«Ich finde es enorm wichtig, dass das Schwein selbst bestimmen kann», sagt Christoph Becker. Der Landwirt führt seinen Betrieb mit 1000 Mastplätzen im norddeutschen Reddingen «innovativ konventionell». Mit den Grundbedürfnissen und dem natürlichen Verhalten des Schweines im Hinterkopf arbeitet Becker daran, seinen Tieren mehr Handlungsspielraum im Stall zu verschaffen. Er betrachtet seine Schweine nicht als grosses Ganzes, sondern als einzelne Individuen.

Buzzern für mehr Tierwohl

Christoph Becker erklärt: «Während ein Tier vielleicht bereits bei 15 Grad das Bedürfnis nach einer Abkühlung hat, fühlt sich dagegen ein anderes bei 25 Grad immer noch nicht bereit für eine Dusche». Die Tiere wüssten selbst am besten, wann sie es kühler mögen, berichtet Becker. Um seinen Tieren dies zu ermöglichen, beginnt er in seiner Werkstatt zu tüfteln und entwickelt den «Schweinebuzzer».

Wühlbewegung wird genutzt

Dieser kann von den Schweinen aktiviert werden, indem sie mit dem Rüssel einen Pfahl nach oben schieben. Eine arttypische Bewegung, die die Schweine auch beim Wühlen gebrauchen, und die somit zum natürlichen Bewegungsrepertoire gehört. Hoch gedrückt betätigt der Pfahl einen Knopf und die Dusche beginnt zu laufen. Die Schweine haben so die Möglichkeit, sich einzeln auf Knopfdruck abzukühlen. Der Buzzer ist komplett mit Edelstahl verkleidet, um die elektrische Technik vor Nässe und neugierigen Schweinenasen zu schützen.

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Christoph Becker ist überzeugt: Schweine müssen selbstständig Entscheidungen treffen können, die effektiv Stress reduzieren und Grundbedürfnisse decken. Dies sei in den meisten konventionellen deutschen Ställen nicht mal ansatzweise der Fall, so der Landwirt. In der Schweiz sieht dies etwas anders aus: Schweine müssen sich jederzeit mit Raufutter beschäftigen können, um ihren Wühltrieb zu befriedigen. Landwirte in Deutschland sind hingegen nicht dazu verpflichtet, ihren Schweinen organisches Wühl­material zur Verfügung zu stellen. «Schweine müssen wühlen können», sagt Becker. In seinem Betrieb geht er darum, trotz konventioneller Haltung, eher unkonventionelle Wege und hält seine Schweine auf Stroh. Auch der Ringelschwanz, den seine Tiere behalten können, ist für einen konventionell geführten deutschen Stall ungewöhnlich.

Balance auf dem Mittelweg

Den Stall hat Christoph Becker von seinen Eltern übernommen. Schon in seiner Kindheit ging es in der Familie viel um die Balance zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit. Gedanken darüber, wie sich die Schweine naturgemäss verhalten und wie man dieses Wissen in die Haltung integrieren könnte, beschäftigten bereits Beckers Mutter. Der Gegenpol war der Vater, der stets darauf achtete, dass bei allen Anpassungen hin zu mehr Tierwohl auch die Wirtschaftlichkeit nicht in den Hintergrund trat. Auch Sohn Christoph Becker versucht heute, auf diesem Mittelweg die Balance zu halten. «Natürlich wären meine Schweine auf der Wiese glücklicher, aber dann wäre sie halt hin», stellt er klar. Seine Tiere haben dafür einen Aussenklimabereich und behalten ihren Ringelschwanz. Der Landwirt zeigtdamit, dass auch ein konventioneller Stall besser an die Bedürfnisse des Tieres angepasst werden kann.

Modelltier Wildschwein

Was Christoph Becker auszeichnet ist, dass er seine Tiere genau beobachtet. Das beobachtete Verhalten setzt er dann mit dem ihres wilden Gegenparts in Beziehung. «Wildschweine und Hausschweine sind sich in ihrem Verhalten sehr ähnlich», berichtet Becker. Dies konnte er beobachten, als er den Schweinebuzzer mit der Duschanlage montierte. Die Tiere betätigten zwar den Buzzer, aber anstatt dann zu duschen, traten sie beiseite und tranken das Wasser vom Boden.

Innovative Tüftelei im Stall

Zunächst gab dieses Verhalten Rätsel auf. Bei genauerem Überlegen wurde jedoch klar: Seine Schwein sind, so wie ihre wilden Verwandten, Saugtrinker und trinken am liebsten vom Boden. Diese Beobachtung veranlasste Becker dazu, den Schweinebuzzer weiterzuentwickeln. Durch das betätigen des Buzzers können seine Tiere nun nicht nur eine Dusche, sondern auch eine Beckentränke betätigen die Wasser durch einen Schlauch in eine flache Schale am Boden leitet. Daraus trinken die Tiere sehr gerne.

Die Natur des Schweines

Weil in seinem Stall auch W-Lan vorhanden ist, kann der Landwirt die Wassermenge pro Buzzer-Betätigung per App regulieren. Mit dem Schweinebuzzer ist es den Tieren ebenfalls möglich, einen Futterverteilautomaten zu betätigen oder Türen zu öffnen. «Ställe wurden einfach viel zu lange für Menschen gebaut. Es wird Zeit, dass wir dabei mehr an die Natur des Schweins denken», so Becker. Für seinen Einsatz für mehr Selbstbestimmtheit im Schweinestall und die Entwicklung des Schweinebuzzers wurde er 2020 mit dem deutschen Innovationspreis Tierwohl ausgezeichnet.