Rund 30% aller Kälber, die auf Biobetrieben geboren werden, verlassen laut Zahlen von Bio Suisse den Biokanal. Die Zahl stammt aus Geburten auf Milch-, sowie auf Mutterkuhbetrieben. Die Branche ist bestrebt, diese Zahl zu verringern und ist auf der Suche nach Lösungen. Eine dieser Lösungsansätze ist beispielsweise die Bioweidemast.

Geringer Marktanteil

Der Marktanteil von Fleisch aus der graslandbasierten Bio-Weidemast ist gering, obwohl mehr Kilogramm Schlachtgewicht pro Hektare produziert werden, weniger Emissionen pro Kilogramm Schlachtgewicht verursacht und das Fleisch laut einer Agroscope-Studie (siehe Kasten) auch günstiger produziert wird als Fleisch aus Bio-Mutterkuhhaltung. Hinzu komme das erleichterte Management gegenüber einer Herde, bei der Fruchtbarkeit, Abkalbungen und Kälbergesundheit zentrale Erfolgsfaktoren sind, fasst Stefan Schürmann die Situation zusammen. Er arbeitet beim Institut für Agrarökologie und ist im Vorstand der IG Bio-Weidebeef und KAG-Freiland.

Durch GVE-Faktor benachteiligt

Im selben Atemzug betont er, dass künftig auch Mutterkuh Schweiz durch die Übernahme der Bio Weide-Beef Richtlinien der Migros und der geplanten Fusion mit der IG Bio-Weidebeef auf die Synergien zwischen Milch- und Fleischbetrieben setzt und diese Kopplung in Zukunft aktiv fördern wird. Die grosse Gemeinsamkeit ist «Fleisch aus Gras». Die graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion ist ressourceneffizient, da die Flächen- und Nahrungsmittelkonkurrenz gering sind und die Weidehaltung Tierwohl, Biodiversitätsförderung und Klimawirkung bestens vereint. Diese Vorteile sind auch in der Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung 2050 vom Bund (BLW, BLV und BAFU) beschrieben. Deshalb soll auch die Agrarpolitik 2030+ gute Rahmenbedingungen der Weidehaltung sicherstellen. Denn bisher seien die Bio-Weiderinder durch den unterschätzten GVE-Faktor benachteiligt gewesen.

Die Ergebnisse aus der kürzlich publizierten Agroscope-Untersuchung deuten darauf hin, dass die mangelnde Verfügbarkeit von Bio-Remonten ein wichtiger Grund zu sein scheint, warum das System bisher noch nicht grossflächig etabliert ist. Wie also geht die Branche damit um?

Es braucht Platz, Arbeit, Milch

Um den Missstand zu entschärfen, hat der Verein Bio Bern gemeinsam mit der Offensive «Bern ist Bio» und dem Institut für Agrarökologie das Berner Bio-Weiderind-Projekt lanciert. Als Auftakt dazu hat sich der Verein bei seinen Mitgliedern erkundigt, wie gross das Interesse wäre, auf dem Biobetrieb abgetränkte Bio-Kälber in einem Weidesystem auszumästen.

Regula Etter von Bio Bern hat die Umfrage lanciert. Die Ergebnisse geben der Agronomin Grund zur Annahme, dass das Interesse für das Anliegen bei den Remonten-Betrieben und auch bei den Partnerbetrieben grundsätzlich da ist. Sie weiss aber auch, dass das Abtränken auf dem Geburtsbetrieb mit einem Mehraufwand verbunden ist: Platz, Arbeit, Milch. «Dafür muss ein guter Mastremontenpreis gelten», weiss die Biobäuerin.

Die Idee der «Kälberringe»

Stefan Schürmann macht darauf aufmerksam, dass sich auch konventionelle Betriebe dieser Problematik bewusst und für neue Lösungsansätze offen sind. Auf diesen Zusammenhang fokussiert das Projekt des Rindergesundheitsdienstes «RegioKalb», wobei im Rahmen von Arbeitskreisen ein Konzept erarbeitet wird, um Geburts- und Mastbetriebe in Form von «Kälberringen» direkt zu verbinden.

Eine Nachfrage beim RGS hat jedoch ergeben, dass das Projekt aktuell stagniert, weil zu wenige Anmeldungen eingegangen sind.

«Der Kreislauf schliesst sich über zwei Betriebe, statt über einen»

Schürmann vermutet, dass viele Betriebe eine gewisse Zurückhaltung empfinden, wenn es darum geht, Kälber zwischenbetrieblich zu verschieben. Ihm sei bewusst, dass viele Betriebe den Kreislauf innerhalb des eigenen Betriebes schliessen möchten, sagt er. «Wenn ein Partnerbetrieb aber 120 Tage alte Tränker eines benachbarten Milchbetriebs auf der Weide ausmästet, läuft der Kreislauf einfach über zwei Betriebe, statt über einen», sagt Schürmann. «Die Milchbetriebe produzieren sowieso Kälber, also schliesst man durch die extensive Ausmast dieser Tränker einen Kreislauf und leistet gleich noch einen Beitrag zur Antibiotika-Reduktion, zumal die intensive Kälber- & Grossviehmast der Hauptverbraucher von Antibiotika ist».

Um die passende Kooperation für sich zu finden, rät Schürmann entweder direkt mit potenziellen Partnerbetrieben oder mit den Händlern zusammenzuarbeiten. «Die Betriebsstrukturen passen hier in der Schweiz eigentlich nicht schlecht zusammen», so Schürmann. Für Biobetriebe können je nach Verfügbarkeit auch Demeter-Remonten in Frage kommen.

Als Alternative zum Abtränken auf dem Geburtsbetrieb müssten in diesem Zusammenhang auch Ammenkuhbetriebe beachtet werden, so Schürmann. Diese übernehmen Tränker und produzieren so Remonten. Schürmann sieht in dieser Nische einen klaren Vorteil: Den Betriebsleiter oder die Betriebsleiterin reut die Milch nicht so sehr, wie das auf einem Geburtsbetrieb der Fall sein kann, denn die Milch der Ammenkuh ist nur für das Kalb bestimmt, nicht für den direkten Verkauf in den Verkehrsmilchkanal.

Wer kauft das Fleisch?

Die Haltung der Biotränker auf dem Betrieb während mindestens vier Monaten sei hinsichtlich der Rentabilität «schwierig», sagt Schürmann. Das andere sei der Verkauf des Fleischs der Bioweiderinder vom Partnerbetrieb. Bio Bern sei aktuell mit einem potenziellen Abnehmer in Kontakt, der einige Tiere monatlich abnehmen könnte, sagt Projektleiterin Regula Etter. Sie rät, vor der Umstellung auf Bioweidemast einen Abnahmevertrag mit möglichen Abnehmern wie Aldi (Retour aux Sources Weiderind), Lidl (Lidl Organic Weiderind) oder Migros (Bioweidebeef) mit ihren spezifischen Übernahmebedingungen zu vereinbaren, damit eine Abnahme auf jeden Fall garantiert ist. «Bei Aldi sind beispielsweise aktuell Bio Weidemast-Partnerbetriebe gesucht, mit einem Liefervorrang für Retour aux Sources Weiderinder», sagt Stefan Schürmann.

Zugang zur Gastronomie vereinfachen

Parallel dazu bauen verschiedene Branchenakteure ein Programm auf, das den Zugang zur Gastronomie erleichtern soll. Dieser Absatzkanal ist besonders für schwere Tiere geeignet, da dort die Portionierung der Stücke weniger streng eingehalten werden muss, als dies beim Labelfleisch im Detailhandel der Fall ist.

Regula Etter vermutet, dass das System Bioweidemast noch nicht grossflächig verbreitet ist, aber «es ist am Kommen», so das Bio-Bern-Vorstandsmitglied. Die Branche hat erkannt, dass die Kopplung von Milch und Fleisch unausweichlich ist. «Demnach sollen vermehrt auch F1-Tiere und Ochsen aus der Milchviehhaltung einen Markt finden», so Etter.

Anforderungen an den Geburtsbetrieb

Die Anforderungen an den Geburtsbetrieb sind bekannt. Solche Milchviehbetriebe finden sich in einem Umfeld wieder, indem die Nachfrage nach Bio-Remonten steigt. Zudem entsteht durch das Abtränken auf dem Geburtsbetrieb die Möglichkeit zur Verwertung der überschüssigen Milch, was in Zeiten eines sinkenden Milchpreises attraktiv sein könnte. Diese Vorteile sind einem FiBL-Merkblatt zum Thema zu entnehmen.

Wie sehen die Anforderungen an die Bioweidemast-Betriebe aus? Regula Etter verweist in diesem Zusammenhang auf die Richtlinie der Bioweidebeef-Produktion. Auf jeden Fall gilt es, die Fressplatzbreiten einzuhalten. Für die Ochsen eignen sich laut Etter Tiefstreuliegeplätze oder Hochboxen besser als Tiefboxen.

Die Betriebe müssen die Graslandbasierte Milch und Fleischproduktion (GMF) sowie RAUS einhalten. Zudem gilt eine Laufstallpflicht. Das Weide-RAUS ist freiwillig. Dieses schreibt einen TS-Verzehr von 70% TS auf der Weide vor. Hier gilt: Lieber eine etwas kleinere Herde, dafür das Weide-RAUS erfüllen. «Das ist auch finanziell interessant», so Schürmann. Das BLW verfügt über ein offizielles Berechnungs-Formular für das Weide-RAUS.

Was stallbautechnisch sonst noch zu beachten ist:

Ideal ist eine Einteilung in drei Gruppen. Eine Gruppe für die jungen Kälber bis 1,5-jährig, dann je eine Ausmastgruppe für die Ochsen und eine für die Rinder, weil die Ochsen den höheren Energiebedarf haben bzw. die Rinder schneller verfetten. Generell kann man als Ersatz für 20 Milch- oder Mutterkühe mit rund 40 Weiderindern rechnen, zumindest was den Futterbedarf anbelangt. Natürlich muss die Herdengrösse auch auf die Weidefläche und die Stallverhältnisse angepasst sein.

  • Unterteilung in 3 Gruppen (idealerweise)
  • Genügend eingestreute Fläche
  • Permanent zugängliche Laufhöfe
  • Dauerhafte und starke Absperrungen
  • Selbstfanggitter einbauen
  • Mindeststallmasse Mastvieh, Jungrinder bis über 400kg SG
  • Alter Mastvieh/ Jungvieh >12/20 Monate und LG über 400kg brauchen eine eingestreute Liegefläche von mindestens 3 m2

Anforderungen an die Fütterung

Hinsichtlich der Fütterung gibt es auch bei der Bio-Weidemast verschiedene Intensitäten. In der «intensivierten» Mast schaut man genau auf den Bedarf und stimmt das Futter entsprechend ab. Dies ist jedoch je nach Saison schwierig zu treffen, sagt Stefan Schürmann. «Schlussendlich ist es auch eine Genetikfrage», so Schürmann.

Als passendes Beispiel nennt Regula Etter die Limousin-Rasse, die für die intensivere Mast geeignet sei. «Hat man eine weniger intensive Futtergrundlage, eignen sich z.B. Anguskreuzungen gut. Hat man eine gute Futtergrundlage sind Aubrac- oder Charolaiskreuzungen eher besser geeignet.» Schürmann verweist dazu auf die aktuellen FiBL-Merkblätter zum Thema Kälberaufzucht und Bioweidemast. Weiderinder seien kompatibel mit einer Sömmerung, aber es brauche eine geeignete Alp, sagt Schürmann.

Die Vorteile der Bioweidemast

Für Regula Etter liegen die Vorteile für die Mastbetriebe auf der Hand: «Es ist sicher eine einfachere Form, Fleisch zu produzieren als in einem Mutterkuh-System», sagt sie. Man muss sich um keine Abkalbungen kümmern, es rennen keine kleinen Kälber in der Herde herum, die Kontrolle der Brunst fällt weg, sowie den Druck, dass alle Kühe trächtig sind.

Dazu fällt die Haltung eines Stiers weg – und schlussendlich füttert man nur diejenigen Tiere, die effektiv auch zu einem interessanten Preis geschlachtet werden können, so Etter. «Zudem bietet dieses System durch die Schliessung eines Kreislaufs interessante Antworten auf die Klimafrage, wie wir in der Schweiz nachhaltig Fleisch produzieren können», betont sie. Die Remonten seien schon sehr robust, wenn sie auf den Hof gelangten – und so weniger krankheitsanfällig als die frischgeborenen Kälber.

Laut dem FiBL ist die Tierhaltung sowie das Management bei der Bioweidemast einfacher, die Beweidung steiler Weiden besser möglich und der Tierbestand könne einfacher dem Futter angepasst werden. Weitere Vorteile seien tiefe Baukosten und die gute Kombinierbarkeit mit anderen Betriebszweigen oder einem Nebenerwerb.

Parasitendruck im Auge behalten

Die Risiken in diesem System liegen beim Einschleppen von Krankheiten und Parasiten: Man hat keine eigene Herde und ist abhängig vom Remontenmarkt. «Das Parasitenmanagement ist wichtig bei der Weidehaltung. Es rät sich, regelmässig Kotproben zu machen, um allenfalls zu entwurmen», so Schürmann.

Agroscope Bioweidemast Studie
In der Studie von Agroscope aus dem Jahr 2024 wurden zehn spezialisierte Weidemastbetriebe aus den Programmen Bio-Weidebeef und Silvestri Bio-Weiderind und elf IP-Suisse-Betriebe mit Intensiv-Rindermast untersucht. Ausgehend von den IP-Rindermastbetrieben erfolgte zusätzlich eine Hochrechnung auf einen konventionellen Intensiv-Rindermastbetrieb mit 100 Plätzen nach gesetzlichem Minimalstandard (Tierschutzverordnung).

Bioweidemast:
Laut Agroscope-Studie bringt sie eine «mässige Wirtschaftlichkeit».

Arbeitszeit je Mastplatz:
Die Arbeitszeit je Mastplatz und Jahr betrug 31 Stunden bei Bio-Weidemast- und IP-Suisse Intensivmast-Betrieben, während der konventionelle Modellbetrieb aufgrund des grösseren Bestandes und einfacheren Aufstallungssystems (Spaltenböden) nur 20 Stunden je Mastplatz benötigte.

Futterkosten:
Während die Bio-Weidemast im Durchschnitt nur 20 Rappen je kg SG für Ergänzungsfutter aufwendet, sind es bei den Intensivmastsystemen 12-mal mehr (2,46 Fr.). Dazu kommt der hohe Einsatz von Maissilage in den Intensivmast-Systemen, die sich auch in den höheren Maschinenkosten widerspiegeln (Lohnunternehmerkosten).

Wirtschaftlichkeit:
Die Bioweidemast erlangte aufgrund der höheren Tierwohl-Standards mit einer Arbeitsverwertung von gut 11 Fr. je Stunde gegenüber der intensiven Mast eine «mässige» Wirtschaftlichkeit.

Kostendeckung:
Bei der Weidemast bringen tiefe Kosten, höhere Direktzahlungen und höhere Preise mit knapp 21 Fr. Arbeitsverwertung trotz tieferer Produktivität deutlich bessere Ergebnisse. Noch besser steht allerdings der Modellbetrieb mit 100 Mastplätzen da: Aufgrund der hohen Produktivität erreicht er mit gut 26 Fr. Arbeitsverwertung nahezu eine volle Kostendeckung und produziert gleichzeitig auch das günstigste Rindfleisch.

Produktivität:
Die Produktivität bei der Intensivmast lag laut der Agroscope-Studie mit 1200 kg je Hektare fast dreimal höher als bei der Weidemast (450 kg Schlachtgewicht je Hektare Hauptfutterfläche).

Die Studienautoren halten fest, dass die Bio-Weidemast mit Remonten wirtschaftlich attraktiv sei. Zudem trage die Spezialisierung und die weitgehende Vereinfachung des Produktionssystems zu einer «sehr guten Arbeitseffizienz» bei, was vergleichsweise hohe Arbeitsverwertungen ermögliche.

Stefan Schürmann merkt an: «Weidemasttiere sind gemäss der Präsentation des Bio Viehtags vom FiBL Netto-Protein-Produzenten, da in der Weidemast kaum Proteine aus Ackerfrüchten eingesetzt werden».

Die intensive Rindermast sei zwar deutlich produktiver und produziere das Fleisch günstiger, weil der Weidemastbetrieb laut der Agroscope-Studie 64% höhere Kosten für Remonten aufwendet. Zudem könne man im intensiven Rindermast-System günstiger Fleisch produzieren, erreiche aber nur bei grösseren Beständen eine gute Wirtschaftlichkeit.

Regula Etter erwähnt in diesem Zusammenhang die längere Mastdauer als weiterer Kostenfaktor für die Weidemast.

Wo scheitert es also?
Die Studienautoren kommen zum Schluss, dass die Verfügbarkeit von Bio-Remonten für die Erhöhung des Marktanteils in der Bio-Weidemast ein Nadelöhr zu sein scheint. Dieser Engpass könnte beseitigt werden, wenn der gesamte Bio-Rindviehsektor unter Einbezug der Milchproduktionsbetriebe besser aufeinander abgestimmt wäre, sodass mehr Remonten von Biomilch-Betrieben an die Bio-Weidemast verkauft würden, so ihr Vorschlag.