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Der BLW-Chef zur Versorgungslage: «Es ist ein schmaler Grat»

Die Ernährungssicherheit ist durch den Krieg in der Ukraine und die Corona-Krise in den Vordergrund gerückt. BLW-Direktor Hofer sieht keine Gefahr für die Versorgung und erinnert an die Überschussproblematik.

Der Krieg aufgrund der russischen Invasion in der Ukraine sorgt global für umfangreiche Diskussionen über Ernährungssicherheit. Auch in der Schweiz hält das Thema die Politik auf Trab. Während die SVP eine neue Anbauschlacht fordert, will Links-Grün am eingeschlagenen Kurs festhalten. Wir haben Christian Hofer, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft, einige Fragen zum Thema gestellt.

Herr Hofer, Sie schreiben im neusten Newsletter des BLW, dass die internationale Preisentwicklung bei uns die Produktionskosten in die Höhe treiben wird, können Sie ein paar Beispiele nennen?

Christian Hofer: Die Landwirt(innen) sind in verschiedenen Bereichen betroffen. Ich kann Ihnen zwei Beispiele nennen. Dünger sowie Getreide und Sojaschrot haben sich an den internationalen Märkten markant verteuert. Bei Futtermitteln und Brotgetreide haben wir im Rahmen des ordentlichen Vollzugs den Grenzschutz reduziert und damit Preissteigerungen abgeschwächt. Weil bei Eiweissträgern wie Sojaschrot die Zielpreise seit Herbst 2007 nahezu durchgehend überschritten wurden, werden seit längerem keine Grenzabgaben erhoben. Sich verändernde Weltmarktpreise können in diesem Fall in der Schweiz nicht abgefedert werden. Aufgrund der jüngsten Preissteigerungen haben wir die gleiche Situation seit April 2022 auch bei Futtergetreide.

Sie schreiben, die Versorgung der Schweiz mit Nahrungsmitteln und die Agrarproduktion seien «auf absehbare Zeit sichergestellt», heisst das, dass Sie langfristig schwarzsehen?

Nein, es gibt zum Glück keinen Grund, schwarzzusehen. Russland ist und war ein gewichtiger Exporteur von Energieträgern, Stickstoffdünger und Getreide, die Ukraine für Getreide und Sonnenblumenöl. Fehlen diese Waren auf dem Weltmarkt, so schmälert dies das Angebot und erhöht die Preise. Bei unveränderter Nachfrage fehlen diese Mengen insbesondere in Entwicklungsländern. Was die Schweiz betrifft, sind für die Ernte 2022 die meisten Produktionsmittel beschafft. Hier sind wir auf der sicheren Seite. Wie sich das Angebot zum Beispiel beim Dünger im Hinblick auf die Ernte 2023 entwickelt, ist noch mit Unsicherheiten behaftet. In der Schweiz sind wir mit unserer Kaufkraft in einer komfortableren Situation.

Die SVP verlangt einen Plan Wahlen 2.0, was halten Sie von dieser Forderung?

Was die Landwirt(innen) in diesem Jahr anbauen – und hoffentlich auch in guter Qualität ernten können –, ist grösstenteils bereits entschieden. Das Thema Ernährungssicherheit ist mit dem Krieg in der Ukraine aber stärker in den Fokus gerückt. Wie wir global betrachtet als kleines Land, das immer stark abhängig vom Ausland sein wird, am besten handeln, ist eine politische Frage, weshalb ich mich nicht dazu äussern will.

Konkret wird ein Verzicht auf die 3,5 Prozent Biodiversitätsförderfläche auf dem Acker verlangt, für solche neuen Massnahmen ist es wahrscheinlich tatsächlich nicht der richtige Moment, oder was ist da Ihre Haltung?

Diese Vorgabe ist umstritten, das ist mir bekannt. Die unterschiedlichen Haltungen zur Massnahme haben sich auch in der Vernehmlassung zum «Massnahmenpaket sauberes Wasser» gezeigt, mit dem die Parlamentarische Initiative 19.475 «Das Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren» umgesetzt wird. Der Bundesrat wird in Kenntnis der Vernehmlassungsergebnisse über die Umsetzung entscheiden. Wichtig ist mir zu betonen, dass die Stossrichtung des Massnahmenpakets im Grundsatz breit begrüsst wurde.

Sehen Sie andere Massnahmen dafür, die inländische (Futter-)Getreideproduktionzu fördern?

Es ist ein schmaler Grat zwischen Über- und Unterangebot, insbesondere im Kartoffel- und Getreidebau. In den Jahren 2017–2020 deklassierte der Getreideproduzentenverband jährlich über 20 000 Tonnen. Die Witterungsbedingungen 2021 bewirkten eine Produktionseinbusse an backfähigem Brotgetreide von gegen 30 Prozent, weshalb die Branche für eine ausreichende Versorgung bis zur Ernte 2022 um eine Zollkontingentserhöhung ersuchte. Bleiben die internationalen Getreidepreise auf hohem Niveau, kommen vom Markt Anreize für die Ausdehnung einzelner Kulturen. Wenn Schweizer Branchen dadurch neues Marktpotenzial erschliessen können, ist das der Idealfall.

Die Schweizer Landwirtschaft ist derzeit mit exorbitanten Kostensteigerungen konfrontiert; gibt es Pläne, etwa mit Zoll- oder Steuersenkungen für Milderung zu sorgen?

Die Kosten steigen nicht nur in der Landwirtschaft, sondern in zahlreichen anderen Branchen auch. Wie erwähnt, hat der Bund den Grenzschutz für Futtermittel reduziert und so die Kostensteigerung abgefedert. Auch der erstarkte Franken vermag Preiserhöhungen bei Importen etwas abzumildern. Ungedeckte Kosten sind, wenn immer möglich, am Markt auf die nachgelagerte Stufe zu überwälzen. Schliesslich wird der Endkonsument spüren, dass sich die Preiserhöhungen nicht nur bei den selber verbrauchten Energieträgern, sondern in unterschiedlichem Mass auf die verschiedenen Wertschöpfungsketten auswirken.

Gibt es in Sachen Versorgung internationale Koordination?

In meiner Funktion als BLW-Direktor leite ich den Fachbereich Ernährung der wirtschaftlichen Landesversorgung (WL). BLW und WL arbeiten aktuell Hand in Hand, um die Auswirkungen auf den Agrarmärkten zu beobachten und bei Bedarf zu handeln. Ebenso wichtig ist unser Austausch mit internationalen Experten. BLW und WL vertreten die Schweiz im neu gegründeten EU-Gremium European Food Security Crisis Preparedness and Response Mechanism (EFSCM). So sind wir immer auf dem aktuellen Stand und wissen, wie die Situation bezüglich Ernährungssicherheit in anderen Ländern ist – und welche Massnahmen sie treffen.

Bundesrat will Wirtschaftliche Landesversorgung stärken

«Die Covid-19-Pandemie,der Krieg in der Ukraine und die Komplexität sowie die Verletzlichkeit der Versorgungssysteme haben offensichtlich gemacht, dass die Wirtschaftliche Landesversorgung (WL) reformiert werden muss», so der Bundesrat diese Woche in einer Mitteilung. Er habe deshalb beschlossen, die Führungsstruktur der WL anzupassen und die personellen Ressourcen aufzustocken. Nach dem Fall der Berliner Mauer und der Beendigung des Kalten Krieges sei der Personalbestand des zuständigen Bundesamts BWL von rund 50 auf heute 32 Vollzeitstellen abgebaut worden. Diese dünne Personaldecke solle nun wieder ausgebaut werden. Zudem will man die Cheffunktion (Delegierter für WL) von einem 40-Prozent-Pensum auf eine Vollstelle ausbauen.

IP-Suisse und Bio Suisse stellen sich gegen neue Anbauschlacht

Kürzlich hat die SVP einen Plan Wahlen 2.0, also eine neue Anbauschlacht gefordert. In einem Mediengespräch hatten diverse SVP-Landwirtschaftsvertreter unter anderem gesagt, es brauche Getreideproduktion statt Blüemliwiesen. Dieses Ansinnen ist IP-Suisse und Bio Suisse in den falschen Hals gekommen. Debatten um Anbauschlacht und Selbstversorgungsgrad seien nicht zielführend, heisst es in einer gemeinsamen Mitteilung der beiden Produzenten-Organisationen. Der Selbstversorgungsgrad sei trotz grossem Kulturlandverlust und Bevölkerungszuwachs hoch, wie IPS und BS mit folgenden Zahlen illustrieren (Quellen: Motion Schibli (06.3880) sowie Agrarbericht 2021): 1908-1912: SVG 53.1% 1934-1936: SVG 52.2% 1943-1945 (Plan Wahlen): SVG 70.5% 1946-1955: SVG 55.7% 1979-1981: SVG 65.5% 2003-2005: SVG 58.5% 2015-2019: SVG 57.8% Die Forderungen nach weniger Blüemli und mehr Produktion schafften einen künstlichen Gegensatz. Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit gebe es nur gemeinsam, erklären sie weiter. Wichtig sei nicht nur die Arbeit auf den Feld, sondern auch, dass man die Konsument(innen) mitnehme und die Handelsbeziehungen nachhaltig gestalte.

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