Auf Einladung von Bio Luzern sprach Simon Jöhr in Urswil LU zum Thema «Lebendiger Boden». Er nannte einleitend eine beunruhigende Zahl: Weltweit gehen jedes Jahr 24 Milliarden Tonnen Erde durch Erosion verloren. Die Folgerung: «Ohne lebendigen Boden können wir die Menschheit langfristig nicht mehr ernähren.» Es sei unverzichtbar, das Wissen um die Bodenfruchtbarkeit zu vertiefen und die Erfahrungen von Generation zu Generation weiterzugeben. «Das ist leider viel zu wenig der Fall. Es geht vor allem darum, die Jungen für das Thema zu sensibilisieren.»
Ein fragiles Gleichgewicht
Boden, Bodenlebewesen, Pilze, Bakterien und Pflanzen bilden eine komplexe Symbiose. Sie gerät bei unsachgemässer Bewirtschaftung leicht aus dem Gleichgewicht. Als Hofdünger habe sich in den vergangenen Jahrzehnten voll und ganz Gülle durchgesetzt – «zum Leidwesen des Bodens», wie Jöhr betont. «Wir müssen den Boden als Lebewesen wahrnehmen, das nicht nur flüssige Nahrung braucht.» Viele Böden in der Schweiz seien regelrecht am Verhungern. Beim Zusammenspiel von Boden und Pflanzen stehe das Gleichgewicht im Zentrum, die optimale Balance. Nur wenn das zutreffe, könnten unsere Böden unabhängig von äusseren Bedingungen bestehen. Und nur dann könnten wir langfristig die Erträge sichern.
Der Referent rät den Bauern, ihre Böden regelmässig zu begutachten. Dazu brauche es lediglich einen Spaten und eine Bodensonde. Klares Indiz für einen gesunden Boden ist eine krümelige, runde Struktur. Wenn der Humusgehalt unter 5 Prozent liegt, empfiehlt er eine detaillierte analytische Bodenuntersuchung. Die daraus abgeleiteten Düngungsempfehlungen inklusive Priorisierung bewirken eine rasche Verbesserung. Generell gilt: Der Boden sollte immer bedeckt oder bewachsen sein.
Der Boden investiert
Weitere Hinweise auf die Bodenbeschaffenheit geben die Wurzeln der Pflanzen. Wenn ihnen Erdkrümel anhaften, sind Bakterien und Pilze angesiedelt – eine Voraussetzung für die wichtige Interaktion zwischen Pflanze und Bodenleben. «Im Jugendstadium ist diese Interaktion enorm intensiv. In dieser Phase füttert die Pflanze das Bodenleben mit bis zu 70 Prozent der Assimilate, sie bringt den Boden richtig in Schuss.» Im generativen Wachstum fordere sie diese «Investition» dann wieder zurück. Das sei etwa bei der Gründüngung zu berücksichtigen; sie sollte vor der Blüte in den Boden eingearbeitet werden. Auf die Bedeutung der Gründüngung wies Jöhr mehrfach hin. Sie bewirkt eine intensive Durchwurzelung, fördert die Bodenlebewesen und stabilisiert so die Bodenstruktur insgesamt. Um alle Aspekte im Boden anzusprechen, empfiehlt er möglichst viele (mindestens drei) verschiedene Mischungspartner. Beim Einarbeiten mit rotierenden Geräten sei darauf zu achten, dass keine Schmierschicht entstehe.
Den Stoffwechselprozess regt auch Komposttee an. Er stimuliert nicht nur die Pflanzen zur Assimilierung, sondern wirkt sich bis zu den Wurzeln aus. «Um die Wurzeln der damit behandelten Pflanzen ist der Boden stets krümeliger.» Beim Ansetzen müsse jeder seinen eigenen Weg finden. «Komposttee ist ein Frischprodukt. Nach dem Anrühren dauert es 24 Stunden, bis der Tee fertig ist. Danach muss er innerhalb von vier Stunden appliziert werden. Das bedeutet leider für viele ein Hindernis.»
Vom Bekämpfungsmodus in den Unterstützungsmodus
Letztlich gehe es darum, nicht nur die Böden, sondern das ganze Ökosystem zu regenerieren, resümierte Jöhr. Dann bekomme man auch die Schädlinge in den Griff. «Das Zauberwort für ein stabiles System heisst Vielfalt. Wir müssen vom Bekämpfungsmodus in den Unterstützungsmodus wechseln. Das ist der Schlüssel dafür, das Verhalten zu ändern.»
Simon Jöhr ist Gemüsebauer, Agronom und landwirtschaftlicher Berater mit Spezialgebiet Bodenfruchtbarkeit. Er gehört dem Vorstand von Bio Bern an. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich mit den Methoden der regenerativen Landwirtschaft. Dabei lässt er es nicht bei der Theorie bewenden, sondern erprobt sie selber auf einer kleinen Fläche in der Praxis. Viel Erfahrung sammelt er zudem bei den zahlreichen Betriebsbesuchen. Hier sieht er, vor allem bei den Hauptnährstoffen (N, P, K, Ca, Mg), mehr Probleme mit Überschüssen als mit Mängeln. Bei den Spurenelementen ist häufig das Gegenteil der Fall.

