Seit 2020 ist die muttergebundene Kälberaufzucht, kurz MuKa, in der Schweizer Milchproduktion erlaubt. Anders als in der konventionellen Milchviehhaltung wächst das Kalb hier bei seiner Mutter auf und wird von ihr gesäugt. Die Kühe werden weiterhin gemolken und die Milch verkauft.
In der Schweizer Milchproduktion ist die muttergebundene Kälberaufzucht heute noch eine Nische. «Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, wie diese Haltung und Produktionsform umgesetzt werden kann», erklärt Cornelia Buchli Tierärztin und Leiterin der MuKa-Fachstelle am Webinar der Rindergesundheit Schweiz (RGS).
Ein Hauptunterscheidungsmerkmal liegt in der Tageskontaktzeit:
Vollzeitkontakt: Kuh und Kalb haben hier rund um die Uhr freien Zugang zueinander.
Halbtageskontakt: Die Tiere werden zwölf Stunden gemeinsam gehalten, entweder tagsüber oder nachts. «Die Kälber werden zum Beispiel am Abend von der Kuhherde getrennt und werden morgens nach dem Melken wieder in die Herde gelassen», erklärt Cornelia Buchli.
Restriktiver Kontakt: Die Jungtiere kommen zwei bis dreimal pro Tag, vor oder nach dem Melken zur Mutter.
«Um es noch ein bisschen komplexer zu machen, ist es eben nicht unbedingt so, dass pro Betrieb nur eine Kontaktform umgesetzt wird», erklärt Buchli. Nicht wenige Betriebe würden die Kontaktform vom Kälberalter abhängig machen.
Empfehlenswert sei dabei: Je jünger das Kalb, desto länger und uneingeschränkter der Kuh-Kalb-Kontakt. Die Reduzierung der Kontaktzeit mit zunehmendem Alter wirke sich sogar positiv auf die spätere Entwöhnung aus.
Durchschnittliche Kontaktdauer von vier bis sechs Monaten
Die Entwöhnung sollte laut Buchli aufgrund der Entwicklung des Immunsystems frühstens auf die 12. Woche gelegt werden. Zu diesem Zeitpunkt sollten die meisten Kälber über eine ausreichende aktive Immunität aufweisen, um eine allfällige Infektion bekämpfen zu können. In der Natur werden die Jungtiere mit acht bis zwölf Monaten entwöhnt. «Auf MuKa Betrieben beträgt die Kontaktdauer im Durchschnitt rund vier bis sechs Monate», so Buchli.
Gemolken wird in den meisten MuKa-Systemen wie in der konventionellen Milchviehhaltung noch immer zweimal täglich. Durch das Säugen des Kalbes eröffne sich allerdings die Möglichkeit nur einmal täglich zu melken. Dann werden Muttertier und Kalb in einem Halbtageskontakt-System gehalten.
Melkroboter und Kalb: die Erfahrungen sind positiv
Auch die Kombination von Melkrobotern und MuKa ist laut Buchli möglich. Aktuell sei diese Kombination in der Schweiz aber noch selten. «Hier sind uns die Skandinavier und unser direkter nördlicher Nachbar Deutschland voraus», sagt sie.
Die Erfahrungen aus dem Ausland seien positiv. Gerade durch die heutigen technischen Möglichkeiten sieht Buchli grosses Potenzial für die Kombination von Technik und Kalb.
Im Anbindestall ist eine Abkalbebox empfehlenswert
Auch in der Anbindehaltung ist MuKa möglich. Allerdings ist hier nur ein restriktiver Kontakt erlaubt. «Der tägliche Kontakt erfolgt idealerweise im Laufhof oder im Sommer auf der Weide», empfiehlt Buchli.
Damit Kuh und Kalb nach der Abkalbung möglichst uneingeschränkt eine Bindung aufbauen können, empfiehlt die Tierärztin zudem die Einrichtung einer Abkalbebox. So können Kuh und Kalb in den ersten Tagen nach der Geburt uneingeschränkt eine Bindung aufbauen.
Vier Mythen auf dem Prüfstand:
In den letzten Jahren wurden international vermehrt Untersuchungen zum Thema Kuh-Kalb-Kontakt durchgeführt. Dadurch wurden immer mehr Erkenntnisse über die Haltungsform gewonnen. Trotzdem bestehen laut Cornelia Buchli aber immer noch einige Mythen.
Mythos Nr. 1: «Milch von säugenden Kühen abzuliefern war lange Zeit aus hygienischen Gründen verboten.»
Fakt: Es gab zwar ein indirektes Verbot, allerdings nicht aus hygienischen Gründen. Vielmehr war die Milch in der Verordnung über Lebensmittel tierischer Herkunft als «das ganze Gemelk» definiert. Wenn ein Kalb saugt, so die Auslegung, handle es sich nicht mehr um den ganzen Euterinhalt.
«Hintergrund war ein ganz alter Gesetzesartikel, der verhindern sollte, dass der Landwirt vor dem Verkauf den Rahm abschöpfen konnte», erklärt Buchli. Mithilfe der Motion Munz wurde der Artikel 2020 in der Verordnung angepasst. Seither ist muttergebundene Kälberaufzucht in der Schweiz erlaubt.
Mythos Nr. 2: «Milchkühen wurde der Mutterinstinkt weggezüchtet.»
Fakt: «Die Mütterlichkeit war zwar nie ein Zuchtmerkmal bei Milchkühen, dennoch verfügt selbst eine Hochleistungsmilchkuh klar über einen Mutterinstinkt und weiss, wie sie sich nach der Geburt um ihr Kalb zu kümmern hat», so Buchli.
Dieser Instinkt sei tief angelegt. «Selbst eine Kuh, die schon mehrere Kälber geboren hat und auch von ihnen getrennt wurde, kann sich um ihr Kalb kümmern, auch wenn sie es nicht gelernt hat», erklärt die Tierärztin.
Mythos Nr. 3: «Die Zellzahlen sind bei säugenden Kühen höher.»
Fakt: «Sowohl wissenschaftliche Untersuchungen als auch Erfahrungsberichte zeigen, dass die Zellzahl durch das Säugen nicht beeinträchtigt ist und sich grundsätzlich auf einem gesunden Level bewegt», erklärt die Fachfrau.
Wie bei automatischen Melksystemen können die Zellzahlen aufgrund der höheren mechanischen Beanspruchung bei der muttergebundenen Kälberaufzucht minimal höher sein. «Viele Betriebe berichten aber sogar von tieferen Zellzahlen nach der Umstellung», ergänzt die Tierärztin.
Mythos Nr. 4: «Eine späte Trennung ist für Kuh und Kalb schlimmer, im Vergleich zur sofortigen Trennung nach der Geburt.»
Fakt: Hier muss laut Buchli differenziert werden. «Der Bindungsaufbau zwischen Muttertier und Jungtier beginnt im Prinzip bereits im Uterus. Nach wenigen Tagen, man spricht hier von rund drei Tagen, ist diese individuelle Bindung gefestigt», erklärt Cornelia Buchli.
Laut Studien sei eine Trennung nach einigen Tagen mit ausgeprägtem Stressverhalten bei den Kühen verbunden. Spreche man aber von einer Trennung nach mehreren Monaten, sei die Situation wieder eine andere: «Wir nähern uns damit einer natürlichen Entwöhnung», erklärt sie.
Je langsamer dieser Prozess dauere, und vor allem je gradueller dieser sei, desto schonender die Trennung. «Ein abruptes Entwöhnen verursacht also mehr Stress und Trennungsschmerz als eben ein stufenweiser Prozess», so die Fachfrau. Die Rede sei dabei von einem Entwöhnungsprozess von einigen Wochen.
Vorteile und Herausforderungen der muttergebundenen Kälberaufzucht
Untersuchungen zeigen folgende Vorteile:
- MuKa-Kälber weisen höhere Gewichtszunahmen auf als Kälber ohne Mutterkontakt
- MuKa-Kälber sind generell robuster
- Ausgeprägteres und kompetenteres Sozialverhalten: MuKa-Kälber lernen früh die sozialen Hierarchien innerhalb der Herde und wissen, wie sie auf das Verhalten adulter Tiere reagieren müssen. Das fördert die Ruhe in der Herde.
- Hohes Tierwohl für Kuh und Kalb: Können ihr Verhaltensrepertoire breit ausleben. Die Kuh kann ihr maternales Verhalten ausleben und das Kalb erfährt mütterliche Fürsorge.
- Das Saugbedürfnis wird auf natürliche Weise gestillt
- Nachahmungseffekt: MuKa-Kälber ahmen schon sehr früh das Verhalten des Muttertiers nach, etwa bei der Raufutteraufnahme
- Zufriedene Landwirte: In Studien berichten befragte Landwirte von einer höheren Zufriedenheit seit der Umstellung – sie gehen wieder lieber in den Stall.
Folgende Herausforderungen / Nachteile gibt es:
- 30 bis 50 % weniger Milch zum Verkauf: Im Schnitt 30%, kann aber auch mal bis zu 50% sein
- Erhöhter Platzbedarf, weil neben den Kühen auch die Kälber im Stall leben
- Stallanpassungen nötig: Potenzielle Verletzungsgefahren für die Kälber müssen eliminiert werden, z.B. müssen die Spaltenböden angepasst werden
- Ausgeprägtere Tierindividualität: Dass nicht jede Kuh gleich ist, kommt laut Cornelia Buchli in der MuKa-Haltung noch stärker zum Ausdruck. Das merke man insbesondere bei der Melkbarkeit und der Entwöhnung.