Wohl keine andere Branche ist finanziell derart auf den Verkauf von Kälbern angewiesen wie die Mutterkuhhaltung. Mit Ausnahme vom Erlös abgehender Kühe stellt das Verkaufen der Kälber die einzige Einnahmequelle in diesem Betriebszweig dar. Umso wichtiger ist es, möglichst viele Kälber verkaufen zu können – unweigerlich damit verknüpft ist die Zwischenkalbezeit (ZKZ) der Mutterkühe.
Einfacher Start ins Leben
Die Zeitspanne zwischen zwei Geburten bestimmt, wie viele Kälber pro Kuh und Jahr geboren werden, sofern es keine anderen Komplikationen wie beispielsweise Aborte gibt. Dann ist entscheidend, wie viele Kälber lebend geboren werden. Eine Verfettung der Kuh kann die Gefahr einer Schwergeburt und damit das Risiko eines toten Kalbes erhöhen. Die Körperkondition hängt unter anderem mit der Zwischenkalbezeit zusammen: eine lange ZKZ steigert das Risiko einer Verfettung und sollte deshalb vermieden werden.
Der zweite Faktor – neben der Anzahl Kälber – um mit der Mutterkuhhaltung möglichst viel Geld zu verdienen: die lebend geborenen Kälber so grossziehen, dass sie optimal vermarktet werden können. Ist das Kalb einmal auf der Welt, muss es genügend Kolostrum von guter Qualität erhalten. Dafür braucht die Mutterkuh eine genügend lange Galtphase, in der sich das Eutergewebe regenerieren und auf die folgende Laktation vorbereiten kann.
Keine Erhebung
Martin Kaske, Geschäftsführer des Kälbergesundheitsdiensts (KGD), beobachtet bei vielen besuchten Betrieben, dass das Ziel von einem Kalb pro Kuh und Jahr nicht erreicht wird. «Oft fehlt es in der Mutterkuhhaltung an systematischem Herdenmanagement», schildert der Tierarzt. Es gebe durchaus Mutterkuhbetriebe, die mit 0,7 bis 0,8 abgesetzten Kälbern pro Kuh und Jahr zufrieden seien, obwohl sie so das angestrebte Ziel verfehlten.
Der Branchenverband Mutterkuh Schweiz gibt auf Anfrage bekannt, dass die Anzahl abgesetzter Kälber pro Kuh und Jahr nicht standardmässig erhoben werde und es deshalb dazu keine Zahlen gebe. Der Verband schätzt aber, dass über die gesamte Mutterkuhpopulation in der Schweiz gesehen im Durchschnitt ein Kalb pro Kuh und Jahr abgesetzt werden kann, wie Ursula Freund, Leiterin Kommunikation bei Mutterkuh Schweiz, mitteilt. Zu beachten ist in diesem Kontext, dass von den rund 100 000 Mutterkühen in der Schweiz etwa 13 000 Herdebuchtiere sind.
Kennzahl Kälberformel
Ein Blick in den Jahresbericht 2020 von Mutterkuh Schweiz zeigt, dass Rassen mit grossen Populationen wie z.B. Angus, Grauvieh, Limousin oder Simmental Zwischenkalbezeiten von 369 bis 382 Tagen erreichen. Laut Ursula Freund liegen diese Zahlen «nicht weit vom Idealwert entfernt». Mehrlingsgeburten würden Abgänge und Zwischenkalbezeiten von über 365 Tagen ausgleichen. Bei Mutterkuh Schweiz wird die Kälberformel als Mass für die Reproduktionsleistung verwendet. Diese wird aus der Frühreife und der Fruchtbarkeit errechnet. Ihr Idealwert unterscheidet sich je nach Frühreife der Rassen und liegt für frühreife Rassen bei 1, bei spätreifen Rassen bei 2. In welche Kategorie eine Rasse fällt, kann in der Herdebuchbroschüre von Mutterkuh Schweiz nachgelesen werden.
Wichtigste Ursachen
Reichen Mehrlingsgeburten wirklich aus, um die Kälberverluste – verursacht durch längere Zwischenkalbezeiten und Abgänge – wettzumachen? Müsste da nicht noch mehr unternommen werden, um die Fruchtbarkeit zu verbessern, gerade wenn sie für den wirtschaftlichen Erfolg sehr massgebend ist? Lassen wir das mal so stehen und widmen uns dem Kernthema: Eine gute Fruchtbarkeit bringt viele Vorteile für den Landwirt, aber auch für die Tiere. Bereits erwähnt wurde das Verfettungsrisiko bei einer langen Zwischenkalbezeit und einer «zu gut gemeinten» Fütterung.
Durch die Tatsache, dass die Kälber teilweise sehr lange bei der Mutter saugen, kann es zu Zyklusstörungen kommen und potenziell ist die Galtphase zu kurz, was die Menge und die Qualität des Kolostrums negativ beeinflussen kann. Des Weiteren können Fütterungsfehler, ungenügende Futterqualität oder eine unpassende Mineralstoffversorgung zu Fruchtbarkeitsproblemen führen. Martin Kaske vom KGD sieht das Problem aber auch bei der Philosophie einiger Landwirte: «Entgangene Gewinne werden meistens nicht als Geldverluste betrachtet.» Wenn Landwirte im Tierspital ein Kalb euthanasieren und sezieren lassen müssten, koste das einige hundert Franken. Das schmerze die Landwirte. Hingegen sei es für die Bauern psychologisch nicht dasselbe, wenn es weniger Kälber gebe oder eines verende – obwohl das auch ein entgangener Gewinn ist.
Genaues Beobachten
Möchte ein Betrieb aktiv etwas unternehmen, um die Fruchtbarkeit der Tiere zu verbessern, kann eine tierärztliche Bestandesbetreuung ein guter Weg sein. Häufig ist es nützlich, wenn zwischendurch eine fachkundige Person einen Blick auf die Herde wirft. Zudem hilft eine gezielte Beobachtung der Herde, am besten mehrmals täglich, um Brunstanzeichen erkennen und dokumentieren zu können.
Interview mit Beat Berchtold: «Tierärztliche Bestandesbetreuung kann für jeden Betrieb interessant sein»
In welchen Fällen ist eine tierärztliche Bestandesbetreuung (TBB) bei Mutterkühen sinnvoll?
Beat Berchtold: Diese Frage kann ich nicht pauschal beantworten. Jeder Mutterkuhhalter muss für sich entscheiden, ob er oder sie diese Dienstleistung in Anspruch nehmen möchte. Grundsätzlich kann eine tierärztliche Bestandesbetreuung für jeden Betrieb interessant sein, sofern sie auf die Bedürfnisse und Ansprüche des jeweiligen Betriebes abgestimmt ist, sei es zum Beispiel im Bereich Kälbergesundheit, Fruchtbarkeit oder Fütterung.
Wie gestaltet sich eine TBB bei einer Mutterkuhherde?
Das Besuchsintervall ist individuell und den jeweiligen Gegebenheiten des Betriebes angepasst. Das kann regelmässig alle zwei Wochen sein oder saisonal intensiver, beispielsweise in der Abkalbesaison oder in den Wintermonaten.
Welche sind die wichtigsten Ansatzpunkte bei der TBB, um die Fruchtbarkeit von Mutterkühen zu verbessern?
Die betriebsspezifischen Risikofaktoren werden ganzheitlich betrachtet. Das sind z.B. Fütterung, Mineralstoffversorgung, Zyklusinterpretation, etc.
Welchen konkreten Nutzen können Mutterkuhhalter aus der tierärztlichen Bestandesbetreuung ziehen?
Den Gleichen wie auch Milchviehhalter. Bei der TBB werden die Betriebe regelmässig besucht und spezifisch betreut. Dabei kann ein persönliches Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Durch die erhöhte Herdengesundheit wird die Kosteneffizienz verbessert. Das bringt den Landwirt und den Betrieb vorwärts. Die TBB funktioniert aber nur, wenn der Landwirt auch Wille und Einsatz zeigt, die Herde genau zu beobachten und die Beobachtungen genau zu dokumentieren. Zaubern und hexen kann die tierärztliche Bestandesbetreuung nicht.
Welche Kosten entstehen für den Landwirten bei der TBB für eine Mutterkuhherde?
Die Kosten orientieren sich nach der Herdengrösse und dem zeitlichen Aufwand.
Inwiefern unterscheidet sich die TBB zwischen Mutter- und Milchkühen?
Die Grundsätze der tierärztlichen Bestandesbetreuung bleiben gleich – jedoch sind die Fragestellungen entsprechend anders formuliert. Häufig werden die Milchviehbetriebe etwas intensiver betreut und erfordern einen höheren zeitlichen Aufwand.
Arbeiten Bestandestierärzte mit externen Personen wie beispielsweise Futtermittelberater(innen) zusammen?
Ja, wenn immer möglich.
Weitere Informationen: www.tbb-rind.ch
Das Interview wurde schriftlich geführt.

Beat Berchtold ist Tierarzt und besitzt in Bargen (BE) eine Praxis, die sich auf tierärztliche Bestandesbetreuung spezialisiert hat.

