Nur noch knapp drei Wochen. Für Hans Jörg Rüegsegger fühlt es sich nicht so an, als sei das Ende als Präsident des Berner Bauernverbandes (BEBV) so nah. Für ihn ist klar: Seine Arbeit für die Berner Bauernfamilien will er bis zum letzten Tag so erfüllen, wie er es bislang tat: Mit viel Einsatz und Herzblut. Das ist ihm wichtig.

Mehrfach während des Gesprächs wird Hans Jörg Rüegsegger nachdenklich. Die Fragen würden ihm richtig bewusst machen, dass der Abschied naht. Das fühle sich aber gut an. «Der Zeitpunkt ist selbst gewählt und ich bin dankbar, konnte ich das Amt ausführen», erklärt Hans Jörg Rüegsegger. [IMG 2]

Er hat den Austausch aktiv gesucht

Der Riggisberger ist ein Bauernpräsident zum Anfassen. An zahlreichen grösseren und ebenso zahlreichen kleinen Versammlungen und Veranstaltungen ist er präsent und richtet ein Wort an die Bauernfamilien. Wie das sein Nachfolger handhaben werde, sei diesem überlassen. Im Dossier mit Anforderungen für das BEBV-Präsidium sind lediglich die wesentlichen Bestandteile wie Sitzungen und Gespräche mit Sozialpartnern, dem Management des Verbandes, Kantonsvertretern und Wirtschaftsverbänden festgehalten. «Meine Nachfolge muss nicht alles gleich machen, wie ich. Etwa die vielen kleinen Veranstaltungen besuchen», betont der 52-Jährige. Er selbst habe jedoch die Verantwortung gespürt, als Botschafter von der Basis gewählt worden zu sein und gewusst: «Ich habe da hinzugehen und den direkten Austausch aktiv zu suchen.»

So geht es nun weiter
Die Mitgliederversammlung des Berner Bauernverbands findet am 28. März 2023 statt. Wenn sich da keine weitere Person zur Wahl als Präsident oder Präsidentin stellt, wird das Rennen also zwischen den Kandidaten Ueli Fahrni aus Rumisberg und Jürg Iseli aus Zwieselberg ausgetragen.

Der Rat an den Nachfolger
Nach einem Rat für seinen Nachfolger gefragt, erklärt Hans Jörg Rüegsegger: «Fühl dich geehrt, nimm die Aufgabe an, versuch die Verantwortung für 10 000 Bauernfamilien erfolgreich wahrzunehmen und geniess es. Es ist grandios!»

Der Weg in der Politik soll weitergehen
Hans Jörg Rüegsegger selbst freut sich auf mehr freie Zeit. Die 2018 gegründete Generationengemeinschaft mit Sohn André führt er weiterhin. Im Herbst wagt er noch einmal einen Versuch, den Sprung in den Nationalrat zu schaffen. Und was daneben passiert, lässt er offen. «Das ist für mich noch weit weg.» Irgendetwas passendes werde sich sicher ergeben, ist der scheidende Präsident optimistisch. 

Der Aussenseiter gewann überraschend im ersten Wahlgang

Hans Jörg Rüegsegger trat vor elf Jahren als Aussenseiter zur Wahl des Berner Bauernpräsidenten an. «Ich hatte das Gefühl, es tut gut, wenn einer von ausserhalb des Zirkels kommt und eine andere Sicht reinbringt.» Die Wahl im ersten Wahlgang zu gewinnen, sei jedoch eine riesige Überraschung gewesen. «Innerlich empfand ich extreme Freude, solch eine verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen zu dürfen.» Auch wenn er sich vieles erarbeiten musste, seien seine Erwartungen an das Amt «voll und ganz erfüllt worden.»

Die Begegnungen waren prägend

Hans Jörg Rüegsegger gerät ins Schwärmen und spart nicht mit Superlativen, wenn er von seinen Bauernfamilien, vom BEBV-Mitarbeiterstab und vom Vorstand spricht. «Es gab zig Momente, die mich geprägt haben, sowie Begegnungen mit Menschen, die meine höchste Achtung und meinen Respekt verdienen.»

Der grosse Stolz auf das Erreichte

Stolz zeigt sich Hans Jörg Rüegsegger auf das Erreichte des BEBV während seiner Amtszeit. «Wir haben die Berner Landwirtschaft sicht- und greifbar gemacht.» Die Verbandspolitik in den Vordergrund zu stellen ist ihm ein grosses Anliegen. Dass er damit als Grossrat nicht immer Freude bei seinen Partei­kolleg(innen) auslöste, nahm er in Kauf. Denn die Bauern­familien stehen bei Hans Jörg Rüegsegger klar an erster Stelle. Das macht er im Gespräch immer wieder deutlich. Und stolz ist er auch auf seine Familie, Ehefrau Susanne und die fünf erwachsenen Kinder. Sie alle seien auch mit dem zweitweise herrschenden Medienrummel und mit der Bekanntheit seiner Person gut und professionell umgegangen.

Der BEBV ist zur Marke geworden

Viel von Hans Jörg Rüegseggers Zeit als Präsident hat der Wechsel von der ehemaligen Lobag zum Berner Bauernverband beansprucht. Heute würden die Mitglieder die dadurch entstandene vereinfachte Rechnungsstellung schätzen. Der neue Name Berner Bauernverband zusammen mit dem Logo sei zu einer Marke geworden, freut sich Rüegsegger. Seine Arbeit sei geprägt von der BEBV Vision einer wirtschaftlich und sozial gesunden Berner Landwirtschaft, macht er weiter deutlich. Dazu notwendig sei eine Systemveränderung, bei der ein Einzelbetrieb und dessen Betriebsleitung in den Vordergrund gesetzt werde.

Die wichtige Zusammenarbeit

So entstand etwa zusammen mit der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) der Pilot-Arbeitskreis Redes, mit dem Ziel die Ressourceneffizienz zu verbessern. Dabei wurde das Programm RISE zur Beurteilung der Nachhaltigkeit eingesetzt. Dieses zeige die Veränderungen auf einem Betrieb besser auf als die jährliche ÖLN-Kontrolle, ist der Noch-Präsident überzeugt.

Teil der Lösung sein

Stolz ist er auch über das Berner Pflanzenschutzprojekt, von dem der Bund erst einige Punkte übernommen hat. Dies Getreu dem von Hans Jörg Rüegsegger vielfach an Veranstaltungen genannten Motto: «Die Landwirtschaft ist Teil der Lösung, nicht das Problem!» Dass die Herausforderungen für die Bauernfamilien nicht kleiner werden, ist er sich bewusst. Auf die Frage, ob die hiesige Landwirtschaft überhaupt eine Zukunft hat, muss er keine Sekunde überlegen: «Definitiv. Sie hat Perspektiven, auch für die Jungen», ist er überzeugt. Lebensmittel und das Fachwissen diese zu produzieren, werde immer nötig sein. Und: «Dieses Fachwissen haben wir.»

«Die Landwirtschaft hat Perspektiven, auch für die Jungen.»

Der Noch-Präsident ist sich sicher, dass die hiesige Landwirtschaft Zukunft hat.

Tiefpunkte gab es auch

Hans Jörg Rüegsegger erlebte aber auch schwierigere Momente in seiner Amtszeit, welche etwa einem 30-Prozent-Pensum entspreche. Nicht alles sei gelungen. Was genau alles, das würden die Kritiker dann schon bald benennen, davon ist er überzeugt. Schwierig seien etwa Tierschutzfälle gewesen, welche ein gefundenes Fressen für die Medien darstellten. Oder als der frühere Geschäftsführer Andreas Wyss in die Schlagzeilen wegen eines Fernsehbeitrages geriet.

Bei der Bio-Schule wurde das Möglichste getan

Wie er diese Zeiten erlebt hat, will die BauernZeitung von Hans Jörg Rüegsegger wissen. Er überlegt lange und meint dann: «Ich war als Verbandsführung immer wieder gefordert, haben Lagebeurteilungen gemacht, Entscheide gefällt. Ich habe das Gefühl, oft richtig gehandelt zu haben. Aber klar, möchte niemand solche Momente erleben.» Zum Thema Bioschule Schwand betont der Noch-Präsident: «Wir haben unser Möglichstes getan.» Verblieben wäre einzig das Mitbieten. 

«Aber es ist nicht unsere Aufgabe, das Problem auf diese Weise zu lösen.»

Hans Jörg Rüegsegger zur Thema Bioschule Schwand und ein mögliches Mitbieten.

Die Frauen sind wertvoll

Wenn von der Landwirtschaft gesprochen wird, werden unweigerlich auch die Frauen und Bäuerinnen zum Thema. Sie sind zweifelslos wichtig in der Landwirtschaft und für die Gesellschaft. Dass der Grosse Vorstand vom BEBV zu 25 Prozent aus Frauen/Bäuerinnen besteht und zudem eine Geschäftsführerin hat, freut Hans Jörg Rüegsegger sehr. «Das ist extrem wertvoll», betont er. Warum sich aber keine Frau als Nachfolgerin fürs Präsidium zur Verfügung stellt, kann er nicht beantworten. Es gäbe viele und fähige Frauen in unseren sechs Regionen, ist er überzeugt.

Kurz gesagt von Hans Jörg Rüegsegger
Nach dem Ende meiner Amtszeit will ich als erstes...
… Ui, keine Ahnung. Ich mache das, was dann gerade ansteht und Freude macht.

Die neugewonnene freie Zeit verbringe ich wohl mit…
… Wandern und vielleicht werde ich auch einmal nur um die Hausecke schauen und nicht viel tun. Oder einen Skitag an einem Wochentag verbringen. Ich freue mich, mehr Zeit zu haben, als es jetzt der Fall ist.

Vermissen werde ich…
… die intensiven Kontakte mit den Bauernfamilien.

Bestimmt nicht vermissen werde ich…
die teilweise weiten Anfahrts- und Reisezeiten sowie das sonntägliche Vorbereiten von Sitzungen etc.