Sie heissen Grön, Spycherberg, Büffel, Fluelauene, kleiner Mittelberg, Rosschatten, Oberhofner und Sigriswiler – letztere kann gar mit einem eigenen Wasserfall trumpfen. Die grösste Alp im Justistal ist aber der Grosse Mittelberg. Hier findet sich auch «Lilis Beizli», das die frühere Seeländer Bäuerin Lili Jaberg bewirtet. Sie ist seit sechs Jahren auf der Alp daheim.

Noch ist die Alpbeiz an diesem Morgen geschlossen. Hund Zeus, der auf dem Berg Bänz genannt wird, wackelt auf seinen kurzen Beinen zur Begrüssung heran, während Lili Jaberg den frei-laufenden Hühnern Brotresten zuwirft. «Verwöhnte Trullen», raunt sie, und lächelt dabei. Im Brunnen vor dem Haus hat sie bereits eine ganze Reihe von Bier- und Weinflaschen kühl gestellt. Heute soll es endlich mal trocken bleiben, die Wirtin hofft auf durstige Ausflügler.

Berufstraum Bäuerin

Seit sechs Jahren wirtet sie hier, in der alten Käsereihütte. Der Grosse Mittelberg gehört der Sigriswiler Alpgenossenschaft. In der neuen Käserei im Haus daneben arbeiten und leben den Sommer über eine Sennerin und zwei Sennen und produzieren 7,5 Tonnen Berner Alpkäse AOP.

Es habe sie durch Zufall hierher verschlagen erzählt Lili Jaberg. Aufgewachsen ist sie im Berner Seeland. «Ich wollte immer Bäuerin werden.» Die Eltern kamen zwar nicht aus der Landwirtschaft, doch die Besuche bei einem bauernden Onkel in der Ostschweiz genoss sie als Mädchen sehr. «Am liebsten lief ich barfuss durch die noch warmen Kuhfladen. Die Mutter fand das allerdings nicht so toll.»

Schön, aber streng

Von einer Landwirtschaftslehre rieten ihr die Eltern ab, da sie keinen eigenen Hof hatten. Also machte Lili Jaberg eine Ausbildung im Gastgewerbe – und heiratete später einen Bauern. Zum Betrieb in Detligen gehörten Milchkühe, Truten, Ackerbau und ein Hof-Pintli. Lili Jaberg wurde Mutter von zwei Kindern, half bei allen anfallenden Hofarbeiten und wirtete im Pintli. «Es war die schönste Zeit meines Lebens, aber auch sehr streng. Ich weiss heute nicht mehr, wie ich das alles geschafft habe.»

Die Ehe zerbrach und Lili Jaberg eröffnete im Seeland eine eigene Beiz. Einer ihrer Gäste war der Schwinger Johann Santschi. Er erzählte ihr, dass die Alpgenossenschaft Sigriswil eine Wirtin für die Alpbeiz sucht. Sie bewarb sich spontan. Beim Besichtigungs- und Vorstellungstermin kämpfte sie sich zwar durch hüfthohen Schnee zur Hütte, doch sie war begeistert «Die nahmen mich sofort, trotz Mitbewerber.»

Vertraut mit der Natur

Zwei sportliche Wanderer mittleren Alters sind heute die ersten Gäste. Das Paar will zur Sichle hinauf, einen Passübergang auf 1679 Metern. Von hier aus kann man bis ins Eriz wandern oder aufs Niederhorn. «Ist das schon das Gemmenalphorn?», fragt der Mann im neon-orangen Funktionsshirt und deute an die Bergflanke.

Nein, das sei noch der Burgfeldstand, gleich nach dem Niederhorn erklärt Lili Jaberg. An schönen Wandertagen betrachtet sie manchmal am Vormittag mit dem Feldstecher die Touristen auf dem Beatenberger Hausberg. «Dann versuche ich abzuschätzen, wie viele von ihnen bis hierherkommen.»

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Geschichten für die Enkel

Lili Jaberg kennt sich mit der Berglandschaft rund ums Justistal aus, auch wenn sie nicht hier aufgewachsen ist. Das Tal, seine Natur und die Tierwelt inspirierte sie auch dazu, ein Kinderbuch zu schreiben: «Der Bär vom Justistal». Die Geschichten hatte die 54-Jährige eigentlich für ihre beiden Enkelkinder Nicole und Samuel erfunden. «Jedes Mal, wenn sie mich besuchen kamen, wollten sie die Bärengeschichten wieder hören – und wehe, ich vergass oder veränderte etwas.»

Schliesslich schrieb sie sie auf und skizzierte mit Bleistift, wie sie sich die Tierbilder dazu vorstellte. Dann suchte sie einen Illustrator, der ihre Ideen umsetzen sollte. Sie gelang auf Umwegen an Ueli Mürner in Gunten. Er war viele Jahre Landwirt und widmet sich heute ganz der Malerei. «Ich wusste bei den ersten Probezeichnungen sofort: genau so muss es sein.»

Mit dem Text und den fertigen Illustrationen ging Lili Jaberg zu einem Buchverlag in Gwatt. Was denn der Druck kosten würde, wollte sie wissen. Es kam anders: Der Werd und Weber Verlag entschied sich innert drei Tagen, das Kinderbuch selbst zu verlegen. Es erschien im September.

Kinder auf Bärensuche

Auch im Alpbeizli liegt das Kinderbuch zum Verkauf auf. «Es läuft ganz gut.» Vor der Terrasse steht nun für die kleinen Besucher(innen) ein dicker, freundlicher Holzbär zum Umarmen. Immer wieder kämen Familien und suchten auf dem Grossen Mittelberg, die im Buch dargestellten Orte. «Die Kinder finden die Stellen, immer.»

Langsam füllt sich die Terrasse. Senioren fahren über die geteerte Strasse mit Auto bis vor die Alpbeiz und gönnen sich eine Meringue mit Rahm. Mütter mit Kinderwagen kehren nach dem Spaziergang mit den Kleinen ein. Einheimische geniessen einen «Chäsbrätel», eine Berner Oberländer Käseschnitte.

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Attraktion Hirschbrunft

Die Gästeschar in Lilis Beizli ist bunt gemischt. Touristen, Einheimische, alte Bekannte aus dem Berner Seeland. Gestern habe sie 40 Viehzuchtexpert(innen) verköstigt, erzählt die Wirtin. Gut dass ihr der Pensionär Hans geholfen habe, eine gute Seele aus Sigriswil.

Lili Jaberg gefällt die Betriebsamkeit und natürlich der Ort. «Jetzt habe ich wieder Kühe ringsum.» Die Saison dauert lange, nebst den Sommer-Ausflüglern und Herbst-Wanderern ist das Justistal bekannt für die Hischbrunft. Ein Grossteil der Paarhufer aus der Region hält hier im Spätherbst ein Stelldichein. Röhrende und manchmal kämpfende Hirsche buhlen dann um die Gunst der Hirschkühe. «Oft sitzen Besucher schon zwei Stunden bevor ich das Alpbeizli öffne fasziniert auf der Terrasse.»

Winterhart

Im Winter führt eine Langlaufloipe durchs Tal, doch das Beizli hat zu. Lili Jaberg wohnt allerdings das ganze Jahr in der alten Käsereihütte. Strom kommt nur über die Solar-Panels. Wasser muss sie draussen am Brunnen beziehen und zum Heizen steht einzig der Holz-Kochherd in der Küche zur Verfügung. Man müsse sich drinnen mit 13 Grad arrangieren, meint die Wirtin mit einem Schulterzucken. «Doch man gewöhnt sich daran.» Und wenn es allzu kühl wird, besucht sie für einige Wochen Tochter Monika im Seeland.

In ihrem Kinderbuch erzählt Lili Jaberg die Geschichte eines Bären, der auf der Suche nach einem neuen Zuhause den Weg ins Justistal findet. Bald schon lernt der Bär dort viele neue Freunde kennen. Besonders im Sommer gibt es hier viel zu entdecken, wenn die Sennen und ihre Kühe auf die Alp kommen.

Neue Heimat im Oberland

Auch Lili Jaberg kam als Fremde ins Justistal. Im ersten Jahr sei sie als Flachländerin von den Berglern schon etwas reserviert beäugt worden. Doch dann habe sie spontan angeboten, in der Grönhütte beim Melken zu helfen, weil ein Senn ausgefallen war. Zu ihrer grossen Verblüffung sei sie dann beim Alpabzug fast dazu gedrängt worden, vorneweg zu laufen. «Ich fühlte mich geehrt und mir liefen vor Freude die Tränen.» Und sie wusste: Jetzt gehört sie dazu.

Weitere Informationen finden Sie hier.

Wettbewerb: Kinderbuch zu gewinnen

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Möchten Sie Ihren Kindern, Enkeln oder Patenkindern die Geschichte vom Bär und seinen Freunden im Justistal erzählen? Dann nutzen Sie die Gelegenheit und machen Sie bei unserem Wettbewerb mit. Sie können eines von drei Exemplaren des Kinderbuchs «Der Bär im Justistal» von Lili Jaberg und Ueli Mürner gewinnen.

Teilnahmeschluss ist der 22. August 2021.

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