Angesichts der «unkontrollierten Ausbreitung des Wolfes» drohe die Lage in den betroffenen Regionen vollends ausser Kontrolle zu geraten. Mit diesen eindringlichen Worten wendet sich der Verein zum Schutz der ländlichen Lebensräume vor Grossraubtieren an Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die dem Bundesamt für Umwelt vorsteht. Die bisherigen Anpassungen in der Jagdverordnung seien kosmetisch, heisst es in der zugehörigen Mitteilung. Der Fahrplan der Politik ist dem Verein deutlich zu langsam. 

«Trauriger Alltag», wovor gewarnt worden war

Im Graubünden und weiteren Kantonen herrschen jene Zustände, vor denen seit Jahren gewarnt worden sei. Zur Illustration werden immer mehr tödliche Angriffe auf geschützte Schafherden, notfallmässige Abalpungen, Angriffe auf Kuhherden mit Absturzfolge, steigender Aufwand für den Herdenschutz und kaum mehr sicherbare Laufhöfe genannt.

Auch der Mensch sei zunehmend bedroht, geht aus dem offenen Brief hervor. So könne man zu jeder Tages- und Nachtzeit Wölfen begegnen, die weder vor Menschen noch deren Besitz noch Scheu hätten. Alpine Tourismusregionen werden immer unsicherer und Wolfsrudel streifen durch Dörfer, heisst es weiter.

Sömmerungsbeiträge auch bei vorzeitiger Abalpung

Der Verein sieht verschiedentlich noch Handlungs- und Klärungsbedarf. Schutz und Sicherheit der Bevölkerung, die Auszahlung von Sömmerungsbeiträgen trotz vorzeitiger Abalpung nach Wolfsrissen, und die Schaffung von Vorranggebieten für Nutz- und Wildtiere seien bei der Verordnungsanpassung gar nicht behandelt worden. Ausserdem fordert man eine Durchsetzung des Schweizer Antrags zur Rückstufung des Schutzstatus des Wolfs in der Berner Konvention und eine präventive Regulation der Wolfspopulation. 

Bericht erst in zwei Jahren

Im Herbst 2022 werde eine Grundlagenstudie von Agroscope erwartet, die den Handlungsbedarf bezeichnen und Massnahmen vorschlagen wird. Ein Jahr später wolle der Bundesrat dann seinerseits einen dazugehörigen Bericht veröffentlichen, wird in der Mitteilung das weitere  politische Vorgehen dargelegt. Praxisorientierte Lösungen brauche es aber jetzt, sonst würden die betroffenen Berggebiete in kurzer Zeit ausbluten, warnt der Verein Schutz der ländlichen Räume vor Grossraubtieren. Man möchte daher möglichst rasch mit Bundesrätin Sommaruga in den Dialog treten und freue sich auf eine Einladung. 

Der offene Brief im Wortlaut

Offener Brief an den Bundesrat: Wölfe in der Schweiz – der Bundesrat muss handeln! 

Sehr geehrte Frau Bundesrätin, 

Die Vertreterinnen und Vertreter der Bergkantone fordern Sie als Vorsteherin des zuständigen Bundesamtes für Umwelt (BAFU) mit aller Dringlichkeit auf, rasch Massnahmen gegen die unkontrollierte Ausbreitung des Wolfes zu ergreifen. Die Lage in den betroffenen Regionen droht vollends ausser Kontrolle zu geraten. Im Kanton Graubünden und in weiteren Kantonen herrschen Zustände, vor denen wir seit Jahren warnen und nun trauriger Alltag sind: 

  • Stark ansteigende tödliche Angriffe auf geschützte Schafherden und notfallmässige Abalpungen bereits anfangs der Weidesaison, wie jüngst in den Regionen Klosters oder im Goms.
  • Angriffe auf Kuhherden, die zu Panik und Abstürzen führen.
  • Mögliche Begegnungen mit dem Wolf zu jeder Tages- und Nachtzeit.
  • Umherstreifende Wolfrudel in und um Dörfer, ohne Scheu vor dem Menschen und seiner
    Habe.
  • Rindviehhaltung in artgerechten Laufhöfen ist kaum mehr sicher zu betreiben.
  • Der Herdenschutzaufwand steigt unaufhörlich. Die Schäden nehmen auch auf geschützten
    Wiesen und Alpen weiter zu.
  • Alpine Tourismusregionen werden für den Menschen unsicher.

Es besteht dringender Handlungs- und Klärungsbedarf in zahlreichen Punkten, welche im Rahmen der vergangenen Verordnungsanpassung nicht behandelt worden sind, so in den Bereichen 

  • Schutz und Sicherheit der Bevölkerung,
  • Schaffung von Vorranggebiete für Nutz- und Wildtiere,
  • präventive Regulation der Wolfspopulation,
  • saubere Definition von schützbaren und nicht schützbaren Weidegebieten mit der
    Validierung der kantonalen Alpplanungen durch das BAFU,
  • vollständige Abgeltung von Herdenschutzmassnahmen und Auszahlung der
    Sömmerungsbeiträgen trotz vorzeitiger Abalpung nach Wolfsangriffen,
  • Unterstützung der Tourismusregionen zum Schutz der Gäste und Sicherung der
    Wanderwege.
  • Durchsetzung des Schweizer Antrags zur Rückstufung des Schutzstatus des Wolfs in der
    Berner Konvention.

Wie der Bundesrat in seinen Antworten auf die Vorstösse aus dem Parlament darlegte, wird im Herbst 2022 eine Grundlagenstudie der Agroscope erwartet, die den notwendigen Handlungsbedarf bezeichnen und Massnahmen vorschlagen wird. Im Herbst 2023 wird der Bundesrat dann einen dazugehörigen Bericht publizieren. Angesichts des dringenden Handlungsbedarfs fühlt sich die betroffene Bevölkerung mit der Aussicht auf einen Bericht in zwei Jahre alleine gelassen und nicht ernst genommen. Es braucht jetzt praxisorientierte Lösungsansätze, die beispielsweise im Rahmen von geografisch und zeitlich begrenzten Pilotprojekten erprobt werden können. Die Ergebnisse der Pilote schaffen die nötigen Grundlagen für schweizweit wirkungsvolle Massnahmen. 

Ohne die Möglichkeit und die Perspektive den weiter massiv zunehmenden Wolfsangriffen etwas entgegen zu setzen, werden die betroffenen Berggebiete in kurzer Zeit ausbluten. Die Offenhaltung und Pflege der artenreichen Bergweiden sind in Gefahr. Es drohen die Verbuschung ganzer Talschaften und der einhergehende Verlust der Biodiversität. 

Wir möchten deshalb mit Ihnen Frau Bundesrätin möglichst rasch in einen Dialog treten und Ihnen unsere Anliegen aus erster Hand darlegen. Ferner würde es uns freuen, Ihnen mögliche Handlungsoptionen aufzuzeigen, welche die Alp- und Weidewirtschaft im Umgang mit dem Wolf unterstützen könnten. Wir freuen uns auf eine Einladung. 

Mit Freundlichen Grüssen 

 

NR Monika Rüegger Georges Schnydrig und Germano Mattei Co-Präsidentin IG -Sicherheit Co-Präsidenten VSLvGRT