Um das Konfliktpotenzial zwischen Nutztieren und Outdoor-Sportlern zu reduzieren, startete der Kanton Graubünden vor zwei Jahren in der Region Flims-Laax-Falera das Projekt «Tracking von Mutterkühen und Herdenschutzhunden». Die Tiere tragen ein Halsband mit GPS-Sender. Wanderer können auf digitalen Karten prüfen, ob ihre geplante Route durch eine Mutterkuhherde führt und die Route allenfalls anpassen, um den Tieren auszuweichen.
Rote und grüne Weide-Sektoren
Peter Oberholzer vom Tiefbauamt Graubünden hat das Pilotprojekt im Rahmen des Projekts «Graubünden Hike» geleitet und erklärt, wie es funktioniert:
- Einzelne Tiere in einer Herde werden mit einem Halsband mit GPS-Sender, einem Tracker, ausgestattet.
- Die Position wird alle 30 Minuten über ein Funknetz des Standards Lorawan auf einen Server übertragen.
- Einmal täglich werden die Positionsbestimmungen mit den zuvor digitalisierten Umrissen der Weidesektoren abgeglichen.
- Befinden sich mehrere Tiere in einem Sektor, wird er auf der Online-Karte rot gekennzeichnet. Wanderer sehen somit, welche Weiden sie umgehen sollten, um eine Begegnung mit Nutztieren zu vermeiden.
Benötigte Infrastruktur
Für das Tracking ist eine gewisse Grundinfrastruktur nötig. Nebst den Sendern braucht es eine gesicherte Netzabdeckung. Daher muss das ganze Gebiet durch ein Lorawan (Long Range Wide Area Network, deutsch Netzwerk mit hoher Wellenlänge und grosser Fläche) abgedeckt werden. Dieses Funknetz kann geringe Datenmengen über grössere Distanzen bei geringem Energieverbrauch übertragen. Die Netzwerke von Bergbahnen(für die Steuerung der Schneeanlagen) und das Swisscom-Netzwerk garantieren eine gewisse Grundabdeckung. Weiter braucht es eine Kartografierung der Weidekoppeln und deren Digitalisierung. Im Pilotprojekt wurden diese Arbeit in einer Zusammenarbeit von Plantahof, den Alpmeistern und dem Alppersonal gemacht. Die (digitale) Abgrenzung nach Koppeln ist nötig, um darzustellen, wo sich Kühe oder Herdenschutzhunde aufhalten und wo nicht. Zu guter Letzt braucht es eine Online-Plattform, welche die Karten erstellt und täglich aktualisiert. Im Pilotprojekt wurde das durch das Unternehmen Outdooractive gemacht.
Die exakte Position des einzelnen Tieres wird auf der publizierten Karte nicht dargestellt. Die Tierhalter können jedoch mit einem passwortgeschützten Zugang auf den Server zugreifen und den Standort jedes einzelnen Senders erkennen. Die Datenübertragung wird über die Firma Alptracker AG abgewickelt, welche die Sender herstellt. Die Darstellung der Online-Karten erfolgt über Outdooractive, ein Tourenportal für Outdoor-Sportler. Weitere Projektpartner waren die Flims Laax Falera Management AG, das Amt für Landwirtschaft und Geoinformation Graubünden, verschiedene Gemeinden, der Plantahof, die Alpkorporationen, Landwirte und Alpmeister.

Am häufigsten Probleme mit der Technik
Sechs Alpgenossenschaften im Gebiet der Weissen Arena in Flims-Laax hatten sich am zweijährigen Projekt beteiligt. Christian Erni von der Alpgenossenschaft Trin hat das Tracking von neun Betrieben koordiniert. Zu seinen Aufgaben gehörte dieregelmässige Kontrolle, ob die Sender funktionierten und ob die Daten auf den Karten richtig dargestellt wurden.
«Im letzten Alpsommer hatten wir einige Probleme mit den Batterien», berichtet Erni. «Im Grossen und Ganzen hat die Übertragung der Daten jedoch geklappt.» Die Mutterkühe hätten keine Probleme mit den Sendern, die etwa so gross sind wie eine Zigarettenschachtel, sagt Erni. Man habe auch Schafe letzten Sommer erfolgreich besendert.
«Was nicht funktionierte, war das Tracking von Herdenschutzhunden, weil diese weite Strecken zurücklegen und die Alpkoppeln auch manchmal verlassen.»
Christian Erni, Alpkorporation Trin
QR-Code an Weidetafeln ist sehr beliebt

Bei den Gästen kam das Angebot gut an, sagt Peter Oberholzer: «Einerseits gab es vonseiten der Outdoor-Sportler einzelne Rückmeldungen bei den Tourismus-Informationsstellen, andererseits hat die Website ‹Flims-Laax/Mutterkuh Tracking› überdurchschnittlich hohe Klickzahlen registriert.»
Auch der QR-Code mit Weblink, welcher auf einer Tafel an 100 Eingängen von Wanderwegen in einen Weidesektor angebracht ist, wurde häufig gescannt. Die rege Nutzung bestätigt Jascha Schmid von der Flims Laax Falera Management AG: «Wir stellen fest, dass sich die Gäste vor allem im Gelände informieren. Da sind die QR-Codes sehr hilfreich.»
Auch andere Destinationen sind interessiert
Jascha Schmid sieht im Projekt einen grossen Mehrwert für den Tourismus. «Wir sind weltweit die ersten und momentan einzigen, die das Tracking von Tieren so umsetzen.» Es hätten sich weitere Regionen, auch ausserhalb des Kantons, gemeldet, die Interesse zeigen. Flims-Laax-Falera wird das Projekt weiterführen. Die Flims Laax Falera Management AG wird laut Schmid die Trägerschaft und die laufenden Kosten übernehmen.
Anfallende Kosten
Die Kosten sind abhängig von der Grösse des Gebiets, der Anzahl Herden, der gesamten Anzahl Tiere sowie der vorhandenen Infrastruktur. Gemäss Tiefbauamt Graubünden fallen folgende Fixkosten an: - Antennen: 4500 Franken pro Stück, ohne Montage und Inbetriebnahme - Sender: einmalig 400 Franken für fünf Stück - Lizenzen (Nutzung Funknetz): 230 Franken pro Jahr für fünf Sender Hinzu kommen weitere Kosten für die Organisation und Koordination sowie die Digitalisierung der Daten, die im Pilotprojekt durch den Kanton und andere Partner finanziert wurden.
Die Basis ist gelegt
Peter Oberholzer zieht ein positives Fazit: «Das Angebot wird von den Touristen genutzt, die technische Machbarkeit ist nachgewiesen.» Die Alpgenossenschaften, welche sich beteiligt hätten, seien sehr engagiert und interessiert gewesen.
«Über den Nutzen des Systems für die Landwirtschaft wissen wir nur wenig.»
Peter Oberholzer, Projektleiter
Bei der Vorbereitung und Einführung des Trackings wurde offenbar den Tierhaltern nicht ausreichend klar gemacht, dass sie versuchen sollten, das Tracking der einzelnen Tiere in ihrem Arbeitsalltag auszuprobieren.
Tourismus sollte die Sender bezahlen
Christian Erni hat die Erfahrung gemacht, dass die Bereitschaft der Sömmerungsbetriebe, mitzumachen, zwar da sei. «Mit den technischen Sachen möchten die Älplerinnen und Älpler aber möglichst wenig zu tun haben.» Profitieren würde vorallem der Tourismus, sagt Erni.
Aus seiner Sicht wäre es daher angezeigt, wenn die Anschaffungskosten für die Sender von den Tourismusorganisationen getragen würden. Die Tracker, fünf Stück kosten 400 Franken, mussten die Alpkorporationen im Pilotprojekt bezahlen.

Die Grundlagen sind jedenfalls geschaffen, das Tracking auch in anderen Regionen durchzuführen. Der Ball liegt nun bei Tourismusorganisationen, Gemeinden und Alpgenossenschaften.

