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Der Südkoreaner Soo Hyun Lee sortiert Küken in schwindelerregendem Tempo

Soo Hyun Lee untersucht in der Legehennen-Brüterei Küken auf ihr Geschlecht. Das Metier hat er in Südkorea erlernt. Trotz des bevorstehenden Kükentöten-Verbots muss der Sortierprofi aber nicht um seien Job fürchten.

Soo Hyun Lee ist ein bisschen müde. Seit heute morgen um 5 Uhr hat er 20'000 Küken in den Händen gehabt. Dies allerdings nur für Sekundenbruchteile. Er sortiert sie nach Geschlecht. Jetzt sitzt er neben seinem Chef Magnus Döbeli und erklärt mit Hilfe von Siri und Google Translate, wie es ihn von Incheon in Südkorea nach Staufen im Aargau zur Firma Animalco verschlagen hat.

Fokus und konstantes Tempo

Der Sortierer erkennt das Geschlecht an den Flügelfedern: Links die längeren Federn einer künftigen Henne, rechts Federn eines Hahns.
Der Sortierer erkennt das Geschlecht an den Flügelfedern: Links die längeren Federn einer künftigen Henne, rechts Federn eines Hahns.

Der 28-Jährige hat sein Metier in einer spezialisierten Sortierschule in der Hauptstadt Seoul gelernt. Nach der einjährigen Ausbildung in der Heimat setzte er diese in Deutschland fort. Es sei kein Zufall, dass praktisch alle Brütereien in Europa für die Sortierarbeit auf Koreaner und Vietnamesen setzen, sagt Magnus Döbeli. «Für diese Arbeit braucht es Fokus und konstantes Tempo». Sein Sortierprofi komme in eine Art Trance, sagt Döbeli. Damit diese Konzentration nicht gestört wird, müsse am Arbeitsplatz eine gewisse Ruhe herrschen und es dürften nicht zu viele Küken auf einmal auf der Drehscheibe am Sortierplatz ankommen.

Wir konnten Soo Hyun Lee beobachten bei seiner Arbeit. In schwindelerregendem Tempo befühlt er die piepsenden Küken an den Flügeln und spediert sie dann in hohem Bogen auf das Förderband links oder rechts. Das Federsexing beruht auf ungleich langen Flügelfedern von weiblichen und männlichen Tieren. Die längeren Federn der künftigen Hennen wurden den Lohmann-Legehybriden vor rund 40 Jahren im Hinblick auf die Sortierung angezüchtet. Eine weitere Methode ist das Kloakensexing, es erfordert aber einen stärkeren Eingriff am Tier.

Doppelte Impfung

Die weiblichen Tiere werden nach Soo Hyun Lees Handgriff doppelt geimpft – einmal ins Bein gegen die Mareksche Krankheit und ein zweites Mal mittels Besprühung gegen den Corona-Stamm Infektiöse Bronchitis – und in Kisten verpackt. In diesen werden sie dann innert 24 Stunden zu den Aufzuchtbetrieben transportiert. Dort verweilen sie für 18 Wochen, bevor sie in den Legebetrieben ihre Arbeit aufnehmen.

Die männlichen Tiere auf dem anderen Förderband werden in einen Behälter befördert, wo sie mit CO2 vergast werden. Die Tiere sind gesuchtes Futter für Zoos und Privathaushalte mit karnivoren Haustieren. Döbeli verkauft rund 600'000 der männlichen Küken in diesem Kanal.

Ab 2024 soll das Kükentöten aufgrund ethischer Bedenken in weiten Teilen der Gesellschaft eingestellt werden.

Kükentöten vor dem Ende

Ab 2024 will die konventionelle Eierbranche auf das Kükentöten verzichten. Bio Suisse will per 2025 aussteigen und dabei auf Bruderhahn-Mast sowie Zweinutzungshühner setzen, Gallo Suisse bevorzugt die Geschlechtsbestimmung im Ei am 9. Bruttag.Ob dieser Ausstieg zeitgerecht gelingt, ist offen. Gemäss Magnus Döbeli sind nicht nur die Geräte für die In-Ovo-Geschlechtsbestimmung aus Holland mit Beschaffungskosten von rund 1 Mio Fr. sehr teuer, sondern es werden zusätzlich für jedes Küken Lizenzgebühren fällig. Zudem ist unklar, ob der 9. Tag gesellschaftlich Akzeptanz findet, weil es Studien gibt, welche bereits ab dem 6. Tag Schmerzempfinden des Embryos festgestellt haben.

«Der Chef traut mir»

Soo Hyun Lee scheint sehr zufrieden mit seinem Arbeitgeber: «Der Chef traut mir und er mag meine junge Power», übersetzt er uns seine Gefühle, «ich möchte ihm danke sagen, wie er mir traut und warmherzig ist». Magnus Döbeli scheint die überschwängliche Zuneigung fast ein wenig peinlich zu sein. Aber die Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit. Herr Lee sei natürlich sehr wichtig für Animalco. «Wir sind auf ihn angewiesen», sagt er. Zwar gebe es auch zwei Mitarbeitende aus der Schweiz, welche die Sortierarbeit übernehmen könnten, aber der Südkoreaner sei doppelt so schnell. Deshalb habe er mit ihm einen Exklusivvertrag abgeschlossen und bezahlt ihm einen Deutschkurs.

Der Südkoreaner Soo Hyun Lee sortiert Küken in schwindelerregendem Tempo
«Für diese Sortierarbeit braucht es Fokus und konstantes Tempo», sagt Magnus Döbeli, Geschäftsleiter der Brüterei Animalco.

Nicht immer sind die Arbeitsverhältnisse für die asiatischen Sortierer(innen) derart komfortabel. Magnus Döbeli spricht von teilweise sklavenähnlichen Verhältnissen. Auch Soo Hyun Lee sammelte verschiedene unangenehme Erfahrungen – teilweise auch mit älteren Landsleuten – in seinen vorherigen Jobs in Deutschland, wie er uns erklärt. Hier sei er aber sehr zufrieden, sagt er und strahlt übers ganze Gesicht. «Kein Stress und viel Freizeit», bilanziert er. Diese Aussage erstaunt einigermassen, wenn man sieht, in welchem Tempo er Küken sortiert. Ganz spurlos gehe die Arbeit aber doch nicht an ihm vorbei. Er habe manchmal Rückenprobleme, so der junge Südkoreaner. Doch Yoga und Massage sorgten für die nötige Entspannung.

Arbeitsplatz nicht gefährdet

Abschliessend drängt sich die Frage auf, ob der Arbeitsplatz des Sortierers durch die geplante Abschaffung des Kükentötens gefährdet sei. Magnus Döbeli winkt energisch ab. Die Geschlechtsbestimmung im Ei sei noch nicht genug zuverlässig. 6-7 Prozent der Tiere würden falsch bestimmt. «Das können wir unseren Kunden nicht zumuten», so der Animalco-Chef, «deshalb werden wir nachsortieren». Zudem gelte es für Bio weiterhin Männchen und Weibchen zu unterscheiden, es gibt also Entwarnung für Soo Hyun Lee.

Weitere Informationen: www.animalco.ch

Eine von zwei Brütereien

Die Animalco im aargauischen Staufen ist eine von zwei Legehennen-Brütereien im Land. Sie teilt sich den Markt mit der Prodavi im Verhältnis von 48 zu 52 %. Beide Firmen betreiben je auch eine Biobrüterei. Die Firma Lohmann, Lieferantin der Genetik, hält 50 % der Animalco-Aktien, weitere Eigentümer sind die Firmen Burgener, GZH und Wüthrich, welche die grössten Kükenabnehmer sind. Sie betreiben selber Aufzuchtbetriebe und vermitteln diese weiter. Die Bruteier stammen aus Schweizer Betrieben. Die Elterntiere werden aus Deutschland importiert. Der Schweizer Markt benötigt jährlich rund3 Mio Junghennen. Die Brütereien für Mastpoulets sind im Besitz des Detailhandels und einiger kleinerer Player.