Deutschland hat die nationale Tierschutztransportverordnung angepasst. Ab 2023 gilt für Kälber ein Mindesttransportalter von 28 Tagen statt wie bisher 14 Tagen. Die Branche erachtet diese Lösung mehrheitlich als unbefriedigend. Während die Plätze bei den Kälbermästern, also den Profis, leer stehen, verdoppeln sich die Kälber und damit die Kosten auf den Milchproduktionsbetrieben, wird begründet. Schlecht für die Bauern aber gut für die Kälber?

USA geht ins andere Extrem

In den USA wird quasi das Gegenteil gemacht. Dort werden Kälber am Tag der Geburt zu einem spezialisierten Aufzuchtbetrieb transportiert. Alles, was die Geburtsbetriebe zu machen haben, ist die Kolostrumversorgung. «Das kann funktionieren, setzt aber voraus, dass eine gute Betreuung der Neugeborenen auch wirklich sichergestellt ist», erklärt Martin Kaske, Geschäftsführer beim Kälbergesundheitsdienst (KGD), auf Anfrage.

Transporte sind immer eine Belastung

In der Schweiz ist seit November 2015 eine Branchenlösung in Kraft, die vorsieht, dass die Kälber nach der Geburt während 21 Tagen auf dem Geburtsbetrieb verbleiben. Das ist eine Woche weniger als unser nördliches Nachbarland nun fordert. Würden 21 Tage denn grundsätzlich reichen, oder sollte die Schweiz, die sich gerne ob ihrem höchsten Tierschutzgesetz rühmt, hier nicht nachziehen?

«Zunächst einmal ist schlicht davon auszugehen, dass jeder Transport eine Belastung für das transportierte Tier darstellt», erklärt Martin Kaske. Der Grundgedanke der Branchenempfehlung sei insofern sicher sinnvoll: denn je älter ein Kalb, desto besser kann es die Belastungen eines Transports kompensieren. «Letztlich sind die Bedingungen vor, während und nach dem Transport aber wichtiger für die Fähigkeit zur Stressbewältigung als das Alter des Kalbes allein», gibt Kaske zu bedenken. «Es ist trotz der vorgeschriebenen Transportdokumente häufig nicht oder nur sehr schwer möglich, die einzelnen Stationen des Tränkers zwischen Geburts- und Mastbetrieb nachzuvollziehen. Auch ob und wie eine Versorgung der Tränker auf Sammelstationen stattfand, ist nicht eindeutig zu klären.» Doch genau das wären allerdings die zentral wichtigen Aspekte für die Fähigkeit des Tränkers, einen Transport schliesslich gut zu überstehen.

Die Lösung scheint also unbefriedigend. Auch wenn die Schweiz es den Deutschen gleichmachen würde und die Kälber eine Woche länger auf dem Betrieb verbleiben müssten, würde das den Gesundheitszustand der Tränker kaum markant verbessern.

Eigene Tränker aufzuziehen wäre schonender

Als optimale Lösung bezeichnet Martin Kaske schliesslich jene, die einen Transport schlicht überflüssig machen würde. «Wenn mehr Betriebe die eigenen Tränker aufziehen bzw. mästen würden, wäre das gegeben», ist er sicher. Die Margen, die sich bei der bäuerlichen Kälbermast erzielen lassen, sind aber extrem niedrig. Und genau das macht es für Geburtsbetriebe nicht lukrativ – das ist der Grund, weshalb die Tränker vermarktet werden. Hinzu kommt, dass in der Schweiz die Tränker knapp sind, dies, weil die Anzahl der Milchkühe kontinuierlich abnimmt. «Zudem sind Tränker recht teuer. Insbesondere die immer mehr produzierten Gebrauchskreuzungen – das ist eine besondere Situation verglichen mit dem gesamten europäischen Ausland», weiss Kaske. Und genau das mache die Abgabe der Tränker für den Geburtsbetrieb schliesslich auch interessant.

Transportdauer strikte begrenzen

Ein Transport scheint also nicht vermeidbar zu sein. Martin Kaske ist überzeugt, dass es deshalb eine strikte Begrenzung der Transportdauer bräuchte. «Und damit ist nicht nur die eigentliche Fahrzeit gemeint, sondern die gesamte Zeitspanne zwischen dem Aufladen auf dem Geburtsbetrieb und dem Abladen auf dem Zielbetrieb.» Zudem sei eine Vermeidung von Umladungen, Sammelstationen, Viehmärkten und Kälbermärkten anzustreben. «Das ist im Hinblick auf die Biosicherheit ein gewaltiges Problem, denn es werden Kälber aus vielen Herkunftsbetrieben zusammengebracht. Es erfolgt so ein intensiver Austausch zahlreicher unterschiedlicher Infektionserreger aus verschiedenen Betrieben zwischen Tieren mit einem noch nichtfertig ausdifferenzierten Immunsystem – mit der Konsequenz zahlreicher späterer Erkrankungen», fasst der Tierarzt zusammen.

Die Maktstruktur ist das Problem

Der Hund scheint also nicht in erster Linie im Verbleib der Kälber auf dem Geburtsbetrieb, sondern vielmehr in der Struktur der Schweizer Milchwirtschaft begraben zu sein. Denn häufig wird nur ein Kalb pro Betrieb abgegeben. Und dieses macht vom Start bis zum Ziel meist mehrere Stationen durch: Kleine Händler – grössere Viehhändler – Sammelstation – Transport zu einem weiteren Markt (Verkauf bzw. Sortierung der Tränker gemäss Genetik und Gewicht) – Zusammenstellung neuer Gruppen, die dann an die Mästerin ausgeliefert werden. An dieser Struktur würde auch ein längerer Verbleib auf dem Geburtsbetrieb nichts ändern.