Der Zustand der Biodiversität in der Schweiz ist unbefriedigend. Die biologische Vielfalt hat seit 1900 deutlich abgenommen. Die bisherigen Instrumente und Massnahmen seien zwar teilweise erfolgreich, aber längst nicht ausreichend, sagen Wissenschaft und Verwaltung. Der Verlust an Lebensräumen und Artenvielfalt sowie die Verschlechterung der Lebensraumqualität konnte bislang nicht gestoppt werden. Und dieser ungenügende Zustand betrifft alle Ebenen der Biodiversität: die Lebensräume, die Arten und die genetische Vielfalt. Fast die Hälfte der Lebensraumtypen und ein Drittel der Arten sind bedroht. Während bei den Kulturpflanzen und Nutztierrassen die Verluste an genetischer Vielfalt gestoppt werden konnten, geht bei vielen wild lebenden Arten die genetische Vielfalt weiterhin zurück. Eine ernüchternde Tatsache. Insbesondere dann, wenn man die Bemühungen der Landwirtschaft genauer betrachtet.

BLW sagt: «Zunehmende Mechanisierung ist schuld»

«Die Biodiversität ist die Vielfalt des Lebens. Sie ermöglicht viele Ökosystemleistungen, beispielsweise die Bestäubung, die natürliche Schädlingsregulierung oder die Bereitstellung von Erholungsraum, von denen die ganze Gesellschaft profitiert», schreibt das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Im Laufe der Jahre seien viele der für die Biodiversität wertvollen Lebensräume in der Landwirtschaft verschwunden. Gründe dafür sieht das BLW unter anderem in der zunehmenden Mechanisierung und der Intensivierung der Landnutzung. Um dem entgegenzuwirken, hat der Bund die Biodiversitätsbeiträge geschaffen, die Landwirtinnen und Landwirte für die angepasste Nutzung ihrer Flächen finanziell entschädigen. Es werden zwei Typen von Beiträgen ausgerichtet.

  • Qualität: Die Biodiversitätsförderflächen (BFF) werden mit Beiträgen für die Qualität (zwei Qualitätsstufen QI und QII) gefördert. Die Qualitätsbeiträge werden vollständig durch den Bund finanziert.
  • Vernetzung: Bei den Vernetzungsbeiträgen übernimmt der Bund maximal 90 %; die Restfinanzierung wird durch die Kantone, Gemeinden oder private Trägerschaften sichergestellt.

Über alle Zonen (Tal- bis Bergzone IV) hinweg betrug der durchschnittliche Anteil BFF an der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Jahr 2019 18,8 %, wie dem Agrarbericht zu entnehmen ist. Insgesamt wurden im gleichen Jahr rund 418 Millionen Franken Biodiversitätsbeiträge im Rahmen von Direktzahlungen ausgerichtet. Das entspricht 15 % der gesamten Direktzahlungen und bedeutet eine Steigerung von 1,6 % gegenüber dem Vorjahr.

Die Agrarpolitik ist mitschuldig

Was sind die Gründe, dass trotz dieser Bemühungen der Landwirtschaft die Artenvielfalt weiterhin abnimmt? Wir haben bei Hans Ramseier, Dozent für Pflanzenschutz und ökologischen Ausgleich an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL), nachgefragt. «Dafür gibt es verschiedene Gründe», sagt er. Einerseits seien sicherlich die «falschen Flächen» aus-geschieden worden, erklärt Ramseier und weist darauf hin, dass die Qualität an schattigen Standorten und Nordhängen kaum erreicht werden könne. Was aber auch eine entscheidende Rolle spiele, sei die Agrarpolitik. «Die Beiträge für wenig intensive Flächen hat zugunsten der extensiven Flächen mehrmals abgenommen», sagt Ramseier. Das hatte zur Folge, dass die Landwirte ihre wenig intensiven Flächen, die regelmässig mit Mist gedüngt wurden, extensiviert hätten, um dadurch höhere Beiträge zu erzielen. «Flächen, die vielfältig waren, wurden nicht mehr gedüngt und haben dadurch an Qualität eingebüsst», weiss Ramseier.

Auf diesen Flächen, die zwar mager waren, fehlten irgendwann die Zeigerpflanzen. Und später auch der Samenvorrat. Die Flächen nahmen insgesamt zwar zu, aber die Qualität vieler dieser Flächen ist ungenügend. Manchmal habe es an der Beratung gefehlt, welche schliesslich auf kantonaler Ebene vollzogen werde oder es fehlten schlicht die Ressourcen für eine angemessene Beratung. So hätten auch vielerorts Ansaaten nicht funktioniert. «Der Bauer trägt 1800 Franken Kosten für 1 ha handelsübliches Saatgut und noch die Anlagekosten, und das Ganze ist mit einigen Risiken behaftet. Wenn das gewünschte Resultat nicht erreicht wird, setzt er das einfach in den Sand», weiss Ramseier.

Qualitative Ziele nicht erreicht

Diese Beiträge haben demnach ihr Ziel nur teilweise erfüllt. Auf die Frage, was die Gründe für diese Umlagerung von den wenig intensiven Wiesen zu den extensiven Wiesen seien, erklärt das BLW, dass die quantitativen Ziele der AP 2014 /17 (65 000 ha BFF im Talgebiet) erreicht worden seien, die qualitativen (40 % davon QII) aber noch nicht. «Deshalb wurden auf 2016 und auf 2018 die Beiträge für die beiden Wiesentypen angepasst: Die QI-Beiträge wurden um 10 % (maximal auf den halben Versorgungssicherheitsbeitrag) gesenkt. Die auf Qualitätsstufe I gekürzten Beiträge wurden auf die entsprechenden Beiträge der Qualitätsstufe II übertragen. Damit wurde ein Anreiz gegeben, um die Qualitätsziele zu erreichen», heisst es beim BLW.

Flächen haben stark zugenommen

Die Anzahl Hektaren extensiv genutzter Flächen stieg von 2000 bis 2014 stark an. Danach flachte die Kurve etwas ab. Der gegenteilige Trend zeigte sich bei den wenig intensiv genutzten Wiesen. «Diese Entwicklung ist nicht unbedingt gewünscht», bilanziert das BLW. Denn die wenig intensiv genutzte Wiese, wie die artenreichen Fromental- und Goldhaferwiesen, die früher weit verbreitet und der wohl wichtigste Futterbautyp waren, sei für die Biodiversität sehr wertvoll. «Auf der anderen Seite eignet sich nicht jede Wiese an jedem Standort für die Extensivierung. Wir wissen aus dem Monitoringprogramm ALL-EMA, dass nur 13 % der als extensiv genutzte Wiesen angemeldeten Flächen tatsächlich Magerwiesen, und nur 35 % der wenig intensiv genutzten BFF-Wiesen artenreiche Fettwiesen sind», erklärt das Bundesamt weiter. Wichtig wären demnach eine standortangepasste Bewirtschaftung und Anmeldung.

Ein Angleichen angedacht

Um den starken Anreiz zur Extensivierung von qualitativ guten, wenig intensiv genutzten Wiesen zu mildern, wurde im Rahmen der AP 22+ vorgeschlagen, die QII-Ansätze der beiden Wiesentypen anzugleichen. «Mit der Sistierung der AP 22+ kann dies – zumindest im Moment – nicht umgesetzt werden», heisst es beim BLW, und: «Es wird nun diskutiert werden müssen, wie Verbesserungen bei der Biodiversität nach der Sistierung angegangen werden können.»

HAFL sucht Lösungen

Während auf dem politischen Parkett die Lösungsansätze für die Biodiversitätsproblematik derzeit nicht in Griffnähe scheinen, hat die HAFL die Herausforderung schon länger erkannt und forscht seit mehreren Jahren am Einsatz von regionalem Saatgut. Die Resultate zeigen, dass dies ein entscheidender Ansatz in Richtung Verbesserung dieser Wiesen sein dürfte. Hier wird das Saatgut mittels Drusch von Beständen aus der Region gewonnen. Die ersten so angesäten Flächen hätten nun eine Dauer mit stabilen Beständen erreicht, bei denen gesagt werden könne, dass die Methode sich bewähre.

Hans Ramseier erklärt die gemachten Erfahrungen anhand einer extensiven Wiese, die 2015 angesät wurde. Darin wurden Wiesen aus Dreschgut und den beiden handelsüblichen Mischungen Salvia CH-G und Broma verglichen. «Bei der gefundenen Anzahl Zeigerarten unterscheiden sich die Verfahren nicht. Hingegen gibt es einen Unterschied, wenn wir anschauen, wie oft die Zeigerpflanzen vorkommen», ergänzt er. Und da liege die Variante Dreschgut deutlich über den anderen Verfahren. «Das haben wir häufig beobachtet und schliessen daraus, dass wir damit eine sicherere Entwicklung mit Dreschgut haben – also mehr Zeigerpflanzen insgesamt», so Ramseier.