Auf dem Walser-Hof im thurgauischen Roggwil sind die Knospen an den Aprikosenbäumen bereits angeschwollen. «Sollte das Wetter in den nächsten Tagen schön werden, dauert es nicht mehr lang, bis sie sich öffnen», sagt Roman Walser. Er und seine Frau Claudia vermarkten neben Aprikosen auch Äpfel, Kirschen, Zwetschgen, Pflaumen, Pfirsich und Nektarinen direkt ab Hof. Für frühe Aprikosensorten hat sich das Betriebsleiterehepaar entschieden, weil die Nachfrage zum Erntezeitpunkt bereits gross ist und die Ernte nicht mit der von anderen Früchten zusammenfällt. Insgesamt wird Tafelobst auf einem Hektar produziert, davon 10 Are Aprikosen.
Junge Früchte müssen geschützt werden
Wie jedes Jahr könnte Spätfrost wieder ein Thema werden. Roman Walser verfolge daher ganz genau die Wetterprognose von SRF Meteo. «Für Knospen und Blüten ist Frost nicht so schwerwiegend. Sie kommen ganz gut mit Minustemperaturen zurecht. Nach dem Abblühen müssen wir junge Früchte hingegen vor Frost schützen. Sonst haben wir als Direktvermarkter kein Einkommen», berichtet der gelernte Landschaftsgärtner. Für Kirschen, Äpfel, Pfirsich und Nektarinen wäre Frost bisher kein Problem gewesen. In kritischen Situationen setzen Walsers in der Regel Paraffinkerzen in Kombination mit Regenschutzfolien ein. Im nächsten Jahr sollen Tunnel die Aprikosen vor Frost schützen.
Paraffinkerzen sind effizient, aber teuer
Paraffinkerzen kommen im Obstbau relativ häufig zum Einsatz. Sie sind effizient in Kombination mit Regenschutzfolien, welche vor Wind schützen und demzufolge vor einem Abtransport der produzierten Wärme. Neben den möglichen Frostschutzmassnahmen wie Überkronenberegnung, mobile Windmaschinen und Wärmegebläse gehören Paraffinkerzen allerdings zur teuersten Variante. «Vergangenes Jahr haben wir für 10 Are ½ Palette einsetzen müssen – alle 5 Meter eine Kerze – das sind etwa 1000 Franken», sagt Roman Walser.
Wenn man die Temperatur genau beobachte, das Anzünden so lange wie möglich hinauszögere und die Kerzen nach Erreichen der 0-Gradgrenze ablöscht, dann könne man diese auch ein zweites Mal verwenden – Paraffinkerzen brennen etwa neun Stunden lang. Dennoch, «trotz schöner Ernte fehlen 1000 Franken im Portmonee».
Deshalb werde der Einsatz auch so weit wie möglich hinausgezögert. «Es können noch einige Frostnächte kommen. Wenn ich bereits in der Blüte anfange Kerzen aufzustellen, dann sind für uns die Investitionskosten einfach zu gross», stellt Walser fest. Er ist überzeugt, das heikelste Stadium sind die jungen Früchte, «während der Blüte sind sie hingegen wie eingepackt».
Sind Holzpellets eine Alternative?
Im extremen Frostjahr 2019 machte Roman Walser mit Holzpellets Erfahrung, gezwungenermassen. Denn alle Paraffinkerzen waren ausverkauft. Eine E-Mail machte ihn auf Holzpellets aufmerksam, die er in leere Kübel der Paraffinkerzen füllte. Holzpellets wären für Walser jedoch eine Ausnahme gewesen. «Sie funktionieren zwar, man muss allerdings gut vorbereitet sein. Die Kübel sollte man bereits am Abend füllen, aber erst kurz vor dem Anzünden rausstellen, da sie sonst nicht brennen wegen der Feuchtigkeit», berichtet der Obstbauer von seiner Erfahrung.
Trotz günstigem Anschaffungspreis von 1,50 Franken pro Kübel sei die Brenndauer von etwa 1,5 Stunden ein Haken: «Bei Morgenfrost wäre es sicher eine Lösung. Fallen die Temperaturen aber schon am Abend oder in der Nacht, dann muss man immer dran sein, die Kübel nachzufüllen oder neue in die Anlage zu stellen.» Denn bevor man den Kübel wieder befüllen kann, muss dieser erst abkühlen und von der Asche befreit werden. Bei hoher Anzahl der Kübel bezweifelt Walser, dass diese Frostschutzmöglichkeit günstiger ausfallen würde als der Einsatz von Paraffinkerzen. Er ist aufgrund des hohen Aufwands von dieser Lösung abgekommen. «Nach ein paar Nächten ist man einfach erledigt. Dabei ist es nicht der Schlafmangel, eher der ganze Stress, ob man es schafft, die Früchte zu retten.»
Ein Überblick der Massnahmen mit Kostenaufstellung: hier.
Mit Tunnel und Wärme Aprikosen schützen
Ab nächstem Jahr werden auf dem Walser-Hof deshalb Tunnel die Aprikosen vor Frost schützen. In Deutschland habe man damit schon gute Erfahrungen gemacht und auch hier in der Schweiz gebe es einen Versuchsbetrieb, sagt Walser. «Wir werden einen Tunnel bereits diesen Sommer installieren. Neben dem Kälteschutz erhoffen wir damit, auch den Pflanzenschutz auf Null herunterfahren zu können.»

«Mit Tunnel erübrigt sich die Frage: Wann ist der beste Zeitpunkt für Frostschutz?»
Roman Walser
Der Tunnel wird 8,5 m breit und 50 m lang sein. Darin finden drei Reihen Aprikosen Platz. Die Investitionskosten seien am Anfang zwar hoch, aber nichts im Vergleich zu den jährlichen Kosten für Paraffinkerzen. Walser plant in den nächsten Jahren insgesamt drei Tunnel für den Aprikosenanbau, welche eine Gasheizkanone aufheizen soll.
Die Temperatur wird mit einem Thermostat im Tunnel kontinuierlich überprüft. Sobald diese unter 0°C fällt, leitet ein Schlauch die Wärme in den Tunnel. Werden 5°C erreicht, wird die Heizung wieder heruntergefahren. «Das System arbeitet dann praktisch autonom und wir haben keine schlaflosen Nächte mehr», blickt Roman Walser voller Hoffnung in die Zukunft. Die Frage: «Ist jetzt der beste Zeitpunkt, meine Kulturen zu schützen, oder nicht?», würde sich dann erübrigen. So auch der damit verbundene hohe Aufwand und die hohen Investitionen.
Nachgefragt bei David Szalatnay
[IMG 3] David Szalatnay, ab welcher Temperatur wird es jeweils für Knospen, Blüten und junge Früchte kritisch?David Szalatnay: Grundsätzlich rauben während der Obstblüte bereits Temperaturen unter 0°C vielen Obstbäuerinnen und Obstbauern den Schlaf. Mit nennenswerten Schäden ist zu rechnen, wenn die Pflanzenorgane eine Temperatur von zirka -2°C unterschreiten. Dabei sind Blüten und junge Früchte am empfindlichsten. Im Moment sind die Obstbäume im Freiland jedoch noch nicht so weit und ertragen darum auch noch tiefere Temperaturen schadlos. Welche Obstkulturen wären bei einem Temperaturabsturz jetzt am meisten gefährdet? Grundsätzlich wären jetzt Obstbäume gefährdet, die bereits blühen. Dies sind im Moment Aprikosenbäume an Hauswänden oder bereits blühende Bäume im Folientunnel. Die jetzigen Wetterprognosen zeigen in den kommenden Tagen zum Glück kaum Frostereignisse an. Auch gemäss der 14-Tagesprognose scheint sich punktuell höchstens eine leichte Frostgefahr abzuzeichnen. Mit den prognostizierten warmen Temperaturen und den Niederschlägen ist aber zu erwarten, dass die Vegetation nun rasch voranschreitet. In welchem Stadium empfehlen Sie dann unbedingt Frostschutzmassnahmen durchzuführen? Ob ein Betrieb Massnahmen trifft oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab. Ist eine Überkronenberegnung zur Frostbekämpfung auf dem Betrieb eingerichtet, ist es logisch, dass diese bei Frostereignissen auch genutzt wird, da die Kosten für den Betrieb pro Frostnacht verhältnismässig gering sind. Bei teuren Massnahmen wie dem Einsatz von Frostkerzen muss man neutral betrachtet aber feststellen, dass sich der Einsatz nur bei Kulturen lohnt, bei welchen ein hoher finanzieller Ertrag erzielt werden kann. Solche Kulturen sind beispielsweise Kirschen- oder Aprikosenanlagen. Massnahmen werden vor allem während der Obstblüte und kurz danach empfohlen. Frostkerzen sind relativ kostenintensiv. Können diese auch kostengünstig selbst hergestellt werden? Ich habe Zweifel, ob es möglich ist eine kostengünstige Frostkerze mit vergleichbarer Brenndauer selbst herzustellen, wenn man eine Vollkostenrechnung macht. Sogar, wenn es möglich wäre, den Preis einer Frostkerze zu halbieren, so wäre die Frostkerze immer noch eine teure Variante der Frostbekämpfung. Welche Massnahme ist die kostengünstigste, aber auch effizient? Ob Frostbekämpfungsmassnahmen wirken können, hängt stark von der Art des Frostes ab. Dabei muss zwischen dem Strahlungsfrost und dem Advektionsfrost unterschieden werden. Bei Strahlungsfrost sinkt kalte Luft ab und bildet über dem Boden einen «Kältesee». Über dieser kalten Luftschicht ist aber noch warme Luft vorhanden. Im Gegensatz dazu wird beim Advektionsfrost kalte Polarluft durch Wind in unsere Region transportiert. Dann sind alle Luftschichten kalt, weshalb solche Frostereignisse in ungedeckten Anlagen praktisch nicht bekämpfbar sind. Am meisten Energie setzt die Frostberegnung frei, weshalb diese Bekämpfung bei Kernobst langfristig gesehen die günstigste und beste Art der Bekämpfung ist. Frostkerzen wirken nur bei Strahlungsfrost gut, wenn die senkrecht aufsteigende Wärme dazu führt, dass sich die kalte Luft im «Kältesee» mit der warmen Luft darüber vermischt. Roman Walser wird im nächsten Jahr seine Aprikosen im Tunnel und mit einem Gasheizgebläse vor Frost schützen. Sieht so die Zukunft des Obstbaus aus? Die Obstanbaufläche in der Schweiz beträgt etwas über 6000 ha. Auch künftig wird in der Schweiz der Obstbau bis auf wenige Ausnahmen im Freiland stattfinden, weshalb die Zukunft des Obstbaus in der Schweiz auch künftig ähnlich aussehen wird wie heute. Wir stellen aber seit dem verheerenden Frostjahr 2017 fest, dass viele Betriebe, welche die Möglichkeit haben Infrastruktur für die Frostbekämpfung einzurichten, dies auch getan haben. Dazu gehören auch Heizoptionen für einen Tunnel.

