Die Zahlen sind alarmierend: Über ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten in der Schweiz ist ausgestorben oder gefährdet, die Hälfte der Lebensraumtypen ist bedroht, schreibt das Bundesamt für Umwelt (Bafu). Besonders gravierend ist die Situation auf den Ackerflächen: Während die Wissenschaft aufzeigt, dass es für den Erhalt der Biodiversität mindestens 5 Prozent Biodiversitätsförderflächen auf Ackerland braucht, ist in der Praxis nicht einmal die Hälfte davon erreicht, kritisiert BirdLife Schweiz.
Doch nicht nur im Ackerland fehlt es an Biodiversität. Bereits im 19. Jahrhundert, aber dann speziell in der Nachkriegszeit lautete die Devise, so viel Lebensmittel wie möglich zu produzieren. Analysiert wird dies im 2023 vom Schweizerischen Bauernverband veröffentlichten Bericht «Biodiversität im Schweizer Kulturland»: Die Intensivierung führte zur verstärkten Nutzung der Ressourcen, zur Vergrösserung der Bewirtschaftungseinheiten, zum Verlust von Kleinstrukturen, zum erhöhten Nährstoffeintrag – und zur Schwächung der biologischen Vielfalt.
Das schleichtende Verschwinden der Weidetiere
Während die Intensivierung schon seit Jahrzehnten anhält, vollzieht sich gerade jetzt ein weiterer dramatischer Wandel: die Weidetiere verschwinden zusehends von den Flächen. Zwischen 1985 und 2018 hat die landwirtschaftliche Nutzfläche in der Schweiz mit einem Flächenverlust von über 7 Prozent abgenommen. Am meisten Fläche hat das Ackerland verloren (-11 Prozent), gefolgt von den Alpweiden (-7 Prozent), zeigt ein Bericht des Schweizer Bauernverbands.
Doch nicht nur die Flächen schwinden. Ein neuer Faktor beschleunigt den Rückgang der Weidehaltung: die Robotisierung der Milchproduktion. Aktuell geht man von rund 300 Melkrobotern in den Schweizer Ställen aus, Tendenz stark steigend. Zwar lässt sich das Weiden auch mit Melken am Roboter kombinieren, wie viele Praxisbeispiele zeigen. Doch die Hürden sind hoch: Die Weideflächen müssen mit Vorteil in der Nähe des Stalls liegen, es braucht ein ausgeklügeltes Management und spezielle Selektionstore. Zahlreiche Milchproduzenten verzichten daher nach der Umstellung auf den Roboter auf den ausgedehnten Weidegang.
Pro Natura Baselland schlägt Alarm
Dabei wäre extensive Beweidung ein Schlüssel zur Rettung der Biodiversität. Umweltverbände wie Pro Natura Baselland haben das schon vor Jahren erkannt und machen seither gezielt darauf aufmerksam. Bereits vor drei Jahren zeigte Pro Natura Baselland an einer Fachtagung auf, welche Rolle Rind und Pferd für die Artenvielfalt spielen – und wie dramatisch die Situation in den Tieflagen ist.
Die historische Dimension ist beeindruckend: Über Jahrtausende hinweg prägten Weidetiere die mitteleuropäische Landschaft. Erst Mammut und Riesenhirsch, später die domestizierten Nutztiere. Die heutige Artenvielfalt entwickelte sich in dieser durch Beweidung geprägten Umgebung. Extensive Weiden machten einst schätzungsweise zwei Drittel der Fläche Mitteleuropas aus, dokumentiert Pro Natura Solothurn. In den tieferen Lagen der Schweiz sucht man solche artenreichen Weidelandschaften heute vergebens. Strukturlose Intensivweiden mit geringem ökologischem Wert prägen vielerorts das Landschaftsbild.
Die Zahlen, die Pro Natura Baselland an der Tagung präsentierte, sind dramatisch: Bei jedem Mähvorgang sterben zwischen 5 und 80 Prozent der Insekten. Auch bei schonenden Methoden wie dem Balkenmäher kann die Sterblichkeit bis zu 50 Prozent betragen. Selbst extensiv geschnittene Wiesen erreichen nur einen Bruchteil der Artenvielfalt beweideter Flächen.
Das Mosaik der Weidetiere
Der entscheidende Unterschied liegt in der räumlichen und zeitlichen Vielfalt. Weidetiere schaffen ein kleinräumiges Mosaik: Durch Frass, Tritt und Kot entstehen unterschiedliche Lebensräume auf engem Raum – stark beweidete Bereiche wechseln mit Altgrasbeständen, offene Bodenstellen mit dichter Vegetation. Der Schnitt erfolgt dagegen grossflächig und gleichzeitig. Dazu verbreiten Weidetiere Pflanzensamen, im Fell oder nach dem Durchgang durch den Verdauungstrakt.
Praxisbeispiele belegen die Wirkung: Im Wallis entstanden bei Ersatzmassnahmen für den Autobahnbau zunächst extensive Mäh- und Streuwiesen. Die gefährdeten Arten der Roten Liste liessen sich kaum blicken. Nach der Umstellung auf Beweidung änderte sich die Situation grundlegend – zahlreiche bedrohte Tier- und Pflanzenarten etablierten sich.
Die Art der Beweidung spielt dabei eine zentrale Rolle, betonen die Fachleute von Pro Natura Baselland. Extensivrassen wie das Schottische Hochlandrind zeigen beim Fressverhalten, Bewegungsmuster und der Trittbelastung deutliche Unterschiede zu Leistungsrassen. Rund ein Drittel der Vegetation sollte als überständiges Material erhalten bleiben. Ein Säuberungsschnitt, wie er in der konventionellen Weidewirtschaft üblich ist, widerspricht dem Naturschutzziel.
Der Kot als Ökosystem
Besonders eindrücklich sind die Zusammenhänge beim Kot der Weidetiere. Der bildet ein eigenständiges Ökosystem: Die Kotfauna, insbesondere Mistkäfer, schliesst den Nährstoffkreislauf und ist gleichzeitig Nahrung für höhere trophische Ebenen. Steinkauz und Wiedehopf sind auf Mistkäfer angewiesen. Eine Grossvieheinheit erzeugt über den Kot jährlich etwa 100 Kilogramm Insektenbiomasse. Das ist genug Futter für 10 bis 50 Kilogramm Vögel oder Amphibien.
Doch die Kotfauna ist massiv bedroht. Hauptursache sind die Entwurmungsmittel. Diese werden mit dem Kot ausgeschieden und wirken dort insektizid. Die Folge ist eine drastische Reduktion oder völlige Vernichtung der Kotfauna – auch in Naturschutzweiden. Dieser Faktor werde im Zusammenhang mit dem Insektenrückgang immer noch massiv unterschätzt, kritisiert Pro Natura Baselland.
Die vielfältigen Probleme
Pro Natura Baselland hat an ihrer Fachtagung nicht nur die Bedeutung der Weiden aufgezeigt, sondern auch die vielfältigen Probleme benannt:
Flächenrückgang im Berggebiet: Die Fläche der Schweizer Alpweiden ist in den vergangenen 25 Jahren um 5 Prozent kleiner geworden, meldet das Bundesamt für Landwirtschaft – das entspricht der Fläche des Kantons Schaffhausen. Steile, steinige oder abgelegene Weideflächen werden mit weniger Tieren oder gar nicht mehr genutzt. Vor allem im Berggebiet wurde die Nutzung aufgegeben, weil das regelmässige Mähen und Beweiden nicht mehr rentierte.
Verbuschung: Wo das grasende Vieh fehlt, breiten sich Büsche ungehindert aus. Besonders problematisch ist die Grünerle, die dank einer Symbiose mit Bakterien Stickstoff aus der Luft gewinnt und damit den Boden düngt. Der Effekt ist derselbe wie bei einer Mineraldüngung: Die Artenvielfalt sinkt.
Kleinräumigkeit: Die kleinräumige Kulturlandschaft der Schweiz stellt das Konzept naturnaher Beweidung vor Probleme, erklärt der Biologe Jonas Barandun im St. Galler Bauer. Es gibt schlicht nicht genügend grosse Flächen. Ideal wären zusammenhängende Flächen von mindestens 20, besser 50 Hektaren. Auf kleineren Flächen müsste ein Bewirtschafter seine Tiere auf wechselnden Parzellen weiden lassen – das ist aufwendig.
Rentabilität: Mit den heutigen Beiträgen ist naturschutzorientierte Beweidung für Landwirte kaum rentabel. Die Einnahmen aus der Schlachtung sind minimal, da viel weniger Tiere gehalten werden können, die auch noch sehr langsam zunehmen. Hochleistungsrinder wie Brown Swiss oder Holstein kommen für solche Weiden nicht in Frage.
Waldweiden verboten: Seit dem Forstpolizeigesetz von 1902 gilt die Waldweide in der Schweiz als unerwünschte Nutzungsform und ist grundsätzlich verboten. Das ignoriert die jahrtausendelange Tradition und die ökologische Bedeutung. Grossflächige lichte Weidewälder gibt es heute nur noch in den Alpen und im Jura. In tieferen Lagen entstehen zwar erste Projekte – im Neckertal sind Föhren-Waldweiden wieder in Betrieb, im Rheintal laufen Versuche, im Solothurnischen werden Wytweiden gefördert. Doch die rechtliche Situation bleibt problematisch, wie Pro Natura Baselland kritisiert.
Deutschland macht's vor
An einer Fachtagung von Pro Natura Baselland wurden auch schon Erfolge aus Deutschland vorgestellt. Dort zeigen grossflächige Beweidungsprojekte mit ganzjähriger Besetzung eindrückliche Erfolge. Die Besatzdichten liegen mit 0,3 bis 0,6 Grossvieheinheiten pro Hektar deutlich unter schweizerischen Verhältnissen. Im Bingenheimer Ried, einem 100 Hektar umfassenden Feuchtgebiet, führte eine etwa 30-jährige Beweidung zu spektakulären Bestandsentwicklungen: 5000 Knoblauchskröten, 1000 rufende Laubfrösche, 10'000 Kammmolche. Das stark gefährdete Zwergsumpfhuhn etablierte sich als Brutvogel.
In einem mit Konik-Pferden ganzjährig beweideten Naturschutzgebiet wurden nach neun Jahren 14 Orchideenarten nachgewiesen – mehrere davon neu aufgetreten, darunter die Bienen-Ragwurz mit mittlerweile 3100 fertilen Pflanzen.
2026: Das UNO-Jahr der Weiden
Die UNO hat 2026 zum internationalen Jahr der Weiden und Hirten erkoren. Im Zentrum stehen die graslandbasierte Tierhaltung und die daraus hervorgegangenen Weidelandschaften. Weidelandschaften machen über die Hälfte der Erdoberfläche aus und sind für Millionen von Hirten sowie für Milliarden von Menschen weltweit von grosser Bedeutung.[IMG 2]
In der Schweiz sind Weiden ebenfalls zentral: Die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche sind Dauerwiesen und Weiden – über 500 000 Hektaren oder fast die Fläche des Kantons Wallis. Diese lassen sich nur über die Haltung von Rindvieh, Schafen oder Ziegen nutzen.
Der Schweizer Bauernverband, der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verband, die SAB und Helvetas planen dazu verschiedene Projekte und Kommunikationen, darunter eine Tagung zu den aktuellen Schwierigkeiten des Weidelands. Pro Natura Baselland wird sich auch 2026 weiter für extensive Weidehaltung einsetzen.
Was es braucht
Extensive Weiden besitzen für gefährdete Arten einen ausserordentlich hohen Wert. In den tieferen Lagen der Schweiz werden sie jedoch noch unzureichend gefördert, kritisiert Pro Natura Baselland. Pro Natura setzt seit rund 20 Jahren auf die extensive Beweidung von Schutzgebieten, die Erfahrungen sind durchwegs positiv. Doch es braucht mehr:
Die Weideflächen sollten mindestens 20, besser 50 Hektaren oder mehr umfassen. Die Besatzdichten sollten 0,6 Grossvieheinheiten pro Hektar nicht überschreiten. Eine ganzjährige oder zumindest über den grössten Teil des Jahres andauernde Beweidung ist anzustreben. Der Einsatz von Entwurmungsmitteln muss minimiert oder aufgegeben werden. Waldweiden sollten als ökologisch wertvolle Bewirtschaftungsform anerkannt und rechtlich erleichtert werden.
Das ist ein Paradigmenwechsel. Doch die dokumentierten Erfolge, wie sie Pro Natura Baselland an seiner Fachtagung präsentierte, zeigen: Die Kuh ist kein Klimakiller – sie ist vielmehr eine Biodiversitätsmacherin. Und dieser Weg ist für die Erhaltung der Artenvielfalt erfolgversprechender als der konventionelle Schnitt.
