Unscheinbar liegt der preisgekrönte Acker im Novembergrau. In Reih und Glied spriesst das Wintergetreide, im Hintergrund signalisiert ein Naturschutzgebiet-Logo den Eingang zur stillgelegten, an den Acker angrenzenden Kiesgrube. Von der sommerlichen Buntheit ist nichts zu sehen. Nur beim sehr genauen Hinschauen erkennen botanisch Bewanderte, dass der Ackersaum, welcher den nur 40 Aren kleinen Acker auf allen vier Seiten umgibt, vielfältiger bewachsen ist als andere. Vertrocknete Kornblumenstängel ragen empor, Rosetten von Wiesenknopf, Schafgarbe und Flockenblumen sind bereits in den Startlöchern, um nächstes Jahr zu erblühen.

Im Kantonsbesitz, bewirtschaftet von der Familie Bachmann

In Sichtweite liegt der Wydhof der Bauernhof der Familie Bachmann. An dessen Küchentisch sitzen Vater Ernst und Tochter Tanja und erzählen, wie ihr Acker zu dieser Auszeichnung gekommen ist. «Wir waren schon ziemlich überrascht, als es hiess, wir hätten gewonnen. Dass der Acker so besonders ist, haben wir nicht erwartet», sagt Ernst Bachmann. Er hat mit der Pensionierung den Betrieb Anfang dieses Jahres an Tanja übergeben, ist aber noch immer eine wichtige Stütze auf dem konventionellen Milch- und Ackerbaubetrieb und begleitet den besonderen Acker von Anfang an.

Seit einer Melioration im Flaacherfeld, bei der Naturschutzflächen ausgeschieden wurden, gehört der Acker nicht mehr der Familie, sondern dem Kanton. Bachmanns bewirtschaften ihn weiter, aber unter strengeren Auflagen. So darf er nur eingeschränkt und nur mit Hofdünger gedüngt werden. Spritzmittel sind verboten. Die Fruchtfolge ist getreidebetont, wobei die Saatgutmenge reduziert wird und die Stoppelbrache bis zur Saatbettvorbereitung der Folgekultur stehen bleibt. Die mechanische Bodenbearbeitung nach der Saat ist nicht zulässig. Damit konkurrenzstarke Pflanzen wie Blacke und Distel in diesem lichten Acker nicht Überhand nehmen, werden sie von Hand gejätet. «Ja, es ist aufwändig und der Ertrag ist geringer. Aber der Boden hier ist sowieso eher mager, sandig und wenig tiefgründig. Und wir werden ja dafür entschädigt», sagt der Altbauer. Mit dem Sieg der Ackerflora-Meisterschaft 2025 kommt eine einmalige Prämie von 2000 Franken zu den Entschädigungen hinzu.

Eine seltene, schöne und nützliche Art

Im Sommer setzen die klassischen Ackerbegleiter Kornblume und Klatschmohn mit ihrem Blau bzw. Rot farbliche Akzente im Feld. Ganz besonders fällt aber jeweils auch der violette Teppich aus Venus-Frauenspiegel auf. Der Bestand von Legousia speculum-veneris wird als verletzlich eingestuft. In vier Kantonen ist er gar geschützt. «Es gibt nicht viele violett blühende Arten auf unseren Äckern. Deshalb ist der Venus-Frauenspiegel besonders interessant, da möglichst viele Blütenfarben unterschiedliche Insekten anziehen», so Tanja Bachmann, die in einem 40-Prozent-Pensum an der Landwirtschaftlichen Schule Pflanzenbau unterrichtet. Und trotzdem: «Viele der Arten hier kannte ich vorher nicht», sagt sie und zeigt einen Fächer, mit mehr als 50 beschriebenen Arten, die der Verein Hot Spots zur Sensibilisierung für die Ackerflora entwickelt hat. Mohn und Kornblumen wachsen hier schon lange, andere hat Ernst Bachmann in Absprache mit dem Kanton gezielt eingesät.

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«Eine gute Sache, die ich weiter fördern werde»

Vom prämierten Acker ausgehend haben sich auch in den umliegenden Feldern wieder mehr Blumen angesiedelt, die Tanja mithilfe des Fächers bestimmen kann. Einige Samen verbreiten sich mit dem Wind, andere wie z.B. der Acker-Hahnenfuss haften im Fell von Tieren. Kleinsamige Arten wie der Klatschmohn gelangen via Stroh in den Kuhstall und von dort als Mist wieder aufs Feld und werden so verteilt.

Ranken-Platterbse, Venuskamm, Ackersenf oder Acker-Rittersporn sind alles Arten, die schon seit bei uns Ackerbau betrieben wird, also seit der Jungsteinzeit, immer auf Getreidefeldern wuchsen. Sie sind auf diesen Lebensraum angewiesen und könnten in einem klassischen Naturschutzgebiet, das kaum bearbeitet wird, nicht überleben. Die intensive Landwirtschaft bedeutet jedoch gleichermassen ihr Verschwinden. «Für eine möglichst intakte Biodiversität sind vielfältige Pflanzen, die Nahrung für zahlreiche Insekten bieten, zentral», erklärt Jessica Käser, Leiterin des Projektes «Förderung seltener Ackerbegleitpflanzen auf Extensiv-Äckern»  im Auftrag von Hot Spots. «Und die Insekten wiederum bestäuben auch unsere Nutzpflanzen. Man geht von einem jährlichen Nutzwert der Bestäubungsleistungen zwischen 205 und 479 Millionen Franken aus, den die Insekten in der Schweiz leisten.»

Tanja Bachmann sagt denn auch: «Ich sehe den Nutzen durchaus von solchen Strukturen zur Förderung der Biodiversität. Und irgendwo müssen sie ja sein. Von daher finde ich das eine gute Sache, die ich sicher weiter fördern werde.» Der Gewinn des diesjährigen Ackerflorapreises motiviert zusätzlich.