Das Problem liegt im Kuhfladen. Dort tummeln sich normalerweise Hunderte Arten von Insekten, Käfern und anderen Kleintieren, die den Kot zersetzen und in wertvollen Hofdünger verwandeln. «Der Kuhfladen auf der Weide erbringt eine Leistung für den Artenschutz und für die Ökosystem-Struktur», schreiben die Forschenden Regine Koopmann vom deutschen Thünen-Institut und Stefan Kühne vom Julius Kühn-Institut in ihrer Literaturübersicht «Tierarzneimittel (Antiparasitika) im Kuhfladen – Ein Risiko für Nicht-Ziel-Organismen». Die Studie erschien 2017 in der Fachzeitschrift Landbauforschung und hat Dutzende internationale Studien ausgewertet.
Die Befunde sind eindeutig: Besonders die sogenannten Makrozyklischen Laktone, zu denen Ivermectin, Doramectin, Eprinomectin und Moxidectin gehören, schädigen die Mistinsekten erheblich. Diese Wirkstoffe werden grösstenteils unverändert oder als giftige Abbauprodukte über den Kot ausgeschieden.
In der Schweiz sind Präparate wie Ivomec (Ivermectin für Rinder, Schafe und Schweine) oder Noromectin zugelassen, wie das Tierarzneimittelkompendium der Universität Zürich zeigt. Laut Swissmedic gehören Antiparasitika zu den am häufigsten gemeldeten Medikamentenklassen – 2024 gab es 158 Meldungen, auch wegen vermuteter Unwirksamkeit. Das deutet auf Resistenzprobleme hin.
Bis zu 80 Prozent weniger Insekten
Die Zahlen sind beeindruckend: In Feldversuchen mit Ivermectin fanden Forschende bis zu 79 Prozent weniger «Fliegenmasse» auf behandelten Weiden. Mistkäferlarven sterben massenweise ab, Missbildungen nehmen zu. Besonders betroffen sind Schwebfliegen, die extrem empfindlich auf die Wirkstoffe reagieren.
«Bis zu 47 Tage nach der Behandlung können relevante Wirkstoffmengen im Kot erscheinen», zitieren Koopmann und Kühne aus verschiedenen Studien. Das bedeutet: Fast sieben Wochen lang kann ein einziger Kuhfladen zur tödlichen Falle für Nützlinge werden. Bei Ivomec SR Bolus, einem Sustained-Release-Bolus, der früher in der Schweiz zugelassen war, wurde Ivermectin über 135 Tage kontinuierlich freigesetzt – mit entsprechend verheerenden Folgen für die Mistfauna. Solche Präparate sind heute auch in der EU nicht mehr zugelassen.

Es geht alle etwas an
«Was geht mich das an?», werden sich manche fragen. «Hauptsache, die Würmer sind weg.» Doch die Folgen gehen alle an: Wenn Mistkäfer fehlen, zerfallen die Kuhfladen langsamer. Darunter stirbt das Gras ab, es entstehen Faulstellen. Der im Kot enthaltene Stickstoff kann viel schlechter von den Pflanzen genutzt werden.
Laut Studien gehen 80 Prozent des pflanzenverfügbaren Stickstoffs verloren, wenn keine Käfer da sind – im Vergleich zu nur 5 bis 15 Prozent, wenn die Nützlinge ihre Arbeit tun können. Das sind hunderte Franken, die einfach verpuffen.
Und es geht noch weiter: Kiebitz, Bachstelze, Schwalben, Fledermäuse, Igel und Dachs ernähren sich von Insekten aus dem Misthaufen oder von den daran fliegenden Insekten. «Speziell in der Brutzeit sind viele Vögel auf Insektenlarven angewiesen», heisst es in der Studie.
Was ist in der Schweiz zugelassen?
In der Schweiz sind laut Tierarzneimittelkompendium verschiedene Antiparasitika für Rinder zugelassen. Die wichtigsten Wirkstoffgruppen:
Makrozyklische Laktone (Avermectine und Milbemycine):
- Ivermectin: Mehrere Präparate zugelassen – Ivomec (Injektionslösung für Rinder, Schafe, Schweine), Noromectin (Injektionslösung und Pour-on für Rinder). Dosis 0,2 mg/kg Körpergewicht subkutan oder 0,5 mg/kg als Pour-on. Wartezeit Fleisch: 28-66 Tage je nach Präparat. Nicht bei laktierenden Tieren anwenden, deren Milch für den menschlichen Verzehr vorgesehen ist.
- Doramectin: Dectomax (Injektionslösung) und Doramax Pour-on. Laut Fachinformation ist Doramectin «hochgiftig für Dungfauna und Wasserorganismen». Behandelte Rinder sollten für 2 bis 5 Wochen nach der Behandlung von Oberflächengewässern ferngehalten werden.
- Moxidectin: Cydectin Pour-on für Rinder. Gilt als weniger toxisch für Nützlinge als die Avermectine.
- Eprinomectin: Ebenfalls zugelassen, gehört zu den Avermectinen.
Wichtig bei den Pour-on-Präparaten: Nicht auf verschmutzte Haut auftragen, Tiere die nächsten zwei Stunden nicht Regen aussetzen, gegenseitiges Ablecken verhindern.
Benzimidazole – die umweltschonendere Alternative:
- Albendazol: Valbazen 10% (Suspension für Rinder), Albex 10% (für Rinder, Schafe, Ziegen). Wirkt gegen Bandwürmer, Magen-Darm-Rundwürmer, Lungenwürmer und reifen grossen Leberegel. Dosis 7,5-10 mg/kg. Wartezeit Fleisch: 7-14 Tage, Milch: 4-5 Tage. Wichtig: Nicht während der Deckzeit und im ersten Monat der Trächtigkeit anwenden (teratogen).
- Fenbendazol: Panacur Suspension 10% (für Rinder, Pferde) und 2,5% (für Schafe, Ziegen). Dosis 7,5 mg/kg. Wartezeit Fleisch: 7 Tage (Rind) bzw. 5 Tage (Pferd), Milch: 4 Tage. Sehr gut verträglich, auch für tragende Tiere geeignet.
Die Benzimidazole bauen sich schneller ab als die Makrozyklischen Laktone und sind deutlich weniger schädlich für die Mistinsekten.
Resistenzproblem auch in der Schweiz
In den Fachinformationen warnen die Hersteller bereits: «Bei Verdacht auf Anthelminthika-Resistenz sollten weiterführende Untersuchungen mit geeigneten Tests (z.B. Eizahlreduktionstest) durchgeführt werden», heisst es etwa bei Valbazen. Bei Rindern sind Resistenzen gegen Doramectin und andere Avermectine bei gastrointestinalen Nematoden wie Cooperia oncophora und Ostertagia ostertagi bekannt, wie die Fachinformation zu Doramax festhält. Die gute Nachricht: Es gibt grosse Unterschiede zwischen den Wirkstoffen.
Die Schweizer Bio-Szene denkt um
Auch die Plattform Bioaktuell.ch, das Portal der Schweizer Biobetriebe, thematisiert die Problematik. «Einige Entwurmungsmittel haben sehr negative Auswirkungen auf kotfressende Insekten», heisst es dort. «Stellen Sie sich den Kuhfladen eines Tieres vor, das mit einem Entwurmungsmittel behandelt wurde, das makrozyklisches Lakton enthält (Eprinex, Ivomec, Dectomax): Unter bestimmten Bedingungen kann ein solcher Fladen zur tödlichen Falle werden.»
Die Plattform empfiehlt deshalb: «Falls sich eine Behandlung mit Wurmmitteln durch das Weidemanagement nicht vermeiden lässt, ist es sinnvoll, weniger toxische Moleküle (Benzimidazole, Levamisol) zu wählen, um die koprophage Mikrofauna und bestimmte Zweiflügler zu schonen.»
Die Tierärzte sind gefordert
«Die Umweltwirkungen von Medikamenten sind Lehrinhalt im Curriculum des Studiengangs geworden», berichten die Forschenden. Auch in der Schweiz müssen Tierärzte ihre Patienten entsprechend beraten.
Laut Swissmedic sind fast alle Antiparasitika für Nutztiere verschreibungspflichtig. 2020 sorgte ein Skandal für Schlagzeilen: Mehr als 200 Landwirte – vor allem in der Romandie – hatten illegal Tierarzneimittel aus Frankreich bezogen. «Nicht nur Antibiotika, sondern auch Antiparasitika und Hormonpräparate», berichtete die BauernZeitung damals. Der Schweizerische Bauernverband SBV verurteilte die illegalen Importe.
Forschung läuft – aber es braucht mehr
Wie stark ein Wirkstoff die Umwelt beeinflusst, hängt von vielen Faktoren ab: Art und Menge des Mittels, Verabreichungsform, Konzentration im Kot, Jahreszeit, Wetter, Besatzdichte – und davon, wie empfindlich die einzelnen Arten reagieren.
Die Forschenden fordern deshalb neue, einheitliche Testverfahren auf verschiedenen Ebenen – im Labor, im Halbfeld und im Feld. «Standardisierte Freilanduntersuchungen sind notwendig», betonen sie.
Schweiz lanciert Grossprojekt gegen Resistenzen
Dass das Thema auch in der Schweiz hochaktuell ist, zeigt ein neues Forschungsprojekt: Seit 2023 läuft das ORA-Projekt (Optimierung und Reduzierung des Anthelminthikaeinsatzes) in Schweizer Schaf- und Ziegenbeständen. Mit einem Budget von über 4,1 Millionen Franken – davon 3,2 Millionen vom Bundesamt für Landwirtschaft BLW – ist es bis 2029 angelegt, mit Wirkungsmonitoring bis 2031.
«Gegen alle in der Schweiz zugelassenen Wirkstoffe liegen Resistenzen vor», heisst es in der Projektbeschreibung. Das Ziel ist ambitioniert: Die verabreichte Menge an Anthelminthika soll um 30 Prozent sinken, wobei die Leistung der Tiere und die Tiergesundheit konstant bleiben sollen.
Getragen wird das Projekt vom Beratungs- und Gesundheitsdienst für Kleinwiederkäuer (BGK), dem Schweizerischen Schafzuchtverband (SSZV), dem Schweizerischen Ziegenzuchtverband (SZZV) und weiteren Verbänden. In zehn Kantonen – von St. Gallen über Graubünden bis ins Wallis und in die Westschweiz – werden Betriebe begleitet.
Resistenzen sind das grössere Problem
Das ORA-Projekt zeigt: Das Problem mit Antiparasitika ist nicht nur die Umweltbelastung, sondern auch die zunehmende Resistenzbildung. «Nach häufiger, wiederholter Anwendung jedweder Klasse von Anthelminthika können bei Parasiten Resistenzen gegenüber dieser Anthelminthika-Klasse auftreten», warnt die Fachinformation zu einem Ivermectin-Präparat für Pferde.
Bei Kleinwiederkäuern ist die Lage bereits dramatisch. Deshalb fordert das ORA-Projekt: «Eine Änderung des Behandlungs- und Weidemanagements ist erforderlich, um Magen-Darm-Strongyliden auch in Zukunft wirksam kontrollieren zu können.»
Die Botschaft der Studie ist klar. Antiparasitika haben «bislang unberechnete Kosten für die Umwelt». Eine unnötige Behandlung schadet nicht nur dem Portemonnaie, sondern fördert auch Resistenzen und schadet den Nützlingen auf der Weide – und damit letztlich der Futterqualität und dem Naturschutz.
Was Tierhalterinnen und Tierhalter tun können
Die Forschenden empfehlen mehrere Massnahmen zur Risikominimierung: Nur behandeln, was nötig ist: Gezielt nur jene Tiergruppen entwurmen, deren Wurmbefall so hoch ist, dass Gesundheitsschäden drohen. Eine Teilherdenbehandlung spart Arzneimittel und schafft Rückzugsgebiete für Nützlinge. «Daher müssen wir diese wichtigen Moleküle um jeden Preis für die Kälber, die sich in ihrer ersten Weidesaison befinden, aufsparen», schreibt Bioaktuell. Erwachsene Rinder haben bereits eine Immunität entwickelt. Der richtige Zeitpunkt: Ideal wäre die Entwurmung im Spätsommer oder Winter, ausserhalb der Hauptvermehrungszeit der Mistinsekten. «In der Brutzeit der Mistkäfer sollten Makrozyklische Laktone vermieden werden», raten die Fachleute. Die Wirkstoffwahl überdenken: Aus Naturschutzgründen sollten Benzimidazole und Levamisol erste Wahl sein – wenn Wirksamkeit und Tierschutz nicht dagegensprechen. Erst wenn diese nicht in Frage kommen, zu Moxidectin greifen, dann zu Eprinomectin und Ivermectin. Doramectin sollte letzte Wahl sein. Pour-on-Präparate richtig handhaben: Bei Aufgussmitteln mit Avermectinen oder Pyrethroiden ist besondere Vorsicht geboten: Gegenseitiges Ablecken verhindern (Tiere im Fressgitter lassen, bis das Mittel eingezogen ist), Abtropfen in die Natur unterbinden, Behälter sicher entsorgen. «Freies Ivermectin ist für Fische und bestimmte im Wasser lebende Organismen gefährlich», warnt die Fachinformation. Aufstallen nach der Behandlung: «Eine einfache und vermutlich sehr wirksame Massnahme ist das Aufstallen für ca. 14 Tage nach Avermectin- oder Pyrethroidgabe», schreiben Koopmann und Kühne. Aufwendig, aber wirkungsvoll. Nicht jedes Jahr die gleiche Weide: Frisch behandelte Tiere sollten nicht jedes Jahr auf dieselbe Weide, damit sich die Mistfauna zumindest im zweiten Jahr erholen kann.

