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Die niederländische Landwirtschaft läuft in jeder Beziehung am Limit

Die intensive Milchproduktion in den Niederlanden steht derzeit von mehreren Seiten unter Druck. Wir haben Bauern besucht und nach ihren Rezepten gefragt.

Die Niederlande haben das Unmögliche möglich gemacht: Der Staat ist praktisch gleich gross wie die Schweiz, hat doppelt so viele Einwohner und wertmässig ist man der zweitgrösste Agrarexporteur der Welt. Gleichzeitig muss die Schweiz rund die Hälfte ihrer Nahrungsmittel und einen Grossteil der Produktionsfaktoren einführen. Zum Beispiel Gemüsesetzlinge aus Holland.

Hoher Stickstoffüberschuss

Natürlich kann man einwerfen, dass Holland kaum Hügel und keine Berge hat und deshalb mehr Platz zum Produzieren. Doch der Staat ist dicht besiedelt und wird bewohnt von einer wachsenden, kritischen Stadtbevölkerung mit den Ballungsräumen Rotterdam und Amsterdam im Zentrum.

Die äusserst erfolgreiche und sehr intensive Produktion der letzten Jahrzehnte hat nicht nur den Landwirten und der ganzen Region Wohlstand gebracht, sondern auch zur Ernährung von Millionen von Menschen weltweit beigetragen.

Gleichzeitig hat sie aber auch ein Problem mit der Umweltverschmutzung und ein politisches Erdbeben verursacht. Holland hat auf dem Papier bezogen auf die Fläche den grössten Stickstoffüberschuss der EU. Deshalb sind die von Brüssel verordneten Reduktionsziele nirgendwo höher. Dagegen gingen die Bauern in den letzten drei Jahren zum wiederholten Mal auf die Strasse, blockierten Infrastrukturen und gaben ihren Existenzängsten Ausdruck.

Entmachtete Politik

Dieser Widerstand stiess bei einem grossen Teil der Bevölkerung trotz Verkehrsbehinderungen auf offene Ohren. Bei den kürzlichen Provinzwahlen hat die 2019 gegründete Bauer-Bürger-Bewegung (BBB) in sämtlichen zwölf Provinzen die meisten Stimmen geholt. Damit dürften die geplanten Massnahmen gegen die «Stickstoff-Krise» wieder in Frage gestellt und die Zukunft der aktuellen Regierung gefährdet sein.

Allerdings ist die Handlungsfreiheit der Politik beschränkt. Nachdem die Regierung zunächst versucht hatte, den Bären zu waschen, ohne das Fell nass zu machen, zog 2019 das oberste Gericht die Handbremse. Es befand, dass die auf dem Papier getätigten Reduktionsmassnahmen auf den Milchbetrieben ungenügend seien.

Damit standen rund 3000 Betriebe plötzlich in der Illegalität. Es handelt sich dabei vorwiegend um Milchproduzenten, die ihre Produktion nach der Aufhebung der EU-Milchquoten 2015 teilweise massiv ausbauten. Sie taten dies in erster Linie mit dem Kauf von Phosphatrechten. Diese kosten pro Kuh umgerechnet zwischen 6000 und 9000 Franken.

Damit ist aber die Stickstoff-Seite gemäss Gerichtsentscheid noch nicht abgedeckt. Hier sind die Produktionsmöglichkeiten stark abhängig von der geografischen Lage beziehungsweise von der Distanz zum nächstgelegenen Naturschutzgebiet unter dem EU-Label Natura 2000. Alleine in den Niederlanden gibt es 162 dieser Gebiete.

In Zahlen

52'000 Landwirtschaftsbetriebe gibt es in den Niederlanden (inkl. Gemüsegärtnereien). 2,2 Mio ha oder 22 000 km2 beträgt die Landwirtschaftliche Nutzfläche (LN), das ist gut die Hälfte der Fläche Hollands (41 850 km2). 1,57 Mio Stück beträgt der Milchkuh-Bestand, dominante Rasse ist Holstein Friesian. 14 Mio t betrug die holländische Milchproduktion 2022 zirka. Die Produktion ist damit gut viermal so hoch wie in der Schweiz. Zwei Drittel der Milch werden frisch oder verarbeitet exportiert. 14'700 Milchproduzenten gibt es total, in Friesland sind es 2372, sie halten im Schnitt 125 Kühe. Die betroffenen Betriebe können vorläufig weiterproduzieren. Bezüglich ihrer Weiterentwicklung sind sie aber komplett blockiert. Ein Stallbau, geschweige denn eine Vergrösserung der Bestände ist unmöglich. Dasselbe gilt aber auch für andere Sektoren. So ist der Strassen- und Hochbau in vielen Gebieten zum Erliegen gekommen, weil sie ebenfalls Stickstoff verursachen.

Eine der Möglichkeiten, der Blockade auszuweichen, ist der Aufkauf von anderen Betrieben mit Stickstoff-Emissionsrechten. So ist etwa der landesgrösste Flughafen Schiphol bei Amsterdam stark am Kauf von Landwirtschaftsbetrieben interessiert, um diese stillzulegen und eigene Emissionen zu erhöhen.

Holland ist praktisch gleich gross wie die Schweiz. Die markierte Provinz Friesland ist eine Milch-Hochburg.
Holland ist praktisch gleich gross wie die Schweiz. Die markierte Provinz Friesland ist eine Milch-Hochburg.



Kürzlich hat eine internationale Agrarjournalisten-Gruppe auf Einladung der Kollegen des holländischen Agrarjournalisten-Verbands und des europäischen Agrarjournalisten-Verbands ENAJ einen Augenschein auf Milchbetrieben in Friesland genommen. Diese gehören zu den Glücklichen, die derzeit keine unmittelbaren Einschränkungen zu gewärtigen haben.


Der poetische Pragmatiker

Die niederländische Landwirtschaft läuft in jeder Beziehung am Limit
Herman Miedema hält in Wyns auf 100 ha 200 Kühe. Er bewirtschaftet den Betrieb mit Sohn Jehannes.

Der 58-jährige Friese Herman Miedema empfängt uns mit einem Gedicht, in dem er die Schönheit seines flachen Lands beschreibt. Miedema ist ein poetischer Pragmatiker: «Wir leben hier in einem sehr fruchtbaren Delta», sagt er, dieses sei ideal geeignet für intensive Produktion. Die Milch wird ihm derzeit mit 50 Eurocent/kg abgegolten, 15 weniger als vor Jahresfrist. «2022 haben wir gutes Geld verdient», sagt der Landwirt. Gleichzeitig tue er alles, um die Nitratbelastung tief zu halten. So hat er für seine 200 Kühe vor der Fressachse einen mit Kunststoff gepolsterten Spaltenboden installiert, der dank schnellem Urinabfluss die Emissionen reduzieren hilft. Gleichzeitig arbeitet er gemeinsam mit der Futtermühle an der Reduktion des Rohproteingehalts in der Ration, hier ist er derzeit bei 160 g/kg TS. Für Miedema ist klar, dass es statt einer Reduktion der Kuhzahl mehr als genug technische Lösungen gibt, um das Stickstoff-Problem zu beheben. Zur Illustration zeigt er auf den benachbarten Kanal, der habe gestunken wie eine Kloake, als er ein Kind war, heute sei er ideal zum Schwimmen.


Der käsende Milchproduzent

Die niederländische Landwirtschaft läuft in jeder Beziehung am Limit
Sietse de Jong und seine Frau Hendrika halten 250 Holstein-Kühe und produzieren aus einem Teil der Milch Hofkäse.

Sietse de Jong startet mit einem kleinen Witz. Er hat auf seinem Betrieb praktisch alles automatisiert, von der Melkerei bis zur Fütterung der 250 Kühe. Seine Frau habe ihm gesagt, jetzt könne er vermehrt im Haushalt arbeiten. Um dem auszuweichen, hat er in eine Käserei investiert, wo er 75 % der Milch verarbeitet. Im integrierten Hofladen stehen 20 Käsesorten zur Auswahl. Das Angebot stösst auf Gegenliebe, der Shop brummt, während wir auf Besichtigung sind. Der Einkauf lässt sich auch mit einer Stallbesichtigung und einer Konsumation verbinden, deshalb ist der «Käsebauernhof» ein beliebtes Ausflugsziel für Familien.

Im Moment beschäftigen ihn behördliche Pläne, die drainierten Torfböden wieder zu verwässern. «Damit gingen wir 50 Jahre zurück», sagt Sietse de Jong, er hält das für wenig effizient. Auch der käsende Milchproduzent bevorzugt technische Lösungen. So verfüttert er seinen Kühen das Präparat Bovaer, welche die Methan-Emissionen um 40 % zu vermindern vermag.


Die Biogas-Unternehmer

Die niederländische Landwirtschaft läuft in jeder Beziehung am Limit
André Kleistra (Bild) und Jelle Heida halten in Hoornsterzwaag 430 Kühe. Sie haben rechtzeitig in Biogas investiert.

André Kleistra nimmt kein Blatt vor den Mund: «Die Politik kann mir gestohlen bleiben», meint er lächelnd, «wenn ich die Nachrichten verfolge, kann ich jeden Tag weinen.» Man müsse die Produktion einfach effizient nennen und nicht intensiv, ergänzt Kleistra, der mit seinem Kompagnon Jelle Heida rund 430 Kühe hält. Die beiden 47-Jährigen lassen keinen Zweifel daran, dass sie sich primär als Unternehmer sehen. Neben der Milch, die sie an den Markt-leader Friesland Campina verkaufen, setzen sie voll auf Biogas. Damit und mit den Zertifikaten, die sie separat verkaufen können, machten sie im vergangenen Jahr das grosse Geschäft. Das Modell scheint langfristig gesichert, denn die Knappheit wird kaum so schnell abnehmen. Die Ausscheidungen der Kühe betrachtet Kleistra deshalb primär als Rohstoff, seinen Beitrag sieht er darin, die Nährstoffe möglichst vollumfänglich aufzusplitten und so das Maximum aus ihnen herauszuholen. Gleichzeitig nimmt der Betrieb am modularen Nachhaltigkeits-Programm des Milchabnehmers teil und verdient so bis zu 3,5 Cent/kg zusätzlich.

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