Das benutzte Geschirr auf dem Tisch stehen gelassen. Die dreckigen Stallkleider nicht in den dafür vorgesehenen Wäschekorb gepackt. Vergessen, ein Paket zur Post zu bringen. Solch banale Auslöser können manchmal das Fass zum Überlaufen bringen. Es sind aufgestaute Gefühle, die uns explodieren lassen. Der eigentliche Grund liegt aber woanders.

Die Transaktionsanalyse, die der kanadisch-US-amerikanische Psychiater Eric Berne entwickelt hat, erklärt mit dem Modell der «Rabattmarken», warum wir Gefühle sammeln und wie wir lernen können, sie rechtzeitig auszudrücken.

Verschweigen und herunterschlucken

Bei diesem Modell handelt es sich um eine Metapher: Wie im Supermarkt sammeln wir Rabattmarken und kleben sie in ein Heft ein. Ist eine Seite voll, gibt es eine kleine Prämie. Anders als im Supermarkt findet das Sammeln beim «Rabattmarken-Modell» unbewusst statt. Belastende Gefühle werden aufgestaut oder eben «eingeklebt». Sie werden verschwiegen und «heruntergeschluckt».

Die Sammlung unausgesprochener Gefühle führt zu wachsender innerer Anspannung. Je nach Persönlichkeit erfolgt das «Einlösen» unterschiedlich: wenn jeweils eine Seite voll ist oder erst, wenn das ganze Heft gefüllt ist. Entsprechend gross ist die Wucht, mit der sich die angestauten Gefühle entladen. Beim Einlösen halten wir unsere heftige Reaktion für gerechtfertigt und denken, dass das Gegenüber die Reaktion «verdient» hat. Wir übersehen dabei, dass diese Person meist gar nichts mit den zuvor angesammelten Kränkungen zu tun hat. Das führt zu Missverständnissen und Konflikten.

Welche Gründe gibt es für das «Einkleben»?

  • Angst vor Konflikten, zum Beispiel: «Wenn ich meinen Ärger zeige, verliere ich Zuneigung.»
  • Erlernte Muster, zum Beispiel: «In unserer Familie wird nicht gestritten.» 

Doch wir können uns bewusst werden, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen, welche «Rabattmarken» wir sammeln und wie wir sie einlösen. Folgende Fragen können dabei hilfreich sein:

  • Bei welchen «negativen» Gefühlen neige ich dazu, sie aufzustauen? Bei Ärger, Trauer oder bei Angst?
  • Tue ich das eher im beruflichen oder privaten Umfeld und bei welchen Personen?
  • Wie reagiere ich, statt dieses Gefühl anzusprechen? Mit Rückzug? Damit, mich «cool» zu zeigen? Mit Essen?
  • Wie löse ich die «Rabattmarken» ein? Durch einen heftigen «Ausbruch», durch traurig oder wütend sein oder …?
  • Bei wem entlade ich die aufgestauten Gefühle? Richte ich sie an die Person, der sie eigentlich gelten, oder bekommen sie andere zu spüren? 

Statt unsere Gefühle «einzukleben», können wir mutig lernen, konstruktiv mit ihnen umzugehen. Wenn wir sie rechtzeitig mitteilen, entlasten wir uns selbst und unsere Beziehungen werden lebendiger. Ganz nach dem «Motto»: Lebst du schon – oder klebst du noch?

Zur Person
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Doris Brönnimann ist Bäuerin und psychosoziale Beraterin SGfB. Den Landwirtschaftsbetrieb im Kanton Bern übergaben sie und ihr Mann vor einiger Zeit der nächsten Generation. In ihrer Praxis in Köniz BE unterstützt sie Menschen bei persönlichen Schwierigkeiten, Sinnkrisen oder bei zwischenmenschlichen Konflikten. In loser Folge schreibt sie über ihren Beratungsalltag.

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