Mit der Suisse-Bilanz stellen Schweizer ÖLN-Betrieb sicher, dass sie eine ausgeglichene Nährstoffbilanz für Stickstoff und Phosphor aufweisen. Was an Hof- oder Handelsdünger eingesetzt wird, verrechnet man mit dem Nährstoffbedarf im Pflanzenbau, damit der Düngereinsatz mit dem Bedarf der Pflanzen im Gleichgewicht ist. Wenn die einzelnen Betriebe die Vorgaben der Suisse-Bilanz erfüllen, sollte das auch die Schweiz als Ganzes, sollte man meinen. Eine Studie der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL kommt aber zum Schluss, dass dem beim Stickstoff nicht so ist. Die Gründe dafür sieht man in erster Linie in den selbstdeklarierten Angaben.

Die TS-Erträge sind entscheidend

Um herauszufinden, welche Eingaben in der Suisse Bilanz das Ergebnis am stärksten beeinflussen können, haben die Studienautoren Beat Reidy und Michael Sutter verschiedene Szenarien berechnet. Stark wirke sich die Einteilung von Wiesen und Weiden in extensiv, mittel-intensiv oder intensiv aus, bei der es keine eindeutige Definition gibt. Eine intensive Grasfläche benötigt deutlich mehr Nährstoffe als eine mittel-intensive. Da der Bedarf der intensiven Flächen automatisch berechnet wird, kann man mit tiefen Ertragswerten auf den nicht intensiven Wiesen und Weiden den Nährstoffbedarf in der Suisse-Bilanz erhöhen.

Eine um 7,5 Prozent höhere Milchleistung oder eine Reduk-tion der deklarierten Kraftfuttermenge um 10 Prozent schlugen sich hingegen kaum im Resultat der nationalen Suisse-Bilanznieder.

Mehr produziert, als gefressen wird?

Was heisst dieses Resultat konkret? Die Studie ist hier sehr vorsichtig formuliert. Sinngemäss heisst es, dass einige Betriebe in der Praxis einzelne selbstdeklarierte Parameter der Suisse-Bilanz so verändern dürften, dass ein möglichst hoher Nährstoffbedarf geltend gemacht werden kann. Der zulässige Fehlerbereich von 10 Prozent wird demnach häufig ausgereizt, als Ziellinie gelten nicht 100 Prozent des Pflanzenbaubedarfs, sondern 110 Prozent, die schliesslich noch im Bereich des Legalen liegen.

Nur resultiert die nationale Suisse-Bilanz in verschiedenen Szenarien auf über 110 Prozent , was darauf hindeutet, dass mehr Nährstoffe als erlaubt eingesetzt werden. Hier kommen aber auch rechnerische Probleme ins Spiel und es wird kompliziert.

Für die schweizweite Bilanz wurden die TS-Erträge von Wiesen und Weiden berechnet, basierend auf den Grundlagen für Düngung im Acker- und Futterbau (GRUD) von Agroscope. Die so gewonnen Werte unterscheiden sich ziemlich stark von Zahlen der nationalen Suisse-Bilanz: die modellierten TS-Erträge liegen rund26 Prozent höher, als der Bedarf der Schweizer Raufutterverzehrer gemäss Suisse-Bilanz. Das würde bedeuten, dass jährlich ein Viertel Überschuss an Futter produziert wird – was wenig Sinn macht.

Sinkender Nährstoffbedarf

Die HAFL-Studie untersuchte die Jahre 2002, 2010, 2015 und 2019. In dieser Zeit sank die landwirtschaftliche Nutzfläche und ungedüngte Biodiversitätsförderflächen nahmen zu, was Stickstoff- und Phosphorbedarf reduzierte. Der Anfall aus der Tierhaltung blieb gleich, dank mehr Biogasanlagen gab es zehnmal mehr Vergärungsprodukte. Der Bilanzsaldo für Stickstoff blieb unverändert (114-118 Prozent des Bedarfs). Bis 2010 fiel aber der Phosphorsaldo von 108 auf 100 Prozent, um später leicht zu steige

Die Verluste sind wohl grösser

Die beiden Studienautoren können den Unterschied der beiden Schätzungen nicht abschliessend erklären. Wenn der Ertrag von 800'000 Hektaren Land mit unterschiedlichen Böden, Expositionen usw. mit nur sechs Formeln (je eine für verschiedene Höhenstufen sowie für Weide und Schnittnutzung) berechnet wird, ist eine gewisse Ungenauigkeit allerdings zu erwarten. Nicht berücksichtigt sind ausserdem jährliche Schwankungen je nach Wetterlage. Weiter sind die Feld-, Konservierungs-, Lager- und Krippenverluste mit 10 Prozent im internationalen Vergleich in der Suisse-Bilanz eher tief angesetzt.

Fazit: Einerseits dürften die über die GRUD berechneten TS-Erträge mit einem gewissen Schätzfehler behaftet sein, andererseits fallen die Verluste wahrscheinlich höher aus. So passt die Futterproduktion dann doch wieder zum Verzehr, dessen Höhe in der Suisse-Bilanz von den Forschenden als robust eingeschätzt wird. Hier stimmen die Werte auch gut mit internationalen Zahlen überein.

Die Suisse Bilanz ist ungenau

Die 10-Prozent-Toleranzgrenze soll im Zuge des Massnahmenpakets für sauberes Trinkwasser fallen. Der Fehlerbereich wurde gewährt, weil die Suisse-Bilanz-Berechnungen v. a. auf Normwerten beruhen und somit für den einzelnen Betrieb mit einer Ungenauigkeit behaftet sind. «Als zentrales Instrument des ÖLN hat sie sich zur Reduktion der Nährstoffüberschüsse in den vergangenen Jahrzehnten durchaus bewährt und geniesst in der Landwirtschaft eine breite Akzeptanz. Die nun vorgeschlagene Streichung des Toleranzbereichs trägt so nicht zum Erhalt der Glaubwürdigkeit der Suisse-Bilanz bei», meint HAFL-Forscher Beat Reidy. Ihn zu streichen, macht die Rechnung nicht genauer, bringt aber Druck auf die Betriebe: Damit die Bilanz aufgeht, müssen Landwirte entweder weniger Dünger einsetzen, oder weniger Tiere halten – mit den entsprechenden wirtschaftlichen Folgen.

«Damit die Landwirtschaft aktiv zur Reduktion der Überschüsse beitragen kann, muss transparent aufgezeigt werden, wo auf den Betrieben Verluste und Ineffizienzen entstehen und wie diese verhindert werden können», schliesst Reidy.

Argument gegen 10 Prozent

Für das Bundesamt für Landwirtschaft, das die Studie in Auftrag gegeben hat, sprechen die Ergebnisse für die Streichung des Toleranzbereichs, heisst es auf Anfrage der BauernZeitung. Je nach Szenario würde damit, falls die geplante Mitteilungspflicht voll greift, die Stickstoffdüngung um 8,3 bis 13 Prozent sinken, was einer Reduktion der N-Verluste um 4 bis 6,5 Prozent entspreche. Das seien umgerechnet 8'000 bzw. 12'500 Tonnen Mineraldünger-Äquiavalente, die theoretisch eingespart werden könnten. 

Die hohen Saldi in der Studie deuten darauf hin, dass «bei einem nicht vernachlässigbaren Teil der Betriebe die Grenzen der Suisse-Bilanz nicht eingehalten werden bzw. die Selbstdeklaration bei zentralen Grössen wie z.B. dem Mineraldünger- oder Kraftfuttereinsatz nicht korrekt gemacht wird», so das BLW. Das unterstreiche die Wichtigkeit einer griffigen Mitteilungspflicht, damit zumindest Mineraldünger und Kraftfutter richtig deklariert werde. Auch, weil die geplante Abschaffung der 10-Prozent-Toleranz den Anreiz für die Deklaration zu tiefer Nährstoffmengen noch verstärke. «Diesem Verhalten kann die Mitteilungspflicht wirksam entgegenwirken», ist das BLW überzeugt. 

Die HAFL-Studie zur nationalen Suisse-Bilanz finden Sie hier.

Ammoniak entscheidender für Umweltmonitoring

«Mit der Einführung der Suisse-Bilanz Ende des vergangenen Jahrhunderts konnten vor allem bei Phosphor die Überschüsse stark reduziert werden, ohne dass Ertragseinbussen auftraten. Bei Stickstoff war das deutlich weniger der Fall», bilanziert Beat Reidy von der HAFL. Obwohl sich heute die meisten Landwirtschaftsbetriebe innerhalb der Toleranzgrenze bewegen, beziffert man den durchschnittlichen Stickstoffüberschuss der Landwirtschaft pro Jahr immer noch auf 100 000 Tonnen schweizweit. Beim Umweltmonitoring werden – im Gegensatz zur Suisse-Bilanz – auch Einträge über die Luft nach einem international definierten Verfahren mit eingerechnet. Diese Methode ist auch für die Umweltziele Landwirtschaft massgebend.

Bedingte Wirkung

Wird nun zur Einhaltung der Suisse-Bilanz z.B. weniger Mineraldünger eingesetzt, wird sich das wohl nur bedingt auf den landesweiten Überschuss auswirken, da dieser zu einem grossen Teil durch Luftverfrachtung entsteht. Massnahmen gegen Ammoniakverluste oder weniger Hofdünger generell (d. h. auch weniger Tiere) hätten rein aus Sicht des Umweltindikators Stickstoffbilanz mehr Erfolg.

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Rund zwei Drittel der Stickstoffeinträge in die Umwelt stammen laut dem Bundesamt für Umwelt aus Ammoniakemissionen der Landwirtschaft. (Bild BauZ)

Weniger strikt geregelt

Hinzu kommt ausserdem, dass die Stickstoffüberschüsse aufgrund der Tierdichten regional sehr unterschiedlich ausfallen. Beim Phosphor zeige die Suisse-Bilanz eine bessere Wirkung, was die Reduktion der Überschüsse angeht. Stickstoff aber sei massgebender für den Ertrag und in der Suisse-Bilanz durch die Berücksichtigung von Verlustquellen weniger strikt geregelt, so Reidy.

Motion zur Aktualisierung der Suisse-Bilanz

Eine Motion der WAK-S fordert eine Anpassung der Suisse-Bilanz und deren Grundlagen an die effektiven Verhältnisse. Das Ertragspotenzial im Acker- und Futterbau sei in den letzten Jahren dank klimatischen Änderungen und Sortenzüchtung deutlich gestiegen, so die Argumentation. Die zunehmende Lücke zwischen Vorgaben und Praxis sei zu schliessen und auch Qualitätsanforderungen wie etwa der Proteingehalt beim Brotgetreide zu berücksichtigen.

Da Düngung und Pflanzenernährung komplex sind und für die Bilanzen viele Annahmen getroffen und mit Durchschnittswerten gerechnet werden müsse, sei die 10-Prozent-Toleranzgrenze auch in Zukunft zwingend zu behalten.

Der Bundesrat findet, dass die Suisse-Bilanz stetig schon genügend aktualisiert wird und eine Annahme der Motion dem Ziel einer Reduktion der Nährstoffüberschüsse entgegenliefe. Die Streichung der 10 Prozent schaffe Anreize für nährstoffintensivere Betriebe, effizienter zu wirtschaften. Im Ständerat stimmte der Motion zu, die nun nun in den Nationalrat geht