Der Krieg in der Ukraine führt uns drastisch vor Augen, wie stark vernetzt die Welt und ihre Agrarmärkte sind. Der Konflikt zeigt, wie fragil dieses Netzwerk aus Handelsbeziehungen und Warenströmen ist. Er zeigt, dass es wenig braucht, um das Gleichgewicht empfindlich zu stören. Und er rückt die Frage in den Vordergrund, wie die Versorgung mit gesunden und nachhaltig hergestellten Lebensmitteln gesichert werden soll.
Letztmalige Diskussion 2017
Zuletzt fand eine solche Diskussion 2017 im Rahmen der Abstimmungen zur Ernährungssicherheits-Initiative statt. Diese führte bekanntlich zum Verfassungsartikel 104a, der von zahlreichen Organisationen der Land- und Ernährungswirtschaft unterstützt wurde. 78 Prozent der Stimmbürger(innen) haben im 2017 diesem erweiterten Auftrag an die Landwirtschaft zugestimmt. Die Stimmbevölkerung hat den Weg einer marktorientierten, gesunden, produktiven und nachhaltigen Landwirtschaft bestätigt und einen politischen Rahmen geschaffen. Dieser Rahmen ist nach wie vor gültig. Nicht nur, weil die Bevölkerung hinter dem Beschluss steht, sondern auch, weil die Ergänzung inhaltlich überzeugend die Komplexität der Landwirtschaft auffängt.
Und was heisst das für die aktuelle Krise auf den Lebensmittelmärkten und in Bezug auf die Ukraine? Zunächst: es gibt keine einfachen Lösungen. Wer sich mit der Land- und Ernährungswirtschaft befasst, weiss, dass alles zusammenhängt, dass Produktion und Konsum auf vielfältige Art und Weise gelenkt werden. Dabei hat die Ressourceneffizienz der Produktion eine starke Wirkung auf die Ökosysteme. Die Art der Produktion hat einen grossen Einfluss darauf, ob Biodiversität geschaffen oder zerstört wird. Und der Anteil Food Waste wirkt sich auf die tatsächlich verfügbaren Lebensmittel aus.
Gleiche Ausgangslage wie in der Ära Wahlen
Das lässt erahnen: einer Krise ist nur mit einem Mix an Massnahmen beizukommen. Das wusste schon Friedrich Traugott Wahlen. Der legendäre Planer der Anbauschlacht sah eine ganze Reihe von Eingriffen vor: Die Erhöhung der Eigenproduktion wurde begleitet von der Reduktion der Viehzucht und der Ausweitung des Ackerbaus. Das Ziel war die Produktion von möglichst vielen pflanzlichen Kalorien auf allen verfügbaren Flächen. Unterstützt durch Rationierung sollte die Selbstversorgung der Schweiz gesichert werden.
Interessanterweise ist die Ausgangslage im 21. Jahrhundert die gleiche. Die Versorgung ist eine anspruchsvolle Aufgabe – sowohl politisch, gesellschaftlich als auch wirtschaftlich. Sie schliesst alle Akteure mit ein. Dass die Zukunft in einer intensiven Landwirtschaft mit viel Input (Dünger, Energie, Futtermittel) liegt, darf getrost bezweifelt werden.
Standortangepasste Produktion stärken
Vielmehr können mit dem Absenkpfad für Nährstoffe die Kreisläufe der Schweizer Landwirtschaft geschlossen und Hofdünger besser genutzt werden. Das macht die Land- und Ernährungswirtschaft unabhängiger von Düngerimporten und hohen Energiepreisen. Die ganze Branche gemeinsam kann Konsument-(innen) unterstützen, bewusster saisonal, regional, biodiversitätsfreundlich und klimaschonend einzukaufen. Das stärkt nicht nur die Nachfrage nach inländischen Produkten, sondern verbessert nebenbei noch die Klimabilanz der Landwirtschaft.
Wir sollten die Agrarpolitik so ausrichten, dass sie standortangepasste pflanzliche Produktion stärkt und Fehlanreize reduziert. Hinzu kommt: es ist nicht nur der politische Rahmen, der eine Verbesserung der Situation ermöglicht. Es sind viele Entscheidungen auf den Höfen, in den Lieferketten und vor dem Ladenregal, die die Land- und Ernährungswirtschaft und ihre Umwelt gestalten und zur Versorgungssicherheit beitragen.

