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Marianne Balmer-Marti, wie war das Leben auf dem Bauernhof in den 1930er Jahren?

Die 94-Jährige Marianne Balmer-Marti kann sich noch bildhaft an Details aus ihrer Jugend auf dem Bauernhof im Berner Seeland erinnern.

«Wir mussten manchmal noch nach Neujahr Rüben aus dem Schnee holen – das war also schlimm!», sagt Marianne Balmer-Marti, die sonst nicht so viel jammert. Im Jahr 1927 geboren und als Bauerntochter im bernischen Kallnach mit zwei Schwestern und einem Bruder aufgewachsen, kann sie sich noch an so manches aus ihrer Jugend erinnern. Auch daran, wie ebendiese Rüben geerntet wurden.

Alles Handarbeit

Das Kraut wurde stehend mit einem Messer weggeschnitten, dann wurden sie mit dem Rübenheber von Hand aus der Erde gehoben. «Wir mussten die Rüben zusammenschlagen und auf Haufen werfen, die wurden zuletzt dann mit dem Rübenlaub zugedeckt.» Zu dieser Zeit noch mit Ross und Wagen brachten sie sie in die Zuckerfabrik Aarberg. «Die Männer hatten eine spezielle Gabel, um die Rüben auf den Wagen zu werfen. Wir Frauen haben sie von Hand geworfen.»

Marianne Balmer-Marti, wie war das Leben auf dem Bauernhof in den 1930er Jahren?
Pause beim Kartoffeln ernten. Im Bild: Vater, Cousin, Neffe und Mutter.

Auch beim Kartoffelsetzen und -ernten, bei der Ernte des Getreides und natürlich beim Heuen und Emden halfen alle tatkräftig mit. Im Haushalt gehörte der Abwasch zu ihren Aufgaben. «Das Milchgeschirr waschen, das hat die älteste Schwester gemacht».

Auch an den Ausbruch des 2. Weltkrieges kann Marianne Balmer-Marti sich bildhaft erinnern, damals war sie zwölf. «Wir waren noch im Bett, da kam einer mit dem Velo und dem ‹Feuerwehrhörnli› durch die Gassen und verkündete: ‹Heute ist Mobilmachung!› und sagte, wo und wann die Männer einrücken mussten».

Einige «Internierte» - so nennt sie die damaligen Flüchtlinge - wurden auf der Bühne einquartiert. Zuerst seien es Franzosen gewesen, danach Polen und als sie nach der Schule im Welschlandjahr war, kamen Italiener. Einige davon, immer ein oder zwei, waren auf dem Hof angestellt. An die Namen erinnert sie sich auf Anhieb. «Ein Italiener blieb besonders lange bei uns, Fausto Livelli. Er war wie ein Bruder für uns». Sie erinnert sich, wie sie und ihre Schwestern jeweils mit den italienischen Flüchtlingen gesungen und musiziert hatten. «Das hat mir so wehgetan, als sie fort mussten und niemand mehr gesungen hat», bedauert sie.

Marianne Balmer-Marti, wie war das Leben auf dem Bauernhof in den 1930er Jahren?
Heuernte mit Pferd und Wagen – im Vordergrund Fausto Livelli, der auf dem Betrieb angestellt war.

Viel gesehen vor der Heirat

In den Jahren nach dem Welschlandjahr blieb die heute 94-jährige Marianne Balmer-Marti noch einige Jahre auf dem Hof, arbeitete aber zwischendurch auch auswärts. Etwa war sie ein Jahr lang in Lugano bei einer Bäckersfamilie als Kindermädchen und Haushalthilfe angestellt oder sie arbeitete für ein paar Wochen als Ferienablösung im Spital Langnau.

Ob sie nicht bereue, dass sie keinen Bauern geheiratet hat? «Ich hätte ja den Knecht heiraten sollen», erwidert sie auf die Frage. «Er hat mir einmal etwas unters Kopfkissen gelegt. Ich mochte ihn schon. Mutter hätte gerne gehabt, wenn wir geheiratet hätten. Aber am Abend vorher hat mich meine Freundin mit meinem zukünftigen Mann verkuppelt.»

Abgehauen mit dem Traktor

Der erste Traktor habe der Vater erst angeschafft, als sie schon aus der Schule war, also etwa Mitte der vierziger Jahre. Einmal machte sie sich damit aus dem Staub. «Mittwochabends gingen wir jeweils singen und am Nachmittag war Markt in Aarberg. Vater war mit Traktor und Wagen dort und tauchte am Abend nicht auf, um zu melken.» Auf dem Heimweg vom Singen erblickte sie Traktor und Wagen vor der Dorfbeiz. «Ich sagte zu meinen Kolleginnen und Kollegen: ‹Der Vater ist noch da und vielleicht nicht mehr ganz nüchtern, soll ich den Traktor heim nehmen?› – die Kolleginnen fanden das eine gute Idee. Dann ging ich auf den Traktor, hab ihn angelassen und bin ab.»

Marianne Balmer-Marti hat bis in die Fünfzigerjahre, auch als sie schon mit der eigenen Familie in Bern wohnte, immer wieder auf dem elterlichen Hof mitgearbeitet. «Mir gings gut deswegen. Wir bekamen immer Gemüse.» Nun lebt sie – als älteste Einwohnerin des Dorfes – in Kandersteg, wo auch ihre zwei Töchter mit Familie wohnen.

Stricken und Lesen

Auf die Frage, was das Geheimnis für ihr hohes Alter sei, lacht sie und sagt: «Ich kann nichts dafür, dass ich noch so gut ‹zwäg› bin. Ich kann ja bei der Tochter essen gehen und brauche nichts zu machen, höchstens noch lesen oder stricken.» Das sagt sie und holt ihr neuestes Werk hervor – eine blaue Decke. Dass ihr die Finger einschlafen, wenn sie zu lange strickt oder dass es ihr schwindlig wird, wenn sie zu viel liest, erwähnt sie nur nebenbei und ermahnt sich selbst, nicht so viel zu lesen. «Man darf nicht jammern, wenn es einem noch so gut geht wie eben jetzt mir.»

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