grossen Ansprüche an das Leben. Verschlossen, knurrig und verwittert wie das Napf-Gebirge, auf dem sie ihre kargen Lebensbedürfnisse verdienten, gingen sie durchs Leben.»

