Ein Blick in den Gesundheitsbericht der Suisag zeigt, dass im Jahr 2024 bei Tieren aus Zuchtbetrieben, hauptsächlich bei Absetzferkeln, tendenziell mehr Ödem-Fälle festgestellt wurden als in den Vorjahren. Auch die Bakteriologie und Pathologie Zürich verzeichneten 2025 einen Anstieg an nachgewiesenen Fällen.
Was verursacht die Ödemkrankheit?
Verantwortlich für die Ödemkrankheit sind spezifische E.Coli-Stämme mit dem Anheftungsfaktor F18. Der Erreger bindet im Darm des Ferkels an ansprechende Rezeptoren und produziert das sogenannte Shigatoxin 2e. Das Gift schädigt die Blutgefässe und führt zu Flüssigkeitsansammlungen im umliegenden Gewebe, den Ödemen.
Besonders tückisch: Das Toxin dockt an rote Blutkörperchen an und verteilt sich so rasch über den Blutkreislauf im ganzen Körper. «Klassischerweise treten die Ödeme am Augenlid, dem Nasenrücken und im Magen-Darmtrakt auf», erklärt Alexander Grahofer von der Schweineklinik Bern an der UFA 2000-Tagung in Lyssach BE.
50 bis 90 Prozent der erkrankten Tiere sterben
Besonders häufig betroffen sind Absetzferkel, typischerweise etwa zwei Wochen nach dem Absetzen. Laut Grahofer infiziert der Erreger meist 30 bis 40 Prozent der Tiere einer Bucht. Die Sterblichkeit bei den erkrankten Tieren ist mit 50 bis 90 Prozent hoch. Unterschieden wird zwischen drei Verlaufsformen, wobei die chronische Form eher selten auftritt:
Perakut: Die Tiere sind plötzlich tot, ohne vorher Krankheitsanzeichen zu zeigen
Akut: Ödeme, schwankender Gang, Husten, komische Lautäusserungen, blaue Ohren und komische Liegestellungen
Chronisch: Kümmerer mit schlechtem Wachstum und Schiefhaltung des Kopfes
«Wichtig ist, die Tiere zeigen keine erhöhte innere Körpertemperatur», so Grahofer.
Um mit Sicherheit sagen zu können, dass das Schwein an der Ödemkrankheit verendet ist, sind eine klinische sowie eine pathologische Untersuchung notwendig. Nur wenn sowohl der Erreger E.Coli F18 als auch das Shigatoxin 2e nachgewiesen werden, handelt es sich tatsächlich um die Ödemkrankheit.
Für die Ödemkrankheit braucht es Erreger und Toxin
«Untersuchungen in der Pathologie in Zürich ergaben, dass 2019 bei nur 50 Prozent der Verdachtsfälle sowohl Erreger als auch Toxin festgestellt werden konnten. Im vergangenen Jahr konnte bei acht von 20 Fällen der Verdacht nicht bestätigt werden», so Alexander Grahofer. Eine deutsche Studie auf Buchten- und Bestandesebene zeigte bei zehn Prozent der Fälle eine Diskrepanz. «Wenn nur das Toxin nachgewiesen wird, heisst das nicht, dass es sich um die Ödemkrankheit handelt. Möglicherweise gibt es weitere Erreger, die ebenfalls das Toxin produzieren», erklärt Grahofer.
Tritt die Ödemkrankheit im Bestand auf, ist rasches Handeln gefragt. Typischerweise wird in einer Gruppentherapie Colistin verabreicht. Bei akut erkrankten Tieren sei der Therapieerfolg allerdings gering, da sich das Toxin über den Blutkreislauf bereits im ganzen Tier verteilt hat, so Grahofer.
Genetik als Schlüssel zur Vorbeugung
Durch eine natürliche Mutation fehlen E.coli F18 resistenten Schweinen die spezifischen Rezeptoren, an die E.coli F18 andocken können, sodass die Krankheit gar nicht ausbrechen kann. Das Zuchtprogramm der Suisag leistet dabei durch systematische Genotypisierung und Selektion wichtige Arbeit. Bereits heute sind alle Premo-, Landrassen und Edelrasse-KB-Eber vollständig reinerbig resistent. «Bei den Duroc-Ebern sind es laut aktuellen Daten 70 Prozent, bei den Pietrain-Ebern 84 Prozent», so Grahofer.
Da das F18-Gen dominant vererbbar ist, reicht es für eine Erkrankung, wenn die Nachkommen das Gen von nur einem Elternteil erhalten. «Setzt ihr einen Eber ein, der nicht reinerbig resistent ist, sind 50 Prozent der Nachkommen anfällig für Ödemkrankheit bei einer reinerbigen Mutter», warnt Grahofer. Sein klarer Rat: auf reinerbig resistente Eber setzen.
Warum häufen sich die Fälle?
Aufgrund der HIS-Problematik sind viele Schweinehalter in den letzten Jahren auf Duroc- oder Pientrain-Eber umgestiegen. Dies könnte ein Grund für das häufigere Auftreten der Ödemkrankheit sein.
Teils wurde aber auch bei resistenten Tieren die Problematik festgestellt. Dabei konnte jedoch bei einigen Tieren nur das Shigatoxin oder nur der E.Coli F18 nachgewiesen werden. Um dieser Sache auf den Grund zu gehen, wurde ein Experten-Panel gegründet.
Management-Massnahmen sind entscheidend
Zur Reduzierung der Ödemkrankheit sind Management-Massnahmen entscheidend. Diese beginnen bereits bei der Geburt der Ferkel: In den ersten 24 Stunden sollten Ferkel 250 bis 300 Gramm Kolostrum aufnehmen.
Besonders viel Aufmerksamkeit gilt es dabei den zuletzt geborenen Ferkeln zu schenken. Denn durch die immer grösseren Würfe und die damit verbundenen niedrigeren Ferkelgewichte und längeren Geburtsdauer sind dies die schwächsten und am schlechtesten mit Immunglobulinen versorgten Tiere.
Ferkel vor dem Absetzen an festes Futter gewöhnen
Bereits vor dem Absetzen empfiehlt Grahofer, die Ferkel an festes Futter zu gewöhnen. Denn eine rasche Futteraufnahme nach dem Absetzen sei zentral. «Rund 50 Prozent der Ferkel fressen erst zehn Stunden nach dem Absetzen das erste Mal etwas», erklärt Alexander Grahofer.
Dies führe dazu, dass die Ferkel durch das starke Hungergefühl so viel fressen, dass sich der Magen-pH massiv erhöht, wodurch sich schlechte Erreger wie E.coli besser vermehren und die Ferkel auch häufiger an Verdauungsschwierigkeiten leiden. Aus diesem Grund sei es wichtig, die Jungtiere bereits bei der Mutter ans Fressen zu gewöhnen. Zusätzlich für ein genügend saures Milieu im Magen sorgt die Zufütterung von Silage, Schotte, organischer Säure oder Cola.
Ohne Wasser keine Futteraufnahme
Zudem empfiehlt Alexander Grahofer, die Ferkel frühmorgens abzusetzen. Studien zeigen, dass Ferkel meist nur tagsüber fressen, sodass ihnen beim Absetzen am morgen genügend Zeit für die Futteraufnahme bleibt. Zudem sollten die Tiere nicht unter einem Gewicht von drei bis vier Kilo abgesetzt werden.
Genauso wichtig wie die rasche Futteraufnahme sei die rasche Wasseraufnahme. Auch hier zeigen Studien, dass Ferkel teilweise bis zu 36 Stunden nach dem Absetzen kein Wasser trinken. «Dabei ist das sehr wichtig, denn nehmen die Tiere kein Wasser auf, fressen sie auch nichts», so Grahofer.
Reinigung mit Säure alleine reicht nicht aus
Wasser kann auch eine Eintragsquelle für E.Coli sein, sei es die hofeigene Quelle oder die Leitungen. Die regelmässige Kontrolle der Wasserqualität ist daher essenziell.
Bei Problemen reicht eine Reinigung mit Säure allein nicht aus. Es muss eine mechanische Reinigung vorgenommen werden, damit der Biofilm aus den Leitungen vollständig entfernt wird.
Impfungen – Eine Option für betroffene Bestände
Bestände mit Problemen können prophylaktisch eine Mutterschutzimpfung oder Ferkelimpfung vornehmen. Wichtig bei der Mutterschutzimpfung sei, diese bereits früh vor der Abferkelung vorzunehmen, da die Antikörper zuerst gebildet und ins Kolostrum gelangen müssen. «Wir wissen beim Schwein noch nicht den genauen Zeitpunkt, aber die Milch-Blutschranke ist um die Geburt bereits geschlossen, sodass keine Antikörper mehr ins Kolostrum gelangen können», erklärt Grahofer. Daher sollte bei der Grundimmunisierung die erste Impfung sieben bis sechs Wochen und die zweite Impfung vier bis drei Wochen vor der Abferkelung erfolgen.
«Die Impfung alleine ist nicht der Erfolg»
Die Ferkelimpfung ist ab dem vierten Tag zugelassen. Anders als die Mutterschutzimpfung bildet sie Antikörper gegen das Toxin statt gegen den Erreger und neutralisiert dieses. Nach 21 Tagen ist die Immunität aufgebaut und hält bis zum 105. Tag an.
Für Alexander Grahofer ist aber wichtig: «Die Impfung alleine ist nicht der Erfolg, sondern es müssen auch Managementfaktoren geändert werden.» Besteht kein Problem mit der Ödemkrankheit auf dem Betrieb, empfiehlt der Tierarzt auf eine rein prophylaktische Impfung zu verzichten.