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Schweiz-International,Direktverkauf
Publiziert: 19.12.2014 / 06:02
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum

Die Familie Bürgisser aus Daiwil LU produziert seit vielen Jahren Weihnachtsbäume – mit viel Engagement und vielen Helfern.

Die Kettensäge – eine orange Stihl-Säge mit einem 30 cm langen Schwert – frisst sich in den Stamm einer stattlichen Nordmanntanne. Mit einem leichten Stoss bringt Markus Bürgisser das drei Meter hohe Exemplar der Gattung Abies nordmannia  zu Fall. «Das ist ein schöner Baum», sagt er und geht ein paar Schritte weiter. Wieder frisst sich die Kettensäge in einen Stamm einer Nordmanntanne. Und wieder fällt ein Baum auf den weichen Boden.

Am Ende des Wochenendes werden es viele Bäume sein, die so den Weg von der Plantage auf den Hof der Familie Bürgisser in Daiwil LU finden. Die Familie ist einer von etwa 640 Christbaumproduzenten in der Schweiz. Ingesamt werden auf rund 600 Hektaren Weihnachtsbäume angebaut, im Schnitt pro Produzent knapp eine Hektare. Auch Bürgissers bewirtschaften mit ihren drei Plantagen knapp eine Hektare Land.

Viel Handarbeit und 
viele Helfer nötig

Neben Markus stehen Adrian, Michael, Martin und Pius. Die vier sind damit beschäftigt, die gefällten Bäumchen aus der Plantage zu tragen und auf den Anhänger zu laden. Die stattliche Nordmanntanne ist auch dabei. Zu dritt müssen sie den Baum über den Zaun auf den Anhänger wuchten. «Das gibt einen grossen Weihnachtsbaum», meint Michael keuchend, und freut sich, gleich den nächsten Tannenbaum zu holen.  

Auf dem Hofplatz in Daiwil herrscht derweil Hochbetrieb. Zu viert werden die Bäume abgeladen, sortiert und Stück für Stück begutachtet und in Form gebracht. Mit Gertel, Säge und Baumschere werden schräg oder kümmerlich gewachsene Äste entfernt, die Tannen auf Länge gebracht und schliesslich noch passend für den Christbaumständer angespitzt. Aus der stattlichen Nordmanntanne wird ein zweienhalb Meter hoher Baum.

Doch bis es so weit ist, werden die Bäume auf der Wiese hingelegt, nach Grösse und Art sortiert. Die kleineren, leichteren Bäume weiter hinten, die grossen schweren Bäume vorne. «Damit man die schweren Bäume weniger weit tragen muss», meint Christian. Er ist einer der vier vom Hofplatz und damit beschäftigt, die verkaufsfertigen Bäume zu sortieren.

Noch während auf dem Hofplatz die Bäume «aufgeputzt» und sortiert werden, kommen hin und wieder Kunden – Pärchen, Schwiegereltern, Väter, Mütter, Grosseltern, die für sich oder im Auftrag einen Baum kaufen möchten.

Kunden mit unterschiedlichen Vorstellungen

«Wir suchen eine Nordmanntanne, 2,5 Meter hoch und kräftig gewachsen», so die Vorstellung eines Pärchens im frühen Pensionsalter. «Und sie muss schön sein, die Tanne», fügen die beiden an. Was denn schön heisse, will der Verkäufer wissen. «Regelmässig rund und kegelförmig», so die klare Antwort. Und so wird dann Baum für Baum von allen Seiten inspiziert und begutachtet. «Hier fehlt ein Ast», sagt sie. «Der ist zu gross», sagt er.

Warum es denn ein so schöner Baum sein müsse,  will der Verkäufer wissen. «Wir kaufen im Auftrag unserer Tochter – einer Floristin – ein. Und sie ist sehr wählerisch», antwortet die Frau mit einem Lächeln. Bis jetzt habe man aber immer eine passende Tanne gefunden. So auch dieses Mal. «Die ist perfekt, die nehmen wir», sagt er. Sie nickt und keine zwei Minuten später ist der Baum im Netz eingepackt und verkauft.

Dann eilt ein Herr herbei – er suche einen kleinen Weihnachtsbaum, sagt er. Nachdem er drei verschiedene Bäumchen begutachtet hat, kauft er eine kleine Nordmanntanne, bedankt sich und eilt wieder davon. Mehr Geduld brauchen die Kunden, die sich viel Zeit lassen, mit der Entscheidung.

«Jedes Jahr kommen wir hierher», sagt sie. Man erfährt, dass der Christbaum ein sehr zentraler Bestandteil der Weihnachtsfeier sei. Entsprechend wichtig sei deshalb auch die richtige Wahl. Und so wird während mehr als einer Stunde nach dem passenden Baum gesucht. Hin und her überlegt und schliesslich die stattliche Nordmanntanne gekauft, die Markus gerade eben gefällt hat.

Den Mann freuts. Er hat kalte Füsse und ist froh, dass sich seine Frau entscheiden konnte. Dreinreden würde er ihr aber trotzdem nicht. «Das ist ihr Bereich», meint er und verabschiedet sich.

Der Verkauf 
braucht Ausdauer

Obwohl die Arbeit auf der Plantage, das Herumtragen der Bäume, das «Aufputzen», Zuspitzen und Sortieren körperlich anspruchsvoll ist, ist der Verkauf die eigentliche Herausforderung. Es gelingt auch nicht immer, die Kundenwünsche zu erfüllen. «Es kommt vor, dass jemand nicht den Baum findet, den er sucht», meint Markus. Doch das sei glücklicherweise selten.

Trotzdem ist schon nach dem ersten Tag klar, dass der Verkauf Ausdauer erfordert. «Wir sind froh, wenn wir am 24. Dezember unsere Bäume verkauft haben», meint Monica. Trotzdem sei der Verkauf auch etwas Schönes, fügt sie an.

Bevor Bürgissers die Weihnachtstage geniessen können, muss aufgeräumt werden. Noch am 24. Dezember werde die ganze Verkaufseinrichtung mit der mit 250 Lampen bestückten Licherkette abgebaut und weggeräumt, meint Monica. Das sei wichtig, damit man sich nach Weihnachten wieder den übrigen Arbeiten zuwenden könne.

Damit im Winter Bäume verkauft werden können, beginnen schon im Frühling die Arbeiten.  Die Bäumchen werden gesetzt, gepflegt und dann, im Herbst, angezeichnet. Damit das Gras die kleinen Setzlinge nicht überwuchert, beweiden Bürgissers die Plantagen mit Schafen.

Jährlich werden in der Schweiz 1,2 Mio Bäume verkauft

Zwar gilt die  Fläche als landwirtschaftliche Nutzfläche und unterliegt damit den landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsregeln, Direktzahlungen in Form von Einzelkulturbeiträgen können aber seit der neuen Agrarpolitik keine mehr gelöst werden. Auch die Versorgungssicherheitsbeiträge fallen weg. Für Bürgissers geht es aber nicht ums Geld, es ist die Freude am Holz, am Verkauf und an den Kunden. Das treibt Bürgissers jedes Jahr an, wieder die Bäume zu pflegen und dafür zu sorgen, dass im Winter die besten und schönsten Tannenbäume vom Feld in die warme Stube kommen. Jedes Jahr sind das übrigens rund 1,2 Millionen Christbäume, schätzt die IG Suisse Christbaum.

Mehr als die Hälfte kommt 
aus dem Ausland

Der Erlös, der damit erzielt wird, schätzt man auf 40 bis 50 Millionen Franken. Von diesen Tannen kommen mehr als die Hälfte aus Dänemark, Deutschland und den Niederlanden. Somit bleiben noch knapp 600'000 Bäume, die in der Schweiz produziert werden. Von diesen wird etwa die Hälfte direkt ab Hof, Wald oder Markt verkauft.  Die Schweizer Direktverkäufer machen so einen Umsatz von 7,2 bis 10,1 Millionen Franken pro Jahr.Auch bei Bürgissers schaut aber jedes Jahr eine schwarze Null raus. Und das ist nötig, damit es auch langfristig Freude macht.

Hansjürg Jäger

Erlös beträgt 27 Franken pro Baum

Die IG Suisse Christbaum gibt für Christbaumproduzenten eine Deckungsbeitragsrechnung heraus. Ausgehend von einer Hektare wird mit einem Gesamtarbeitsaufwand von 1898 Stunden gerechnet.

Bei einem Stundenlohn von 30 Franken betragen die gesamten Arbeitskosten 56'928 Franken. Hinzu kommen Maschinenkosten von 7475 Franken, Zugkraftkosten von 4000 Franken sowie Kleingeräte im Wert von 2200 Franken. Ausserdem beträgt der Kapitalzins gemäss IG Suisse Christbaum rund 12'879 Franken. Insgesamt betragen die variablen Gemeinkosten 83'482 Franken. Hinzu kommen gemäss IG rund 27'787 Franken Fixkosten. Diese Kosten fallen in der ganzen Bewirtschaftungsperiode von zehn Jahren an. Eine Hektare Weihnachtsbäume kostet damit rund 142'040 Franken.


Erlösseitig geht die IG Suisse Christbaum davon aus, dass die Kultur während zehn Jahren bewirtschaftet wird und im achten Standjahr das erste Mal Ertrag in Form von Weihnachtsbäumen bringt.

Auf einer Hektare können gemäss Interessengemeinschaft rund 8500 Bäumchen auf einer Hektare gepflanzt werden, wobei davon rund 5000 Stück geerntet werden können. Von den geernteten Bäumen würden rund 4600 Stück als erste Qualität und noch 400 Stück als zweite Qualität verkauft. Gemäss IG beträgt der mittlere Erlös bei einem Verkauf an Dritte 27 Franken pro Baum.

Die Direktzahlungen für die Kultur werden mit der neuen Agrarpolitik eingestellt. Doch vorerst würden die Produzenten noch den Übergangsbeitrag beziehen, der gut 40 Prozent der bisherigen Zahlungen ausmache, sagt Philipp Gut von der IG Suisse Christbaum.     

hja

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