Das war ein Fest in den 1950er-Jahren auf dem Bergbauernhof, wenn plötzlich Frau Piazza unangemeldet vor der Türe stand, schwer atmend. Denn wir Kinder wussten: Wenn sie ihre Chrätze, die sie da auf den Rücken buckelte, auf den Tisch stellte und all die Schublädchen öffnete, kamen glänzende Schätze jeglicher Art zum Vorschein.
Vielzahl schöner Dinge
Kämme, Spiegel und Spitzenborten, aber auch Perlmuttknöpfe, Fingerhüte, Nadeln, Faden und Schreibzeug, Schuhbändel, Hosenträger der Marke «Herkules» – wir konnten endlos staunen ob der Vielzahl der schönen Dinge. Wenn das Anpreisen der Waren auch eher radebrechend mit schwerem italienischem Akzent geschah, tat dies dem Reiz dieses Verkaufsevents keinen Abbruch – im Gegenteil: Es brachte einen willkommenen Hauch Italianità auf den Innerschweizer Bauernhof.

Einkaufserlebnis zu Hause
Was uns heute ein Online-Einkauf ist, waren einst die Dienste des Hausierer-Gewerbes: Lieferung frei Haus. Wobei noch fein zu unterscheiden war zwischen «Reisenden» und «Hausierern». Erstere waren in Auftrag einer bestimmten Firma unterwegs, wollten deren Suppen und Gewürze, Putzmittel oder Kosmetika an die Frau oder den Mann bringen, während sich in den Trucken der Chrömerinnen ein Gemischtwarenangebot fand.
Nicht selten stammten die Krämerinnen aus einer bestimmten Region in der Provinz Belluno am Dolomitenfuss im italienischen Venetien. Der Ort Lamon dort hatte sich auf das «Cròmer» (ein italienisches Lehnwort aus dem Deutschen) spezialisiert und sandte seine Töchter und Söhne hinaus aus dem armen Dorf – ins Südtirol und in die Schweiz. Das geschah teilweise noch bis in die 1970er-Jahre.
Leute, die selbst noch mit der Trucke unterwegs waren, weilen heute nicht mehr unter uns. Vor ein paar Jahren aber konnte Viola Simoni-Resenterra in Stansstad NW – schon fast hundertjährig – noch aus ihrer aktiven Zeit erzählen. Auch sie zog einst zusammen mit ihrer Schwägerin Elena Fiorenza als 20-Jährige aus Lamon in Venetien weg.

Allein schon fast zehn Kilo
Dort war auch ihre Cassèla gefertigt worden. So hiess der hölzerne Schubladenstock mit Ledertragriemen auf Italienisch. Der wog allein schon fast 10 Kilo. Gefüllt wurden die Schubfächer mit allem, was in einem Haushalt nützlich sein konnte: Knöpfe und Manschetten, Faden und Nadeln, Bänder und Schnallen und weitere Kleinwaren. Strumpfhalter und Gummielaste ergänzten das Merceriesortiment – und für die Küche waren Kaffeesiebe und «Chupferblätze» zum Reinigen der Töpfe und Pfannen im Sortiment. Die Männerwelt brauchte Rasiersachen, Klingen und Seife, dazu Manschettenknöpfe.
Auf der Cassèla aufgebunden waren zudem Handtücher, Strümpfe und Socken, Kopftücher, Unterwäsche und Schürzen. Das alles wurde mit einem Wachstuch gegen Regen abgedeckt. Denn Regen konnte den Frauen unterwegs das Leben schwer machen, wie auch Sturm und Schnee, schlechte Wege, bissige Hofhunde, all die zahlreichen «Betteln und Hausieren verboten»-Schilder - und die «Mier bruuched nüt»-Kommentare der Kaufunwilligen.
Berufsuniform in Grau und Schwarz
Die italienischstämmigen Frauen hatten sich eine Art Berufsuniform zugelegt, so konnte eine Krämerin von Weitem erkannt werden. «Wir hatten alle die Trucklifrau-Uniform an: Dazu gehörte unbedingt der robuste Regenschirm», erzählte Viola Simoni. «Wir trugen Rock mit Oberteil, ohne Ausschnitt, dazu eine Schürze, Kopftuch, Strümpfe, gutes Schuhwerk – alles in den Farben Grau und Schwarz gehalten.»
Oft nur ein paar Rappen
Bei den Bauernfamilien war der Empfang der Wanderhändlerinnen in der Regel ein herzlicher. So ein Besuch wurde auf abgeschiedenen Güetli geschätzt, da er Abwechslung in den Alltag brachte. Es war so Manches vom Leben draussen in der Welt zu erfahren. Bäuerinnen wiederum waren vielfach froh um die Einkaufsmöglichkeiten an der Türe, weil es gar keinen entsprechenden Laden im Dorf gab. Die Käuferinnen konnten die Waren am eigenen Tisch ausgiebig begutachten, Fragen stellen und den Preis aushandeln.
«Gemärtet» nach südländischer Manier wurde laut Viola kaum: «Meist stimmte der Preis für die Erzeugnisse inklusive dem Service des ins-Haus-bringens.» Bei Kleinwaren habe die Gewinnspanne ja auch nur ein paar Rappen betragen. Kurioserweise galt damals eine Hausiererin – wie heute noch Kaminfeger – vielerorts als Glücksbringer. «Einige kauften jeweils nur eine Kleinigkeit von mir, weil eine alte Sage andeutete, Trucklifrauen könnten sonst ‹Uugfell i Huus und Gadä› bringen, wie es im Innerschweizer-Dialekt hiess. Bei guten Kontakten, also wenn die Bäuerin froh war, mich regelmässig zu sehen, wurde ich manchmal zu einer Mahlzeit eingeladen.»

Eine knappe Existenz
Rentierte sich denn der Verkauf von Haus zu Haus? «Die Tageseinnahmen waren mal gut, dann wieder knapp», erinnerte sich Viola Resenterra. Es war ein kantonales Hausiererpatent zu bezahlen, das kostete 90 Franken im Monat. Dazu kamen dann in den Gemeinden Gebühren von zwei oder mehr Batzen für eine Marke und einem Stempel mit der Unterschrift des Gemeindeschreibers.
Der letzte Ausweg
Die Arbeit war eine Plackerei: Die Cassèla aus Holz mit Inhalt und aufgebundenen Textilien wog oft über 40 Kilogramm. Hausiererinnen gingen nicht zügigen, sondern meist trippelnden Schrittes. Immerhin war der robuste Regenschirm nicht nur Gehhilfe, sondern auch eine Stütze für die Trucke bei kurzen Pausen.
Verspätete Wertschätzung
Eine Hausierende erfährt heute posthum eine Wertschätzung, die ihr zeitlebens versagt blieb: Die Toggenburgerin Anna Barbara «Babeli» Giezendanner (1831–1905) vom Weiler Bendel bei Kappel. Nach dem Unfalltod ihres Mannes war sie auf sich allein gestellt. Zum Überleben nutzte sie ihr zeichnerisches Geschick. Sie hausierte – nicht selten barfuss – mit ihren Lithografien und selbstgemalten Senntumsbildern von Hof zu Hof. Gut hundert Werke von ihr sind bekannt, welche teilweise jahrzehntelang in Bauernstuben hingen. Heute werden die Bildchen um mehrere Tausend Franken gehandelt.
Waren anbietend von Hof zu Hof ziehen war nicht immer spontane Berufswahl. Oft war es der letzte Ausweg aus der Not. Es gab bis zum Jahre 1948 keine AHV. Arme Leute hatten keine Altersvorsorge. Oft brachen familiäre Bindungen plötzlich weg und all jenen, die nichts mehr hatten, drohte die Abschiebung in eines der damals eher desolaten Armenhäuser. Insbesondere Witwen waren von solchen Schicksalen betroffen. Darum versuchten sich viele im Alter noch als Hausiererin oder Hausierer.

