«Ich mache den Haushalt richtig gerne.» Keine trendige Lebenshaltung für eine junge Frau. Doch Rahel Wenger sagt diesen Satz selbstbewusst in ihrem gepflegten und gemütlichen Zuhause. Seit einem Jahr lebt die 23-Jährige mit ihrem Partner in einer Einliegerwohnung auf dem Landwirtschaftsbetrieb seiner Eltern in Beinwil im Freiamt. Derzeit arbeitet sie auf ihrem Erstberuf als Fachfrau Betreuung. Über die Zukunft sagt sie: «Es spricht vieles dafür, dass mein Partner und ich den Hof seiner Eltern einmal übernehmen.»

Ein Tipp des Berufsberaters

«Es zieht einen dorthin, wo die Interessen sind», kommentiert Rahel Wenger ihren Werdegang. Schon als Kind ging sie vor der Schule zum Melken in den Stall des Nachbarn. Der Bauernhof faszinierte sie, beruflich ging sie erst einmal einen anderen Weg. Als sie sich später nach einer Weiterbildung umsah, hätte es etwas im sozialpädagogischen Bereich sein können, wurde dann aber der Fachkurs Bäuerin, nach einem Tipp des Berufsberaters. «Am Info-Abend auf der Liebegg hat es mich gepackt.» Dieses vielseitige Arbeitsfeld war genau das, was sie suchte – Traumberuf Bäuerin.

Die junge Frau meldete sich für die Schule an, noch ohne zu wissen, wohin der Weg sie führen würde. Ihren Partner Urs Rüttimann lernte sie erst nach dieser Neuorientierung kennen.

An der Bäuerinnenschule lernte Rahel Wenger unbekannte Fachbereiche kennen, legte zuhause ihren ersten Garten an, diskutierte mit ihrem Partner die betriebswirtschaftlichen Themen. Sie erfuhr im Unterricht und von ihren Mitschülerinnen vom Konfliktpotenzial auf dem Bauernhof, wo Arbeit und Freizeit am selben Ort stattfinden und mehrere Generationen zusammen leben.

 

Wünsche zum neuen Jahr

Rahel Wenger macht sich Gedanken zum alten und neuen Jahr:

  • Dieses Ziel möchte ich im neuen Jahr erreichen: Das vor kurzer Zeit entstandene «Hoflädeli» erweitern.
  • Das möchte ich im neuen Jahr erleben: Eine Reise mit Urs.
  • Das wünsche ich mir im neuen Jahr: Gute Freundschaften.
  • Darauf kann ich im neuen Jahr verzichten: Corona.
  • Das habe ich im vergangenen Jahr gelernt: Alles auch mal etwas ruhiger zu nehmen.

Wie eine Lehre

«Es war wie eine Lehre», schaut Rahel Wenger auf die zwei Jahre Bäuerinnenausbildung zurück. Sie absolvierte die verlangte Praktikumszeit auf zwei Landwirtschaftsbetrieben und fuhr einmal pro Woche mit drei anderen Freiämterinnen gemeinsam zur Schule an die ­Liebegg. «Spannende Module, coole Lehrer, guter Zusammenhalt in der Klasse», schwärmt sie. Vielleicht sehe sie es rückblickend allzu rosig, fügt sie an, es habe auch die üblichen Durchhänger einer Ausbildung gegeben.

Die Module des Fachkurses Bäuerin hat Rahel Wenger diesen Sommer abgeschlossen. Nun schreibt sie an ihrer Projektarbeit und wird die Berufsprüfung Bäuerin im Frühling absolvieren.

Sie macht den Stall

Im Stall von Familie Rüttimann stehen 40 Brown-Swiss-Milchkühe plus Jungtiere. Eine Glocke der «Miss Horba» zeugt vom Stellenwert der Viehzucht. Rahel Wenger hilft regelmässig im Stall aus, macht den Stalldienst inklusive Melken auch mal alleine. Damit ist sie noch nicht zufrieden: Den Traktor will sie besser in den Griff bekommen. «Ich möchte alles auf dem Betrieb machen können», sagt sie.

 

«Motivation und Leistungsbereitschaft bei den Absolventinnen sind sehr hoch»

«Ausgebucht», heisst es bei der Bäuerinnenschule Gurtnellen für den nächsten Lehrgang. Gute bis sehr gute Auslastung melden auch die anderen Bildungszentren der Zentralschweiz und des Aargaus. «Allenfalls hat die grosse Nachfrage auch mit der Pandemie zu tun», glaubt Beatrix Villiger vom BBZN Schüpfheim. Themen der Bäuerinnenausbildung wie Kochen und Selbstversorgung seien wichtiger geworden. Oder durch Stellenverlust oder Pensumreduktion stehe die Möglichkeit zur Weiterbildung offen.

Hoch motivierte Frauen

Kauffrauen, Gärtnerinnen und Juristinnen besuchen die Bäuerinnenkurse. Markus Kälin vom BBZ Pfäffikon stellt fest: «Die Absolventinnen sind mit sehr hoher Motivation dabei. Auch die Leistungsbereitschaft bezüglich der Modulabschlüsse ist hoch.» Eine Umfrage der BauernZeitung bei den regionalen Bildungszentren zeigt weitere Tendenzen.

Die Absolventinnen: «Die grösste Gruppe ist zwischen 25 und 35 Jahre alt, andere Altersgruppen sind aber immer auch vertreten. Teilnehmerinnen mit betrieblichem Kontext und dem Eidgenössischen Fachausweis als Ziel machen den grössten Anteil aus.» Das sagt Lisa Vogt vom LZ Liebegg und andere Schulen bestätigen es. Der Anteil an Frauen ohne landwirtschaftlichen Hintergrund ist kleiner, steigt aber tendenziell. Selber einen Betrieb führen wollen nur wenige Absolventinnen, aber ihre Anzahl nimmt zu. Die Führung eines eigenen Betriebszweiges ist häufiger ein Thema, aber auch nicht die Regel.

Die Männer: Sie zeigen sich kaum an der Bäuerinnenschule. Ab und zu besuchen sie einzelne Module, derzeit absolviert in der Region nur einer den ganzen Fachkurs. Bisher wurde in der Schweiz der Titel des bäuerlichen Haushaltsleiters einmal vergeben.   

Die Wahlmodule: «Am besten besucht werden seit Jahren Textiles Gestalten, Einführung in die Rindviehhaltung und Kleintierhaltung», sagt Yvonne Koller vom SBLV. Nach wie vor gut besucht seien die Module «Willkommen auf dem Bauernhof» und Direktverkauf. Lisa Vogt beobachtet ein gestiegenes Interesse an Wahlmodulen aus dem Berufsfeld Landwirtschaft wie Pferdehaltung, Biodiversität oder Mutterkuhhaltung.

Die Ausbildung: Die meisten Kantone bieten eine berufsbegleitende Ausbildung zur Bäuerin an, in der Regel an einem Schultag während zwei Jahren. Der modulare Aufbau erlaubt auch eine längere oder kürzere Ausbildungszeit. In Uri gibt es einen Vollzeitlehrgang, der Kanton Luzern bietet Vollzeit und berufsbegleitend an.

Die Berufsabschlüsse: Wer die Module erfolgreich abgeschlossen hat und genügend Praxiszeit vorweist, kann die Berufsprüfung (BP) absolvieren. «Das tut heute ein grösserer Anteil der Absolventinnen», beobachtet Barbara Joller vom BWZ Obwalden. Sie führt dies auf die neue Finanzierungsform durch den Bund zurück. Nur wer die BP absolviert, bekommt einen Anteil der Schulkosten erstattet.

Den Schritt zur Höheren Fachprüfung (HFP) gehen nur sehr wenige Bäuerinnen. Im Kanton Zug, wo es keine Grundbildung, sondern nur weiterführende Ausbildungsgänge gibt, führt ein Stufensystem von der landwirtschaftlichen Betriebswirtschafterin über die HFP bis zur Landwirtschaftlichen Betriebsmanagerin. «Die Teilnehmerinnen schätzen das sehr», weiss Claudia Künzi vom LBBZ Schluechthof. Viele würden sich die HFP nicht recht zutrauen. Im mehrstufigen System könnten sie sich dem Ziel langsam annähern.

 

 

Männer, traut euch - Kommentar Ruth Aerni

Viele Hausfrauen – ob Voll- oder Teilzeit – machen ihren Job so gut, dass niemand merkt, wie viel Arbeit dahinter steckt. Bei Bäuerinnen kommt oft Betriebsarbeit dazu, ihre Haushaltung ist umfangreich mit Mitarbeitenden und mehreren Generationen. Die Ausbildung zur Bäuerin gibt das Werkzeug für die anspruchsvolle Arbeit in die Hand. Oder sie gibt mindestens einen Einblick in die Werkzeugkiste. «Ich möchte alle Arbeiten in Haus und Hof machen können», sagen einige Bäuerinnen. Und andere: «Ich lerne nicht melken – sonst muss ich das auch noch machen.» Das ist beides richtig, denn diese Frauen haben sich mit ihren Rollen auseinandergesetzt, sie kennen ihre Stärken und Grenzen. Auch dabei hilft die Ausbildung. Die Bäuerinnenschule ist sehr beliebt. Männer wagen sich aber nur vereinzelt dorthin. Während es heute viele Landwirtinnen gibt, ist bäuerlicher Haushaltleiter kein begehrter Titel. Dabei bietet diese Ausbildung wichtige Kompetenzen für jeden Mann und besonders für jeden Landwirt. Hauswirtschaft und Zusammenleben gehen alle etwas an. Es muss ja nicht gleich der ganze Fachkurs sein. Männer, traut euch an die Module der Bäuerinnenausbildung!