«Morgens nach der Stallarbeit gehe ich manchmal wieder bis zum Mittag ins Bett. Ich vernachlässige meine Familie und den Haushalt. So kann es nicht weitergehen! Ich brauche Unterstützung», erzählte die Bäuerin am Telefon, als sie sich das erste Mal bei mir meldete.
Heute, einige Monate später, klingt die Frau, der wir den fiktiven Namen Monika geben, wieder lebendig und zuversichtlich. Was hat ihr geholfen, aus der Krise zu kommen?
Der erste Schritt ist der schwierigste
«Der schwierigste Schritt war, mir selbst einzugestehen, dass ich Hilfe brauche», erzählt Monika. «Ich habe mich so geschämt, weil ich meine Aufgaben nicht mehr erfüllen konnte. Es war mir einfach alles zu viel.»
Monika suchte Unterstützung in der Beratung; zusätzlich verschrieb ihr die Psychiaterin Medikamente gegen die depressive Verstimmung, und langsam kam wieder Licht in ihr Leben.
Zusammen mit ihrem Mann, den wir hier Beni nennen, besuchte sie die erste Beratungssitzung. Der geschützte Rahmen gab ihr den Mut, ihm endlich zu sagen, wie es ihr wirklich ging. Beni war betroffen und auch erleichtert, endlich zu wissen, was los war. Von da an konnten sie offen zusammen reden, das Vertrauen wuchs und beide spürten: «Wir finden gemeinsam einen Weg aus der Krise.»
Lernen, auch mal loszulassen
Beni ermutigte Monika, zusammen mit ihrer Schwester in ein Wellness-Wochenende zu gehen. Es wurden wunderbare und erholsame Tage, weg vom Alltag. Monika erlebte, dass es zu Hause auch ohne sie funktioniert.
In der Beratung wurde ihr klar, wie sehr ihr der Kontakt zu anderen Menschen fehlte. «Mich für eine Stelle zu bewerben, hat viel Mut gekostet», sagt Monika rückblickend. Sie fand bald eine Teilzeitstelle als Sachbearbeiterin. «Die Arbeit gibt mir Abstand vom Alltag und der Austausch im Team tut mir gut. Ich komme motiviert nach Hause und freue mich auf das vielseitige Leben auf dem Hof. Wenn ich weg bin, kümmert sich Beni um die Kinder. Er macht vieles anders, ich lerne loszulassen und es zu akzeptieren.»
Monika fand den Zugang zu sich selbst immer besser. Sie besucht wieder regelmässig eine Sportgruppe und geniesst den Austausch mit den anderen Frauen. Bewegung, Plaudern, Lachen – all das gibt ihr neue Energie.
Neue Strukturen entstehen auf dem Hof
Im turbulenten Alltag auf dem Bauernhof hat das Paar neue Strukturen eingeführt. Ein Familienplaner sorgt jetzt für Übersicht bei den Terminen. Die vielen Nachrichten auf dem Handy hat Monika stummgeschaltet und Termine überträgt sie jeweils nach dem Mittagessen in den Kalender. «So werde ich nicht dauernd abgelenkt», sagt sie.
Einmal pro Woche findet jetzt eine Familiensitzung statt. Bei einem feinen Dessert bespricht die Familie, was ansteht. Alle werden einbezogen, die Kinder übernehmen kleine Aufgaben und Verantwortung. Das stärkt das Familiengefühl und entlastet Monika spürbar.
Freizeit und Paarzeit nehmen
Auf dem persönlichen Wochenplan von Monika stehen Arbeiten und Pflichten, Freizeit und bewusst eingeplante Paarzeit. In den Wintermonaten will die Familie die neuen Strukturen einüben – damit es dann sitzt, wenn es draussen wieder losgeht.
In der Beratung lernte Monika, alte Glaubenssätze loszulassen und Entscheidungen bewusst zu treffen. Schritt für Schritt begann sie, ihr Leben wieder selbst zu gestalten und sich und ihren Erkenntnissen zu vertrauen.
Heute sagt sie: «Ich habe gelernt, auf mich und meine Bedürfnisse zu hören und weiss, dass Beni und ich ein starkes Team sind.» Ein Satz, der zeigt: Veränderung beginnt dort, wo wir den Mut haben, hinzuschauen und Schritt für Schritt Neues zu wagen.
Zur Person
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Doris Brönnimann ist Bäuerin und psychosoziale Beraterin SGfB. Den Landwirtschaftsbetrieb im Kanton Bern übergaben sie und ihr Mann vor einiger Zeit der nächsten Generation. In ihrer Praxis in Köniz BE unterstützt sie Menschen bei persönlichen Schwierigkeiten, Sinnkrisen oder bei zwischenmenschlichen Konflikten. In loser Folge schreibt sie über ihren Beratungsalltag.
Webseite von Doris Brönnimann