Die Werkstatthalle von Daniel Haffa in Mattwil TG war lange vor Beginn der Veranstaltung gefüllt. Die Teilnehmer(innen) an der Gönnertagung der IG Bauernunternehmen waren aus der ganzen Schweiz angereist. Die IG, bekannt dafür, klare Worte zu finden, sparte auch in Mattwil nicht damit.
Präsident Samuel Guggisberg sagte unter anderem: «Trotz grosser Unterstützung der Bevölkerung bei Abstimmungen und Wahlen steht die Landwirtschaft mit dem Rücken zur Wand.» Er sprach von fachfremden Einschränkungen und betriebsfremden Ansichten der Verwaltung. Ein besonderer Dorn im Auge ist ihm die Beratende Kommission (Beko) des Bundesamts für Landwirtschaft. «Die Beko wurde im Februar 2025, als sie die Stossrichtung der AP 2030+ inklusive Lenkungsabgabe bestimmte, zum Steigbügel der Verwaltung», so Guggisberg.
Nicht Anzahl Kontrollen, sondern Kontrollpunkte reduzieren
Der Aktionsplan Kontrollen, Resultat des runden Tisches von Bundesrat Guy Parmelin zur administrativen Entlastung der Bauernfamilien, sei zwar gut gemeint und in diese Richtung müsse es weiter gehen. Aber das Problem werde nicht an der Wurzel gepackt, weil die Anzahl Kontrollpunkte, Guggisberg sprach von 3200, nicht vermindert werde. Solange jedes neue Projekt statt Mehrwert administrativen Aufwand generiere, sinke der Aufwand bei den Kontrollen nicht.
Vulnerabilität der Wertschöpfungskette
Auch sei die Wertschöpfungskette nicht allzu gut aufgestellt. Sehr anfällig sei insbesondere die systemrelevante, verarbeitende Industrie. Als Beispiel nannte er die Kartoffelverarbeitung, wo im Herbst nicht nur Paloxen, sondern auch Lagerkapazitäten fehlten. Ein weiteres Beispiel: Die Zuckerrüben, wo Ende Jahr beim Werk in Frauenfeld der Kalkofen ausstieg.
CO2-Fussabdruck der Landwirtschaft
Klartext war auch das Motto, als es um das Referat von Jürg Maurer, Leiter Wirtschaftspolitik Migros Genossenschafts-Bund, ging. Maurer stellte die Absichtserklärung «Detailhandel, Landwirtschaft und Verarbeitung für klimafreundliche Landwirtschaft» der IG Detailhandel vor – nicht ohne vorgängig die Landwirtschaft in der Wertschöpfungskette als Klimasünderin Nummer 1 darzustellen.
Das Ziel der IG Detailhandel sei im Jahr 2050 das Netto-Null-Ziel bezüglich Treibhausgasen zu erreichen. Heute würden die sogenannten Flag-Emissionen (Forest, Land und Agriculture) mehr als 50 % des CO2-Fussabdrucks des Migros-Supermarkts verursachen, sagte er. «Das ist kein Vorwurf an die Landwirtschaft, sondern eine Feststellung», fügte Maurer an.
Ein Klimarechner für alle
Wogegen sich Samuel Guggisberg wehrte. Die Landwirtschaft verursache nicht nur Emissionen, sondern binde seit Jahrhunderten in der Kreislaufwirtschaft CO2. Zweiter Angriffspunkt war das weitere Vorgehen der IG Detailhandel, die 2026 angepasste Klimarechner für ÖLN, IP-Suisse und Bio-Knospeproduktion bereitstellen will.
«Es kann nicht sein, dass man für die Schweizer Landwirtschaft seitens Detailhandels verschiedene Klimarechner auf die Beine stellt. «Wenn schon, müssen alle Produktionssysteme, was den CO2-Ausstoss betrifft, über einen Nenner geschlagen werden», sagte Samuel Guggisberg.
Hintergrund ist eine Studie, die die IG Detailhandel in Auftrag gegeben hatte, um auf der Basis vom KlimaStar Milch der BO Milch und des IPS- beziehungsweise Bio-Punktesystems ein einheitliches Klimatool zu finden. Die Studie erarbeitete der renommierte Klimawissenschaftler Richard Sheane aus Grossbritannien. «Resultat der Studie ist, dass sich die drei Tools nicht vereinheitlichen lassen. Beim Punktesystem gibt es Abweichungen bis zu 20% im Vergleich zum Klimastar», sagte Andreas Bürki aus Richigen BE, Vorstandsmitglied der IG Bauernunternehmen.
«Wenn Punktesystem, dann sind wir raus»
«Wenn man das Punktesystem und den Klimastar nicht vereinen kann, wie Richard Sheane festgestellt hatte, dann muss man sich auf eines einigen. Dabei hat der Klimastar Vorrang, weil alle Betriebe damit ihren CO2-Fussabdruck messen können», hielt Andreas Bürki fest. Würde die IG Detailhandel für ÖLN, IP-Suisse und Bio je eigene Klimarechner entwickeln, sodass die Labels besser dastünden, sei das nichts als Augenwischerei, fügte er an und sprach von «Greenwashing». Irgendwann müsse doch allen klar werden, dass ÖLN punkto CO2-Ausstoss pro Kilo und Effizienz besser dastehe als die Labels.
Guggisberg und Bürki verschliessen sich nicht dem Dialog und arbeiten in den Arbeitsgruppen der IG Detailhandel mit. «Solange man uns respektiert und unsere Bedenken berücksichtigt, beteiligen wir uns weiterhin konstruktiv am Erarbeiten einer Klimastrategie der IG Detailhandel», sagte Guggisberg und weiter: «Aber wenn über unsere Köpfe hinweg Entscheide fallen, die nicht der faktenbasierten Grundlage entsprechen, und ein differenziertes Punktesystem herauskommt, sind wir raus und verabschieden uns von der IG Detailhandel.»
Nein zum Rahmenabkommen mit der EU
Ein weiterer Referent der Tagung war Nationalrat Martin Haab. Er warnte vor dem EU-Rahmenvertrag. Mit dem gemeinsamen «Lebensmittelsicherheitsraum» sei die Schweiz gezwungen, EU-Recht zu übernehmen. «Ich will keine Bevormundung von Brüssel aus», schloss Haab.
Vision für eine zukünftige Agrarpolitik
Jürg Haas, Landwirt aus Messen SO, stellte ein Konzept zur Weiterentwicklung der Direktzahlungen vor, dass Nationalrätin Katja Riem, Andreas Bürki und Simon van der Veer aus Sutz-Lattrigen BE im Spätherbst 2025 lancierten. Das jetzige System führe zu einer Entprofessionalisierung der Landwirtschaft, hemme Produktion und Leistung und fördere einseitig die Ökologisierung. Vision für eine künftige Agrarpolitik sei es, die Rahmenbedingungen für vorwärtsstrebende Betriebe zu verbessern. Zu streichen seien die Produktionssystem-, die Ressourceneffizienz- und die Einzelkulturbeiträge. Hingegen solle es einen Effizienzbeitrag pro Tonne verwertbares Erntegut vom Bund geben. «Das ist ein Ansatz, mit dem wir Bauern leben können», sagte Jürg Haas.